„Nur lache nicht,“ rief Dorothea, „bleibe ernsthaft, meine gute liebe Freundin, denn ich bin in Verzweiflung. Heut Morgen ließ ich mich bereden, aus Schwäche, aus Rührung, man hatte so unerwartet meinen Geburtstag gefeiert, daß ich versprach, mich heute Abend mit dem Baron von Wallen zu verloben. Das sollte nun geschehen, und darum bin ich weggerannt, weil ich ihn verabscheue, weil ich in meinem väterlichen Hause mit meinen Geschwistern, mit meiner Mutter nicht mehr leben kann.“
„Ich weiß wohl,“ erwiederte die Freundin, „daß Du den Baron nie lieben kannst, daß Dir in der Familie oftmals Unrecht geschah; aber dieser Ausdruck des Entsetzens in Dir, da Du Alles so gewohnt schienst, bleibt mir doch unbegreiflich.“
„Immer noch fasse ich es selbst nicht,“ antwortete Dorothea: „ich weiß nicht, wie ich es Dir erzählen soll. Daß ich nicht glücklich war, mußt Du wohl gesehn haben, wenn ich Dir auch niemals ein Wort darüber sagte. Ach, das schreibt sich ja schon seit dem Tode meines geliebten Vaters her. Du weißt, ich war kaum dreizehn Jahre, als er starb. O Himmel, welch ein Mann! ich konnte damals seinen Werth nicht ermessen; aber je älter ich wurde, je mehr blühte er in meiner Erinnerung zum verklärten Gegenstande meiner Liebe auf. Dieser milde, freundliche Sinn, diese Heiterkeit, Menschenliebe, stille Frömmigkeit, diese Freude an Natur und Kunst, dieser rege, herrliche Geist — ach! und er war auch nicht glücklich! Ich sah, ich bemerkte es wohl, als ich etwas zu Verstande kam, er war in der Ehe nicht glücklich, er und meine Mutter waren sich zu ungleich, sie stritten oft mit einander. Dann war er zu Zeiten recht tiefbetrübt, aus seinen schönen braunen Augen konnte ein unendlicher Kummer sprechen, wenn er sie so still vor sich nieder senkte. Dann war ich seine Freude, ich fühle es, wie ich ihn trösten konnte. Und nun war er plötzlich dahin gegangen! Er muß es jenseits erfahren und gefühlt haben, wie meine Herzensliebe ihm gefolgt ist. O meine Freundin, es giebt Momente des Schmerzes, wo nur die kalte, taube Dumpfheit, in die endlich unser Wesen versinkt, uns von Wahnsinn und Raserei errettet. So war ich nun in Schmerz und Sehnsucht erwachsen, die Keiner theilte, Keiner verstand. Und wie veränderte sich das Leben unsers Hauses! Statt der heitern Mittheilungen, statt der frohen Gesellschaften ein ernstes, feierliches Prunken. Meine jüngern Geschwister wurden in einem ganz entgegengesetzten Sinne erzogen, als es mein Vater gewünscht hatte. Betstunden, Andachtbücher, religiöse Gespräche füllten die Zeiten des Tages; und mein Herz wurde immer leerer, ich konnte die Andacht nicht mitfühlen, ja, nicht einmal an ihr Dasein glauben. Alle meine Bücher, noch Geschenke meines Vaters, durfte ich nicht mehr zeigen, Alles war weltlich, anstößig; ich erschrak über die Deutungen, die man den Stellen gab, die mir die liebsten waren, die ich auswendig wußte. Göthe’s himmlische Natur selbst, seine edle Hoheit war Verführung, Sinnenlust, und eine raffinirte Prüderie, die mir höchst anstößig schien, mußte Tugend heißen. Meine Geschwister, so wie sie zur Besinnung kamen, betrachteten mich als eine Ausgeartete, die für’s Gute nicht empfänglich sei; sie hörten das ja in allen Stunden, sie mußten es wohl glauben. Zwischen ihnen und der Mutter entspann sich ein Verhältniß, welches mich gleich sehr von beiden entfernte, und um welches ich sie doch nicht beneiden konnte. Eine übertriebene Liebe, eine zarte Weichheit, ein Schonen und Liebkosen, das mir oft durch’s Herz schnitt; ja die Mutter ging so weit, diese jüngern Töchter zu vergöttern, sie anzubeten und es ihnen zu sagen, daß sie es thue. Die Schwestern behandelten die Mutter, wie man etwa mit einer abgeschiedenen Heiligen umgehen würde, wenn sie zu uns zurück kehrte; doch könnte ich es auch wohl nur einen Tag so treiben, und müßte dann heiterer mit ihr bekannt werden, oder sie wieder ganz vermeiden. Ich erinnerte mich noch wohl, wie oft mein Vater gesagt hatte, in früher Jugend müßten die Kinder blind gehorchen lernen, damit sie, erwachsen, der Freiheit fähig wären. Diese Freiheit des Geistes und des Gemüthes, die den Menschen erst zum bestehenden Wesen, die die Liebe, ein freies Hingeben, erst möglich macht, fand aber unter diesen so eng Verbundenen doch nicht statt, ja sie wurde, wenn sie sich einmal zeigen wollte, als die ärgste Sünde behandelt. Die kleinste Schwäche, das geringste Vorurtheil der Mutter durfte nicht berührt werden, auch in Kleinigkeiten, über ein gleichgültiges Buch, über einen Menschen, ja über die Farbe eines Bandes, durfte keins eine andere Meinung hegen, als sie. War nur von einem Spaziergange die Rede, nur zum nächsten Gut, ja, durch den Garten, so verbot sie diesen, wenn sie nicht daran Theil nehmen konnte oder wollte, nicht geradezu, sondern sie sagte: „Geht, wenn Ihr ohne mich seyn könnt; ich kann zwar ohne Euch nicht leben, aber könnt Ihr es, so will ich Euch nicht stören; bin ich doch daran gewöhnt, Euch alle Opfer zu bringen.“ Natürlich geschah nichts, und die Schwestern gaben dann ihrem Verdruß den Anstrich der Andacht, und ich, die ich zum Bündniß nicht gehörte, mußte ihre Launen entgelten. Mein Muth entwich. Ich ertrug es, auch von der jüngsten Schwester gehofmeistert zu werden. O meine Freundin! wenn ich dies alles so, was mir verkehrt und unrecht schien, bemerkte, so ging ich dann wohl in den einsamsten Theil des Gartens, und ließ meinen heißen Thränen ihren Lauf, weil ich mir schlecht und gottlos erschien, daß ich mir alles dies gestand, und meinen Wahrheitssinn, der von meinem Vater erweckt und gebildet worden war, doch nicht unterdrücken konnte. Oft war ich so unaussprechlich elend, daß ich Gott um meinen Tod bat. Es kamen dann auch Zeiten, da ich doch sehn mußte, wie alle Menschen, die in unser Haus kamen, meine Schwestern verehrten, ihnen huldigten und mich vermieden, in denen ich mir selbst schlecht und verächtlich schien. Wenn ich aber rang, so wie die Andern zu seyn, so brachen mir alle Kräfte zusammen, und die Arme fielen mir gelähmt am Leibe nieder. — Aber, hörtest Du nicht Geräusch im Nebenzimmer?“
„Nein, mein gutes Kind,“ sagte Frau von Halden: „Alles schläft, es kann höchstens eine Katze seyn.“
„Kunigunde heirathete,“ fuhr Dorothea fort: „die Männer, die sich um mich bewarben, ängstigten mich nur durch ihr läppisches Wesen, andere stießen mich durch ihre Rohheit zurück. Ich konnte nicht fassen, daß mich einer lieben könne, ohne daß ich ihn auch innigst liebte, und darum erschienen mir ihre affectirten, übertriebenen Redensarten so nüchtern, und es war mir unmöglich, an ihre Leidenschaft zu glauben. Alles aber war noch erträglich, bis der Baron Wallen in unser Haus kam; er bemächtigte sich bald des Gemüthes meiner Mutter, die Sclaverei wurde nun ganz unleidlich. Nun wurde erst recht im Großen mit der Liebe geprunkt, die meine Geschwister zu einander und zur Mutter trugen; in der ganzen Provinz sprach man davon; wenn Fremde kamen, war es wie ein Schauspiel, in dem sich alle Tugenden entwickelten. O vergieb mir, Du und die einsame Nacht werden meine Reden nicht weiter tragen; auch hast Du ja selbst die Art oft gesehen, und der Himmel mag meine Empfindungen ändern, oder sie verzeihn. Recht ängstlich aber war es, daß in diesem gleißenden Baron ein wahrer Faun unter der priesterlichen Decke wandelt. Clara gefiel ihm, auch Clementine; aber die Kinder, so sehr sie ihn auch verehren mußten, erschraken doch vor dem Gedanken, ihn als Ehemann anbeten zu müssen. Sie wurden aber bald befreit; denn die Bestimmung, für die sie sich zu gut fühlten, wurde mir unvermerkt und künstlich zugeschoben. Nun hörte ich immerdar, wie edel, ja wie nothwendig es sei, sich zu opfern, wie armselig die eigentliche Leidenschaft der Liebe erscheine, wie eine vernünftige Ehe jedes andere Glück der Erde übertreffe. Glaube mir, ich hätte mich fallen lassen, mein Leben war völlig abgeblüht, ich wäre das Opfer und ganz elend geworden, wenn — —“
Dorothea zögerte. „Nun, mein Kind?“ fragte die Freundin gespannt.
„Wenn nicht heut,“ fuhr jene im melodischen Tone fort, „heut an diesem Tage, an dem ich geboren ward, und an welchem ich auch wieder zu leben anfing, ein Mann erschienen wäre, der unserer Familie ein Abscheu war, und auf den ich, nach den Beschreibungen, heftig zürnte, ein Mann, der mein ganzes Herz umgewendet, ja neu geschaffen hat, und dessen bloßer Anblick, wenn er auch nicht gesprochen hätte, es mir unmöglich macht, den Baron, ja irgend einen Mann zu heirathen.“
„Wunderbar!“ rief die Frau von Halden.
„Nenn’ es so,“ sagte das Mädchen: „es ist auch so, ach, und doch wieder so natürlich, so nothwendig. In ihm, in seinem milden Blick, der Vertrauen einflößt (glaube mir, ich hatte wirklich ganz vergessen, daß es noch Augen giebt), in seiner verständigen Rede, in jeder seiner Geberden erschien mir die Wahrheit wieder, die mir schon zur Fabel geworden war, meine Jugendzeit, der Segen meines Vaters. Nie habe ich begreifen können, was die Menschen Liebe nennen, in den Dichtern habe ich es wohl geahndet; ich glaubte aber immer, dies himmlische Gefühl sei für mich armes, verstoßenes Wesen nicht geschaffen; aber jetzt weiß ich, daß es das seyn müsse, was ich für diesen trefflichen Mann empfinde, denn ich konnte mir nicht einbilden, daß auf Erden wirklich eine solche Erscheinung wandle.“
„Armes Kind!“ sagte die Freundin: „er ist ein ruinirter Mann, ohne Vermögen, und wer weiß auch, ob er so für Dich empfände, denn er ist nicht mehr jung. Jetzt geh nur zu Bett, morgen früh wollen wir mit Verstand darüber nachdenken, wie der Baron zu besänftigen sei, und daß der Baron Dir Ruhe läßt.“