„Wissen Sie auch, daß es Ihre Mutter fordern kann? Wissen Sie, daß diese mir verpflichtet ist, was ich bis jetzt mit der Geduld der Liebe trug und verschwieg, in der Hoffnung, Ihrer Familie anzugehören? Fragen Sie sich, ob Sie unter diesen Umständen die Verpflichtungen Ihrer Mutter nicht lösen müssen, wenn Sie für eine gute Tochter gelten wollen?“
„Nein!“ rief das Mädchen in der allergrößten Anstrengung, „lieber mit ihr darben, für sie arbeiten, ja, für sie sterben!“
„Es giebt aber doch noch Mittel,“ sagte der Baron halb lachend, „solchen Starrsinn zu beugen; die Rechte der Aeltern sind groß, und offenbar sind Sie jetzt Ihrer Sinne nicht ganz mächtig; etwas Bitte, etwas Gewalt wird schon den kindischen Willen brechen.“
Er hatte heftig ihren Arm gefaßt, und war bestrebt, sie nach dem Hause zu ziehen; aber das starke Mädchen riß sich behende los, und floh durch den Gang, der Baron ihr nach, sie aber, die leichter war und die Verschlingungen des Gartens besser kannte, war ihm bald weit voraus; jetzt war sie an der offenen Grenze des Parks, sie überschritt auch diese, und rannte nun über das Blachfeld wie ein gejagtes Reh, indem abwechselnd Regen sie durchnäßte, und Sturm ihre zarten Glieder erstarren machte.
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Die Frau von Halden saß behaglich in ihrem Stübchen, indem die Bäume draußen der Sturm schüttelte, und der Regen rasselnd gegen die Fenster schlug. Sie war recht von Herzen zufrieden; denn für einen unerwartet hohen Preis hatte sie ihr Gut verkauft, Alles war abgeschlossen, und Graf Brandenstein hatte mit dem Rathe Alfred noch diesen Abend Alles in Richtigkeit gebracht. Beide schliefen schon in den obern Zimmern des Hauses, denn es war nahe an Mitternacht, und sie wollte sich auch eben in ihr Schlafzimmer begeben, als ein heftiges, lautes Pochen an das Hausthor, und eine klägliche, bittende Stimme sie erschreckten. Sie klingelte, der Diener ward gesandt, um zu öffnen, und mit triefenden Kleidern, zitternd und todtenblaß stürzte Dorothea herein, warf sich ihr sogleich stürmisch an die Brust und rief mit heiserer Stimme: „Rette mich! rette mich!“
„Um Gotteswillen!“ sagte die Freundin im höchsten Schreck, „Du bist es, geliebtes Kind? und so, in diesem Zustande? Ich traue meinen Augen noch nicht.“
So sehr sie erschrocken war, so schaffte sie doch sogleich mit der größten Freundlichkeit Wäsche und Kleider herbei, half der Erkälteten beim Umziehen, tröstete sie lachend und freundlich, und nöthigte sie dann, Glühwein zu genießen, den sie eiligst besorgt hatte, um den bösen Folgen der Erkältung vorzubeugen. Dabei umarmte sie sie so herzlich, trocknete ihr die Thränen vom Auge, küßte die Wangen, die sich schon wieder rötheten, daß Dorothea sich fast so glücklich wie in den Armen einer Mutter fühlte. Nach vielen tröstenden und scherzenden Worten sagte die Frau von Halden endlich: „Nun erzähle mir kurz, wie Du zu diesem tollen Entschluß gekommen bist, und dann geh zu Bett und verschlafe Alles.“
„Du mußt mich schützen,“ sagte Dorothea: „Du mußt mir ein Obdach nicht versagen, sonst muß ich verzweifelnd in die weite Welt rennen, oder die Raserei stürzt mich in die Wogen eines Mühlteichs.“
„Beruhige Dich, mein Kind,“ tröstete jene, „Du mußt ja doch wieder nach Hause. Aber erzähle: was ist Dir denn so plötzlich gekommen?“