„Es thut nicht gut,“ sagte die Mutter, „wenn böse Menschen über unsere Schwelle treten.“

„Ihnen folgt kein Segen des Himmels,“ fügte der Baron hinzu.

„Welch ein Mittag!“ rief die Baronesse, „ich werde ihn lange nicht vergessen! Solche Menschen fehlen uns noch in unsrer Nähe, um mein armes abtrünniges Kind ganz unglücklich zu machen. Aber auch Sie, Herr Sohn, nahmen an dem gottlosen Menschen mehr Antheil, als ich oder die fromme Kunigunde wünschen können.“

„Mich dünkt aber,“ sagte Kunigundens Gatte, „daß er manches ganz Vernünftige sprach; ich glaube auch, daß die Frömmigkeit zu weit gehe, und daß manche Frauen sich zu viel einbilden können.“

Da sah ihn der Baron mit einem langen strafenden Blicke an, den der Arme nicht aushalten konnte, und als jetzt Kunigunde laut zu weinen anfing, die Mutter ebenfalls weinend diese in die Arme nahm, um sie zu trösten, konnte er gerührt die bereuenden Thränen nicht länger zurück halten; er stürzte sich auch an den Busen seiner Gattin, schluchzend und um Verzeihung bittend. „Sein Sie alle beruhigt,“ tröstete feierlich der Baron, indem er den Blick zum Himmel erhob: „der Herr wird Alles gut machen, denn heut Abend, wie Sie mir gesagt haben, verlobt sich mir jenes verhärtete, uns dennoch theure Herz, durch meine schwache Hülfe wird der Geist sie dann erleuchten, und wir alle werden Ein Herz und Eine Liebe seyn.“

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Weinend hatte sich Dorothea in ihr Zimmer geschlossen. So zerstört, unzufrieden mit sich und der Welt, so ganz verloren und elend hatte sie sich noch nie gefühlt. Sie war tief beschämt, daß die einfache Art, sich der Armen anzunehmen, die ihr die natürlichste dünkte, plötzlich durch die Einfalt des Dieners war bekannt worden; aber es schien ihr auch zu hart, wie die eigne Mutter sie deshalb vor allen Gästen behandelt hatte, am schmerzhaftesten aber war es ihr, daß es in Gegenwart des Mannes geschah, den sie verehren mußte, der ihr Vertrauen gewonnen hatte, und dessen Achtung sie sich ebenfalls wünschte.

Es war finster geworden, ohne daß sie es bemerkte, als der Diener klopfte, und sie zur Mutter und der Gesellschaft herab zu kommen bat. „Mutter!“ sagte sie vor sich hin: „Mutter! welch schönes Wort! Warum habe ich keine kennen gelernt?“

Sie ging hinab, im Saale saß die Familie versammelt, auch der junge Offizier war gegenwärtig. Indem Dorothea herein trat, fiel ihr erst wieder ein, weswegen sie gerufen werde. Ein Fieberfrost überfiel sie. Alle begrüßten sie als die Braut des Barons, die Mutter sagte freundlich, sie wolle ihr jetzt das Betragen des heutigen Tages verzeihn, die Schwestern wünschten der Betrübten Glück, und der Baron bedeckte ihre zitternde Hand mit zärtlichen Küssen. „Sein Sie ruhig, sein Sie glücklich,“ sagte er mit sanftem Tone, „von heut an werden Sie, Geliebte, ganz zu uns gehören, und dieser Mensch wird das Haus nicht mehr betreten; wohl hatten Sie Recht, und der Himmel sprach aus Ihnen, daß ein solcher Elender nicht wandeln darf, wo wir unsre Schritte setzen.“

„Elender?“ rief Dorothea, und riß ihre Hand so gewaltsam weg, daß der Baron zurück taumelte. „Sie sind ein frecher Mensch, daß Sie einen solchen Mann so zu lästern wagen!“