„Himmel!“ schrie die Mutter, „sie hat den Verstand verloren! Ein böser Geist spricht aus ihr.“
Dorothea besann sich wieder, sie sah das Erstaunen der Umgebenden und suchte sich zu sammeln. „Ich bin so erschüttert,“ fing sie an, „ich fühle mich so bewegt, vielleicht daß eine Krankheit — nur einen Augenblick will ich mich im Freien abkühlen.“
„In diesem Wetter?“ sagte die Mutter, „in diesem Sturm und Regen, so ohne Tuch, in Deiner dünnen Bekleidung?“
„Es muß seyn! es muß!“ rief sie aus, und hatte schon, ohne auf die Uebrigen zu hören, die Saalthüre geöffnet, und stand im finstern kalten Garten. Da der Regen ihr entgegen schlug, so wandte sie sich in den bedeckten, dicht verflochtenen Gang, und ging hastig auf und nieder. „Ihm, dem Widerwärtigen,“ sagte sie zu sich selbst, „auf immer verbunden? So tief, so tief herabgewürdigt? Und für wen? Für Jene, die es mir niemals danken werden, die dann wieder thun, als sei mir dadurch die größte Wohlthat erwiesen worden? Meine Seele retten? Verloren geht sie hier, vernichtet wird sie!“
Ein dunkler Schatten kam auf sie zu, und an der lispelnden, sanften Stimme erkannte sie sogleich den Baron. „Meine Gute,“ fing er an, „Ihre liebe Mutter und wir alle erwarten Sie drinnen mit banger Besorgniß; mein Herz fließt in Zärtlichkeit über, da ich Sie schon als meine Gattin, und die Mutter meiner frommen Kinder betrachte.“
„Himmel!“ rief sie aus, „das bedachte ich nicht einmal, daß mein Elend sich auch so weit erstrecken kann, Heuchler und böse Egoisten aus meinem Blute entsprießen zu sehen. Aber wenn mir auch dies Unglück nicht würde, so kann ich doch nie die Ihrige werden.“
„Wie?“ rief der Baron, „und das feierliche Versprechen, welches Sie heut Morgen in die Hände Ihrer Mutter legten?“
„Und wenn ich es einem Engel vom Himmel gethan hätte,“ sagte Dorothea, „so kann ich es nicht halten! Ja, wenn schon die Trauung geschehen wäre, so müßte man uns doch wieder trennen!“
„Seltsam, mein Fräulein! Bedenken Sie auch die Folgen?“
„Welche können es seyn? Alles ist zu tragen gegen das unabsehbare Elend, das meiner wartet.“