Er führte den Zitternden und Erstaunten auf sein Zimmer und händigte ihm hier die ganze Summe ein, indem er sagte: Hier, Sie Armer, Bethörter, empfangen Sie, was ich in Ihrem Namen gewann, es ist, so viel ich habe beobachten können, um ein Beträchtliches mehr, als Ihr Verlust. Richten Sie sich ein, spielen Sie nicht wieder, Sie sehen, wie unglücklich man werden kann.

Mein Wohlthäter, sagte der Zerknirschte stammelnd, was Sie mir geben, ist mehr als das Vierfache meines Verlustes. Es giebt Thaten, für die jeder Dank zu klein ist. Sie retten meine Familie, meine Ehre, mein Leben, denn ich mußte mich nach dieser Beschimpfung ermorden, wie ich auch beschlossen hatte, wenn ich verlor.

Mit Thränen entfernte sich der Beglückte und Walther begleitete ihn vor das Haus. Wachtel, der im Alkoven Alles angehört hatte, sagte für sich: Das ist bei alle dem ein kreuzbraver Kerl, dieser Walther!

Walther ging in den Spielsaal und sagte in einer Pause heimlich zu Freysing: Ich hätte Sie für großmüthiger gehalten, warum einen solchen Elenden vernichten?

Ich sollte es wohl seyn, erwiederte Jener, der Aerger übereilte mich. Sie haben mir aber eine hübsche Lection gegeben, an welche ich bei einem ähnlichen Falle denken werde.

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In Gesellschaft Hardenberg’s und dessen Bruders, sowie der Verwandten, die sich in Liebenstein zusammengefunden hatten, oder die in der Nähe wohnten, ging die Zeit gar anmuthig hin. Man erzählte viel charakteristische Züge von den sonderbaren Launen des trefflichen Fürsten; dabei aber verkannte man nicht, was er für die gute Einrichtung dieses Bades, vorzüglich aber für die Wohlfahrt seines Ländchens gethan hatte.

An der heitern Mittagstafel, als die Freunde unter sich und keine Damen zugegen waren, sagte Wachtel: Ich bin Euch noch schuldig, meine Freunde, wie ich gestern Nachmittag meine Zeit hingebracht habe, zu berichten. Ich mochte das Puppentheater so wenig wie den glänzenden Ball besuchen, aber ich hatte erfahren, daß der berühmte Oberforstmeister Cramer von Meiningen hieher in das Bad, aber nur für diesen Sonntag gekommen sei. Wie Ferrara seinen Ariost und Tasso, Florenz seinen Dante, Leipzig seinen Gottsched, Anspach seinen Utz und Weimar seinen Göthe hat, so besitzt seit lange schon Meiningen seinen Cramer. Ich sah den Mann, er ist groß, ziemlich corpulent, und sein Gesicht eins von denen, die das Glück und die Auszeichnung haben, gar keinen Ausdruck zu besitzen. Diese sogenannte Gutmüthigkeit oder Bonhommie, wie man dergleichen nennt, welche nur die trivialste Alltäglichkeit ist, lockt jeden noch so simpeln Dummkopf herbei, um sich ohne Aengstlichkeit in der Gegenwart eines solchen harmlosen Autors ganz seiner Einfalt zu überlassen und den berüchtigten Vetter Michel für den Vorsteher der Grazien zu halten. Glücklicher Weise habe ich in früheren Jahren, weil ich ein unnützer Bengel war, die meisten Romane dieses Cramer, vom Erasmus Schleicher bis zum Paul Ysop, gelesen. Ich sah neben ihm einen Halbbekannten und benutzte dies, um mich dem genialen Deutschen vorstellen zu lassen. Wir setzten uns dann dorthin, vor dem Badehause, dem Geländer nahe, den Blick auf die Landstraße gerichtet. Der große Mann hatte kein Arg daraus, ob ich ihn auch für den Autor erkannte, für den ihn die Abonnenten der Leihbibliotheken eine Zeitlang hielten. Ein schmaler, schwindsüchtiger Medicus sagte: O Bruder Cramer, erinnerst Du Dich noch unseres verewigten Freundes auf der Universität, des seligen Lange, mit dem wir so manchen seligen Abend durchschwärmt haben?

Wohl, sagte Cramer, indem er sein Glas erhob und der große Mund lächelnd durch die Nähte der Pockennarben brach: das war ein großer Mensch! Himmel, wie idealisch konnte er beim Sonnenaufgang oder in den Frühlingsmonaten gestimmt seyn! Es war eine Wonne, mit der kräftigen Menschheit des Kerls zu harmoniren. Viele von Klopstocks Oden wußte er ganz auswendig; wenn er sie deklamirte, zitterte er vor Entzücken, wie ein eingefangenes Rothkehlchen. Wir nannten ihn nur Selmar, — und das arme Vieh hat nachher so miserabel crepiren müssen!

Wie so? fragten die Freunde, indem sie die Weingläser niedersetzten.