Beim Badehause fanden Sie Ferdinand lesend unter den Bäumen, unter welchen die lange Mittagstafel schon bereitet war. Ich konnte es in der Höhle, sagte er, nicht aushalten, so beängstigte mich der Schimmer und der Dunst der Lampen. Jetzt kamen die Gebrüder Hardenberg und nach und nach versammelte sich die Tischgesellschaft. Der Herzog von Meiningen speisete auch an der Table d’hote, und der Anblick der Landleute, die sich versammelt hatten, und neugierig oben vom Hügel zwischen den grünen Bäumen auf ihren Fürsten und die Fremden herniederschauten, alle diese fröhlichen Gesichter von Alt und Jung machten einen sehr erfreulichen Anblick.

Nach Tische ließ sich der Fürst durch Hardenberg, den er schon längst persönlich kannte, dessen Freunde vorstellen. Er sprach lange und freundlich mit ihnen, indem er ungesucht vielfache Kenntnisse und eine echte Bildung zeigte. Er war schlank, hatte blondes, fast graues Haar, ein gealtertes Gesicht, in welchem der Ausdruck des Ernstes und der Melancholie vorherrschte, das sich aber schnell in Freundlichkeit und schalkhaften Ausdruck verwandeln konnte.

Es war eine mittelmäßige Schauspielertruppe, die zuweilen in einem kleinen Saale ihre Vorstellungen gab. Heut aber wurde in einem andern Local ein Puppenspiel mit großen Marionetten aufgeführt; die übrigen Freunde interessirten sich für diese Kinderei nicht, aber Ferdinand, der dergleichen Seltsamkeit leidenschaftlich liebte, freute sich auf den Genuß dieses Abends.

Walther ging mit Hardenberg spazieren, Wachtel blieb im Badehause und Ferdinand eilte dem Marionettentheater zu. Er zahlte für den ersten Platz und drängte sich in den übervollen Saal. Bauern, Bauermädchen, Bürger, Soldaten, Offiziere, Alles war so fest ineinandergeschoben, daß sich weder Hand noch Fuß regen konnte. Ferdinand wollte seinen ersten Platz gewinnen und bat, ihm Raum dahin zu gönnen, weil er meinte, er befände sich noch auf der letzten und wohlfeilsten Stelle. Was ihm am empfindlichsten auffiel, war, daß Tabaksdampf, der ihm verhaßt war, den ganzen Saal anfüllte, denn Alles, bis auf die Bauernknechte, rauchte aus größeren oder kleineren Pfeifenköpfen. Er hoffte, da hier Alles noch stand, vorn zum Sitzen zu gelangen und sich aus den stinkenden Wolken zu entfernen; vor ihm war ein Mann im grünen Ueberrock, welchen er anstieß und höflich sagte: Machen Sie mir gefälligst etwas Raum, denn ich habe für den Ersten Platz bezahlt. — Ja, erwiederte der Mann, der aus einem ungeheuern Meerschaumkopfe rauchte, das, mein guter Freund, haben wir Alle, hier sind wir Alle gleich, wie im Paradiese. Indem Ferdinand etwas näher gekommen war, erkannte er in diesem Sprechenden den Fürsten. Gewiß war er also auf dem ersten und vornehmsten Platze und genoß der Ehre, den Fürsten zu drängen und von ihm geklemmt zu werden. Von der früheren Vorstellung und dem feinen Hof- und wissenschaftlichen Gespräch war in dieser Atmosphäre nicht mehr die Rede, ja es wäre lächerlich gewesen, sich darauf zu beziehen, denn der Herr erschien hier ganz verwandelt. Ihn störten nicht die plumpsten und ungezogensten Späße seiner Umgebung, manche Militairs trieben die Ausgelassenheit und den Scherz mit einigen Bauerdirnen über jede Grenze, und diese Armen hatten Mühe, aus dem Gedränge zu entkommen und das freie Feld wieder zu gewinnen. Als schon manche von den Honoratioren sich entfernt, der Fürst selbst nach einiger Zeit die Bude verließ, so zögerte auch Ferdinand nicht länger, im Wald und auf dem Berge wieder eine reinere Luft zu athmen.

Im Saale war Ball, in welchem Alle, die Theil nehmen wollten, ohne Gene tanzten: Edelleute, Damen und Handlungsdiener; auch die Herzogin von Hildburghausen war unter den Tanzenden und gütig und herablassend mit Jedermann. In einem andern Saale wurde gespielt, und hier traf Walther seinen Freund Freysing in seinem glänzenden Beruf. Die Bank, die dieser aufgelegt hatte, war sehr ansehnlich. Walther sah nur zu, ohne mitzuspielen. Er fand wieder, was ihn so oft entsetzt hatte, wenn er in den Spielsälen stand, diese verzerrten Gesichter, die Habgier oder Wuth und Verzweiflung ausdrückten, einige, die kalt und gleichgültig scheinen wollten, waren todtenblaß, sie zwängten den Zorn und die Angst in sich zurück. Freysing betrug sich wie ein König, nur etwas zu stolz, weil bei seinen aufgethürmten Goldhaufen ihm der Satz der Pointirenden wohl zu unbedeutend scheinen mochte.

Walther hatte seit lange einen Mann beobachtet, welcher schon viele Goldstücke verloren hatte und dem der kalte Todesschweiß über das bleiche Antlitz in großen Tropfen rann. Er verließ oft ingrimmig und wie verzweifelnd den Saal, ging draußen mit sich ringend auf und ab und kam dann nach einiger Zeit zurück, nachdem er von Neuem Geld von seinem Zimmer geholt hatte, welches er dann eben so schnell, wie die vorigen Friedrichsd’or verlor. Er spielte so leidenschaftlich und wild, daß er durchaus nicht die gehörige Aufmerksamkeit auf sein Spiel haben konnte. Freysing beobachtete ihn sehr aufmerksam von seinem Sitze und schien nur ungern die Goldstücke des Armen einzuziehen. Im Nebenzimmer erkundigte sich Walther bei einem freundlichen Manne, wer dieser tollkühne Spieler sei, und erfuhr, er sei ein Geschäftsmann aus Meiningen, der mit Frau und einigen Kindern von einem mäßigen Gehalt leben müsse. Er habe sich wohl verleiten lassen, seine Umstände verbessern zu wollen, der Verlust setze ihn in Angst, und er suche, was er verloren wie mit Gewalt wiederzugewinnen. Diese Leidenschaft, sagte der Erzählende, in welche die Pointeurs immerdar gerathen, ist eigentlich das sicherste Capital der Bank. Der arme Mann, der ansehnlich verloren hat, wird nun Schulden machen müssen, er verliert seinen Namen, seine Familie darbt und er endet vielleicht in Verzweiflung.

Als Walther in den Spielsaal zurückging, kam ihm dieser Herr Anders mit verzerrten Mienen der Todesverzweiflung entgegen. Er lief eilig aus dem Hause und schien keinen der Anwesenden zu bemerken, die ihm mitleidig oder auch wohl mit Hohn und Schadenfreude nachsahen.

Er kam nicht wieder, und Walther war überzeugt, er habe Alles verloren. So verging eine geraume Zeit, neue Spieler kamen, geplünderte entfernten sich, doch vermehrte sich die Anzahl um den Spieltisch. Da trat jener Anders wieder taumelnd herein, er schwankte umher und sein bleiches Angesicht schaute den Spielenden mit gläsernen Augen über die Schultern. Er biß sich auf die Lippen, als er einige Pointeurs bedeutende Summen gewinnen sah. Plötzlich machte er sich Platz und schob den einen Zuschauer mit Ungestüm zurück, indem er sich neben den erschreckten Walther eilig hinstellte. Er griff hastig nach einer Karte und, ohne sie fast zu betrachten, besetzte er sie mit einigen Goldstücken. Die bleichen Lippen zitterten ihm, und sowie die Karte verlor, zuckte es wie ein Blitz über sein Antlitz hin. Er schob mit krampfhaftem Zittern die Goldstücke dem Bankier hin, und dieser, ihm einen scharfen Blick zuwerfend, schleuderte sie wieder nach des Spielers Platz, indem er kalt sagte: Führen Sie so die Nymphen auf der Gasse mit solchem Golde ab. Es war eine Todtenstille im Saale, Walther fühlte sich einer Ohnmacht nahe. Der Hausvater, der Geschäftsmann, die unauslöschliche Beschimpfung des Aermsten, seine wahrscheinliche Verzweiflung, Alles dies ergriff ihn mit ungeheurer Gewalt. Ein Moment, in welchem er vernichtet war, aber schnell ermannte er sich und rief mit festem Tone dem Bankier zu: Herr Bankier, Sie thun meinem Freunde, dem Herrn neben mir, sehr Unrecht; ich habe ihm aus Versehen die Spielmarken statt der Goldstücke eingehändigt, weil ich sie bei mir trug, ich bin mit ihm Moitié, und so zahle ich den Verlust. Sie werden nicht glauben, daß ein solcher Irrthum ein vorsätzlicher war, da Sie mich persönlich kennen.

Freysing erhob sich von seinem Sitze, bückte sich sehr tief und sagte, da er die Absicht seines Bekannten sogleich durchschaute: Mein Herr Baron, ich bitte Sie und den Herrn, mit welchem Sie gemeinschaftlich spielen, hiemit um Vergebung. Ich war im Unrecht, die geehrten Herren mögen von der Güte seyn, meine Uebereilung, die ungeziemlich war, zu vergessen.

Walther hatte mit einem stummen Druck den beängstigten Anders neben sich auf einen Stuhl niedergezogen. Er spielte jetzt und gewann binnen Kurzem eine ansehnliche Summe, der Haufen Goldes, welcher vor ihm lag, wuchs mit jeder Minute. Als dreihundert oder mehr Goldstücke gewonnen waren, stand er auf und sagte höflich: Jetzt, Herr Anders, haben Sie die Güte, mir zu folgen, daß wir uns berechnen können.