Weil der Schwernothshund, sagte der Autor mit edelm Ingrimm, es nicht lassen konnte, sich trotz seines Aufschwungs mit liederlichen Menschern einzulassen. Das war nun einmal seine schwache Seite. Petrarch und Laukhard, oder ein Anderer der Zunft, Bahrdt, oder wer es sei, war er in demselben Augenblick. O seine zarte, himmlische Jenny! was das hohe Wesen über diese zu weit getriebene Vielseitigkeit des hochgestimmten Schwärmers gelitten hat! Die Creatur war doch wirklich so, als wenn ein himmlischer Engel in dieses Erdenleben herabgestiegen wäre, um uns eine Darstellung der hohen Flüge eines Plato im sterblichen Abbild zu geben. Mehr als Sophronia und Clorinde des Tasso, höher als Werthers Lotte, oder die Sophie des Fielding war sie so einzig, daß die Brutalität selbst in ihrer Nähe zur Tugend wurde. Tausendschwernoth noch einmal! Wenn sie so mit ihrem Inamorato dahinwalzte! Als den nun, wie Ihr wißt, Freunde, an der schlechten Krankheit der Teufel so rein weggeholt hatte, so gab sie endlich den Bitten des dünnbeinigen Assessors Gehör und verheirathete sich mit der verfluchten Massette. Sie hatte aber schon von ihrer ersten Liebe ein Kind gehabt, das sie heimlich erziehen ließ. Der Junge bekam nachher das böse Wesen und verreckte im Hospital. Die himmlische Laura ergab sich dem Branntwein und es war, wegen des Athems, in den letzten Jahren nicht mehr bei ihr auszuhalten. So verwelken die edelsten Blüten des Lebens.

Und Alfonso, fragte der Schmächtige, jener aufgeklärte Theologe, er hieß eigentlich Wackelbein, — was ist aus dem geworden?

Im Narrenhause, sagte Cramer, hat er an der Kette verendet. Er war zu genialisch, und wollte immer Werther und Guelfo in den Zwillingen von Klinger zugleich seyn. Als er in der Stadt lebte und der Superintendent ihn zum Adjunctus in sein Haus nahm, hatte er seine höchste genialische Zeit. Was er damals schrieb oder sagte, war classisch. Er selbst aber immer besoffen. Das Schwärmen hätte ihn aber doch nicht so sehr daran gehindert, daß der große Geist wäre in eine gute Stelle gesetzt worden; — aber, wie nun sein schönstes Buch sollte gedruckt werden (eine Nachahmung meines Erasmus, wo er zugleich den Bambino Klingers hineingebracht hatte), kam es heraus, daß die Köchin im Hause von ihm schwanger und die Kirchenkasse bestohlen, ja eigentlich ganz weggeraubt sei. Von beiden war er der Thäter, und er konnte es nicht leugnen; schon täglich besoffen, wurde er vom Kummer verrückt und fuhr so dahin. — So habe ich so manche echte Genies, die die Zierde unseres Vaterlandes werden konnten, zum Teufel fahren sehen. Ich habe mich gehalten, so viel ich auch erlebt, so viel ich auch erduldet habe. Der Dienst der Musen ist kein leichter. Mit dem Teufel ist nicht zu spaßen.

Ferdinand erzählte, wie schlimm es ihm in dem Marionettenspiel gegangen sei, worauf Walther sagte: Sie haben also, meine Freunde, einmal recht die deutscheste Deutschheit verkostet. Sonderbar, daß es noch immer viele Gegenden und Gesellschaften giebt, wo ein solcher Ton für das Herzliche und Biedere gilt. Bei diesen steht dann Grazie und Urbanität als Heuchelei und Affektation im schlimmsten Verruf. Aus den Büchern, in welchen der hiesige Ariost die Sitten edler und treuherziger Männer geschildert hat, bildeten sich früherhin manche Studenten auf der Universität, und aus diesen Reminiscenzen schrieben Manche wieder in späteren Jahren Bücher in demselben Ton. Diese rohe Manier verliert sich jetzt mehr und mehr bei unsern Landsleuten.

Ich zweifle, fuhr Ferdinand fort, daß der Gebildete in irgend einem andern Lande an dieser vorgeblichen Herzlichkeit, Biedertreue und Ungeschlachtheit zu leiden hat. Dies Marionettenspiel selbst war eben so schlecht, daß, wer nach diesem meine Vorliebe für diese groteske Unterhaltung beurtheilen wollte, mir sehr Unrecht thäte. Es werden jetzt ungefähr zehn Jahre seyn, als ich auf einer Reise durch den Harz in Quedlinburg dieses wunderliche Drama zuerst entdeckte. Ich kann es wohl eine Entdeckung nennen, denn es wich völlig von jenem Zeitvertreib der gebräuchlichen Puppenspiele ab, und dieses, wie jene gewöhnlichen dienten nur dem Volke zur Aufheiterung, und der Gebildete wendete sich mit Verhöhnung ab. Diese Figuren, die ich jetzt kennen lernte, waren ziemlich groß und wurden sehr geschickt durch eine künstliche Wage und Gewichte regiert, die die Glieder in Bewegung setzten, indem die Fäden an den Fingern der Dirigirenden hingen. Am künstlichsten aber war die Figur des Lustigmachers oder des Casperle, wie er hier genannt wurde. Nach einiger Zeit glaubte man ein wirkliches lebendes Wesen zu sehn; man zweifelte nicht mehr an dem Mienenspiel und er machte mich so lachen, wie ich es nur selten im Leben vermocht habe. Ich erkannte hieraus, wie die Maske, wenn ein gutes Gedicht nur übrigens gut gespielt würde, gewiß nicht die Täuschung stören oder aufheben könne. Am meisten aber überraschten und interessirten mich die wunderbaren Stücke, die gespielt wurden. Sie waren so originell, so großartig erfunden und so kühn durchgeführt, daß ich sie mit keinen andern bekannten vergleichen konnte. Der Don Juan z. B., den sie darstellten, wich sehr von jenem ab, der nach dem Moliere und den Italienern gearbeitet ist. Nach einigen Jahren sah ich mit Erstaunen, daß er nach dem eigentlichen Original des Spaniers Tirso de Molina umgewandelt war. Von einem andern Stücke entdeckte ich später, daß es ganz, aber so, wie dieses Marionettentheater es brauchen konnte, nach einem höchst wunderbaren und religiösen Schauspiel des Mira de Mescua gearbeitet sei. Eine „heilige Dorothea“ folgte ziemlich genau der Tragödie, welche die Engländer Massinger und Decker über diesen Gegenstand gedichtet haben. Ich wollte die Directoren der hölzernen Truppe schon damals bereden, in Berlin ihre Künste zu zeigen, was sie aber jetzt noch nicht wagten, sondern erst sieben oder acht Jahre nachher den Versuch machten und großen Beifall fanden, vorzüglich bei den Freunden der ältern Poesie. Die Herren Dreher und Schütz (diese waren die Dirigenten) erzählten mir, daß alle ihre Manuscripte alt seien, daß sie noch viele besäßen, die sie aber niemals darstellten, unter andern einen König Lear, der aber mit dem weltbekannten Gedichte kaum eine Aehnlichkeit habe. Ich wollte sie überreden, mir diese Gedichte zur Ansicht zu vertrauen, was sie aber standhaft verweigerten, so wie sie auch von dem Rath nichts wissen wollten, diese Sachen durch den Druck bekannt zu machen. Sie glaubten, daß sie sich ihre Aufführungen dadurch verderben möchten. Ich wußte, daß zu Shakspeare’s Zeiten von einsichtigen Mechanikern eine neue Art war erfunden worden, ziemlich große Marionetten künstlich in Bewegung zu setzen. Die Spiele dieser Puppen machten Aufsehen und fanden großen Beifall. Ben Jonson spottet selbst einmal darüber, daß dieses hölzerne Theaterspiel Mode sei und von Manchem dem der Komödien vorgezogen werde. Man gab die Schauspiele, die die populärsten waren, und gute Köpfe, die gerade nichts Besseres zu thun hatten, arbeiteten für diese Bühne und nahmen die besten Komödien berühmter Dichter, um sie für die Marionetten abzukürzen und mit mehr Spaß und Tollheit auszustatten. Die Marionetten zogen hierauf nach den Niederlanden, und in Brüssel und Antwerpen, wo damals viele spanische Komödien gespielt wurden, nahmen sie von diesen die beliebtesten und wunderbarsten in ihr Repertoir auf. Manchen, die ich damals und später in Berlin sah, habe ich noch nicht auf die Spur kommen können; sehr merkwürdig war die Geschichte eines Königssohnes, der sich wahnsinnig stellte, aber nichts mit Hamlet gemein hatte. Der verlorne Sohn ist nach einem alten englischen Schauspiel, und jener landkundige Faust, der unserm großen Dichter in seiner Jugend wohl zuerst den Anstoß zum wunderbarsten seiner Werke gab, ist im Wesentlichen dem Faust des Marlow nachgebildet. Man kann dem Barocken und toll Poetischen nur mit einer gewissen Leidenschaft sich hingeben, eine ruhige kritische Billigung ist unpassend und dem Gegenstande nicht angemessen; und so gestehe ich gern, daß ich damals diese mir noch neuen Spiele vielleicht überschätzte, aber auch jene Menschen, die sich ganz davon abwendeten, nicht tadeln konnte. — Hier aber war von jenem Poetischen, was mich damals so sehr erfreute, auch keine Spur mehr. Die Marionetten waren schlecht und spielten ungeschickt, der Text war ganz modern, aus Kotzebue und einigen beliebten Opern zusammengestoppelt, so daß mich weder Publikum noch Theater auf lange fesseln konnte. Große, wunderbare Verhältnisse, das Tolle, Phantastische und ganz Tragische paßt nur für diese Volksbühne.

Die Freunde genossen noch die schöne Gegend um Liebenstein, alle diese reizenden Naturscenen, und nahmen dann von Wald und Berg und den freundlichen Menschen, die sie hatten kennen lernen, Abschied. Carl von Hardenberg begleitete sie noch bis Eisenach. Der Weg geht queer durch den Thüringer Wald, und reizend liegt das Jagdschloß Wilhelmsthal mitten in einem schönen Walde. Die Buchen hier und in der Umgegend sind von herrlichem Wuchs.

In Eisenach besuchte man die Wartburg und erinnerte sich des Gedichtes von Friedrich Schlegel. Der Deutsche, bemerkte Ferdinand, hat immer noch seine eigenthümliche Freude an der Herrlichkeit der Wälder; vor diesen Ausblicken, die uns entzücken, graut dem Italiäner und die übrigen Nationen empfinden doch schwerlich jenes heilige Grauen oder jene feierlich andächtige Stimmung, die uns in Waldgebirgen oder im einsamen dunkeln Forst ergreift.

Hardenberg kehrte nach Liebenstein zurück, und von Altenburg schrieb Ferdinand an seine Freundin Charlotte nach Berlin:

Altenburg, den 1. August 1803.

Kann man sich so ungewiß im Kreise drehen, wie ich es nun seit mehreren Wochen gethan habe? Menschen betrachte ich und lerne sie kennen, Frauen und Mädchen, Naturscenen gehn an mir vorüber, und nichts ergreift und durchdringt mich so, wie es sollte, weil eine Leidenschaft, eine Unruhe, eine unselige Melancholie mich allenthalben verfolgt. Ich habe die feste Hoffnung, möchte ich doch fast sagen die sichere Aussicht, daß sich in wenigen Tagen dieser Zustand ändern wird. Sie kennen mein Schicksal nicht, und können es also auch nicht fassen, in welchem seltsamen Räthsel ich mich umtreibe.