Keine Beleidigung, mein Herr, rief Walther, ich hielt die Dame und diesen meinen Freund für ganz andere Wesen, und bitte, mir meinen Irrthum und die Uebereilung zu verzeihen.
Die alte Dame faßte jetzt den Arm des Bruders, indem sie sagte: Als ich Dich verloren hatte und ziemlich ängstlich umherirrte, war dieser Herr so gütig, sich meiner anzunehmen. Der Pole dankte Wachteln mit artigen Worten und dieser erwiederte lachend: Es ist Nichts natürlicher, als daß man in diesem unterirdischen Reiche der Phantasterei etwas confuse wird.
Das Gedränge von Menschen, welches sich in dem engen Raume aus Neugier versammelt hatte, lösete sich wieder auf, und Walther eilte jetzt verdrossen und verstimmt aus der Höhle und Wachtel folgte ihm, um ihm im Freien seine Klagen vorzutragen.
Mein Theuerster, fing er, als sie im Felde standen, an, Sie haben mitunter sonderbare Launen, die man nicht begreift. Was haben Sie mit dem Namen Maschinka, daß er Sie immer so außer sich versetzt? Sie haben mich so stark in meinen Arm gezwickt, als wenn Sie ihn mir zerbrechen wollten, und in Ihrem Tone, mit dem Sie sprachen, lag etwas so Drohendes und Beleidigendes, daß ich vorher recht böse auf Sie hätte werden mögen.
Sie haben ja gehört, rief Walther unmuthig aus, daß ich mich geirrt, daß ich Sie für wen ganz Andern nahm. Eine gewisse Maschinka ist eine Bekannte von mir, eine junge Dame, ein Frauenzimmer, das ich kenne, eine weitläufige Anverwandte, die ich gerne wiedersehen möchte, und die sich wahrscheinlich im Auslande befindet, ein wohlgebildetes Fräulein, die wohl vielleicht schon verheirathet ist, — mit einem Worte, eine Dame, die ich gerne wiedersehen möchte.
Wachtel lachte laut auf und sagte dann: Ich danke für dieses herzliche Vertrauen und diese offene Mittheilung. Er lachte wieder, und Walther, dessen Verlegenheit sichtbar war, bat ihn, wieder ernsthaft zu seyn und ihm zu vergeben, daß er ihm nicht mehr sagen könne. Haben Sie die Gefälligkeit für mich, fügte er dann hinzu, unserm Ferdinand von dieser lächerlichen Scene nichts zu erzählen. Genug, daß ich vor Ihnen und jenen Fremden beschämt und verlegen gestanden habe, und daß Sie mich so von Herzen auslachten, scheint mir Strafe genug. Versprechen Sie mir das, denn ich bin in diesem Punkt vielleicht etwas zu empfindlich.
Ich gebe Ihnen mein Wort, ihm kein Wort davon mitzutheilen, antwortete Wachtel; aber auch gegen meinen Ferdinand sind Sie seit einiger Zeit nicht mehr so herzlich, als Sie es im Anfange unserer Pilgerschaft schienen. Wenn Sie auch in den meisten Dingen anderer Meinung sind, so sollten Sie doch sein Gutes und seine Freundschaft für Sie anerkennen.
Daß wir die meisten Dinge der Welt aus einem verschiedenen Standpunkte ansehen, erwiederte Walther, macht mir ihn nur lieber, seine Schwärmerei und sein Hang zum Aberglauben ist mir an ihm interessant; aber — um ganz aufrichtig zu seyn — seit wir da oben auf dem Schlosse bei Bamberg waren, in Glich, bin ich mißtrauisch gegen seinen Charakter geworden. Wenn ich seine frommen Reden bedenke, wenn ich höre, wie sentimental er von der Liebe spricht, wie verschämt er in Gesellschaft roher Menschen thut, für einen Mann fast tadelnswürdig jungfrauenhaft, und denke dann daran, wie er uns entlief und wieder zu dem schönen Mädchen nach dem einsamen Saale hinaufeilte, so halte ich ihn für einen Lüstling, der zugleich heuchelt und den Tugendhaften spielt. Mich wundert nur, daß jenes schöne Kind, die Tochter des Försters, ihn sogleich erhören konnte, wie es doch schien. Er erhält Briefe, die er verheimlicht, er weicht uns oft aus und entfernt sich unter den nichtigsten Vorwänden; hat er etwas Wichtiges zu verschweigen, so sollte er mir dies wenigstens eingestehn; sind aber seine Heimlichkeiten immer kleine unerlaubte Liebeshändel, so ist sein Charakter nicht so beschaffen, daß ich ihn zum Freunde behalten möchte.
Mein Herr, sagte Wachtel mit einiger Feierlichkeit, sind Sie etwa damals in Glich auf unsern Freund gar nicht eifersüchtig gewesen? denn das schöne Mädchen schien Ihnen auch zu gefallen. Was er liebt, wie er liebt, wie orthodox oder heterodox, sentimental oder liberal er die Sache betreibt, ob sein Herz nur Raum für einen Gegenstand hat, ob es vielen zugleich Quartier geben kann, ob die eine seine Göttin ist und andere nur Dienerinnen, oder Zerstreuerinnen seiner Melancholie, über alles Dieses erlaube ich mir kein Urtheil und keinen Richterspruch, wenn er mich nicht selbst in seine Geheimnisse einweiht. Aber er ist gut und edel, darauf kenne ich ihn von Jugend auf. Geheimnißkrämerei ist immer seine Liebhaberei gewesen. Und Sie sind ebenfalls geheimnißvoll gegen ihn. Mir scheint, keiner weiß vom Andern etwas Bedeutendes, Zufall und Laune haben Sie vereinigt, aber das Leben, die Verhältnisse eines Jeden sind dem Andern verborgen. Ich kenne Ferdinand seit lange und bin vertraut mit seinem früheren Leben, aber was seit zehn Jahren mit ihm geworden ist, liegt für mich auch ganz im Dunkel.
Walther reichte ihm die Hand und sagte: Sie haben nicht Unrecht; ich hoffe, im Verlauf der Reise wird sich noch die Gelegenheit finden, daß wir unsere Verhältnisse näher kennen, dann sollen Sie erfahren, warum ich jetzt Ihnen so wenig als Ferdinand von meinen Verbindungen und Absichten etwas vertrauen kann.