„Sie meinen Göthe,“ sagte der Baron, „und die sogenannten unächten Wanderjahre. Nun, da sind wir ja schon so ziemlich weit von unserm ersten Diskurse abgekommen.“
Es trat eine Pause ein, Alle schienen verstimmt, Dorothea war tief bewegt. Indem der Bediente jetzt den Braten brachte, rief die Baronesse: „Ach! wie konnte ich nur die arme kranke Wittwe vergessen? Johann, tragt dies Gericht sogleich zu der Unglücklichen, mit meinen herzlichen Wünschen. Sie leidet, wie ich heut gehört habe, unglaublich, dabei ist sie arm, und ihre Kinder können ihr nur wenige Hülfe geben.“ „Ja, die Armuth, die Krankheit!“ seufzte der Baron. „O Himmel, was würde aus der finstern Erde werden, wenn nicht immer noch weiche, edle Gemüther das ungeheure Elend zu mildern trachteten.“
„Die bedauernswürdige Frau,“ fügte Kunigunde hinzu: „soll auch mit ihrem verstorbenen Manne gar nicht glücklich gewesen seyn, er war hart und rauh, und behandelte sie oft übermüthig.“ Sie warf dabei ihrem Gatten, der am andern Ende des Tisches saß, einen sonderbaren Blick zu, der gar Vieles bedeuten konnte. Der junge Mann, vom Tischgespräch aufgeregt, war so unerhört dreist, zu erwiedern, daß es auch oft der Weiber eigne Schuld sei, wenn sie in der Ehe nicht glücklich wären. Der Graf, um nähere Erörterung zu verhindern, bemerkte, daß es vielleicht, da man die Krankheit der Frau nicht genau kenne, schädliche Wirkung thun möchte, wenn sie von der Fleischspeise unvorsichtig genösse. Der Baron aber, der einen neuen kriegerischen Angriff vermuthete, sprach gerührt über die große Wohlthätigkeit der Baronesse, wie sie den Armen eine Mutter sei, und begriff nicht, wie es noch so harte Menschen geben könne, die von dem Elende ihrer Nebengeschöpfe so ungerührt blieben.
Jetzt kam Johann mit dem Braten zurück und meldete, daß die Wittwe sich gehorsamst bedanke; es sei ihr aber vom Arzte im Fieber Fleischspeise bis jetzt noch untersagt, auch empfange sie seit drei Wochen alles vom Schlosse, was sie gebrauche, worüber sie ihre Rührung nicht genug ausdrücken könne. „Ein Arzt?“ sagte die Baronesse, „sie bekömmt schon? und wie?“ — „Ach, gnädige Frau,“ sagte der alte Diener verlegen und mit Bewegung: „Fräulein Dorothea sendet ihr schon seit lange Alles, sie hat auch den Doktor kommen lassen, und besucht die Kranke selbst alle Morgen und Abende.“ — „So?“ sagte die Baronesse mit einem gedehnten, zitternden Tone, und ein durchdringender Blick fiel auf die Tochter, die in der Beschämung nichts erwiedern konnte; „und warum, mein Kind, geschieht denn diese Ausübung der Wohlthätigkeit, diese Tugend, die mir an Dir neu ist, so heimlich? Warum gönnst Du Deiner Mutter denn nicht auch einen Antheil an dem Verdienste, da sich Dein Herz nun endlich auf dergleichen christliche Liebesdienste hinlenkt? Mein Rath würde die Wohlthat erst zu einer ächten machen können. Aber so sieht es aus, als wenn eher Eigensinn, als Mitleid, Deine Handlungen lenke.“
„Liebe Mutter,“ flehte Dorothea, „schonen Sie mich.“
„Es ist zu beklagen,“ fuhr diese fort, „wenn selbst das, was an sich Tugend ist, durch die Art, wie man es ausübt, sich zum tadelnswürdigen Fehler umgestaltet. Vorzüglich sehe ich Stolz und Anmaßung in dieser Art zu handeln, daß Du es übernimmst, ohne mich klug und weise seyn zu wollen, da Du doch nicht wissen kannst, ob Du nicht dadurch mehr Schaden als Nutzen stiftest.“
„Es ist zu viel!“ rief Dorothea laut weinend aus, stand schnell auf und verließ mit verhülltem Angesicht das Zimmer.
Alle sahen auf, der Graf aber schien am meisten überrascht, er sagte mit bewegter Stimme: „Geschieht aber dem Fräulein auch nicht zu viel? Sie hat es wahrscheinlich gut gemeint; und mir scheint es auch nicht strafbar, daß sie ihre Wohlthaten heimlich erzeigt, daß sie vielleicht etwas zu verschwiegen ist, um sich nicht dem Schein des Prunkens auszusetzen.“
„Gewiß, gnädigste Frau,“ sagte der greise Diener, „das Fräulein ist ein Engel, alle Leute im Dorfe sehn sie auch so an; was sie nur von ihrem Taschengelde sich absparen kann, was sie an Kleidern irgend entbehrlich findet, wendet sie auf die Armuth, aber das Schönste dabei ist die freundliche, stille Art, und wie sie die Leute beruhigt, und die Kranken tröstet, und die Kinder zum Gehorsam gegen die Aeltern ermahnt, die oft unwirsch sind: — ja, wir sollen schweigen, denn das hat sie uns strenge befohlen, wir haben es auch Jahre lang gethan, aber einmal verschnappt man sich denn doch. Verzeihung, gnädige Frau.“
Diese Reden fielen vor, indem man aufstand; die Baronesse zitterte; der Baron suchte mit feierlichem Gesicht und Anstand, indem er der Mutter die Hand küßte, die Sache gut zu machen; der Graf empfahl sich mit wenigen Worten, und Alfred begleitete ihn; die übrige Gesellschaft ging in den Gartensaal.