Ich müßte mich sehr irren, oder mein Reisegefährte Walther wird von einer ähnlichen Leidenschaft gequält, die er mir verheimlicht, geflissentlich Alles umgeht, was auf eine Spur führen oder eine vertrauliche Herzensergießung veranlassen könnte. Dieser Mann, der anfangs so kalt und ruhig schien, verliert immer mehr jene sichere Haltung, die den Gleichgültigen nur sich anzueignen möglich ist.
Zuweilen erscheint mir das Leben grauenvoll, wenn es mir jene kalte, gleichgültige Seite aufdeckt, die die Herzlosen für das wahre Antlitz, und Jugend, Empfindung und Liebe nur für eine schöne Larve erklären. Als wir in Würzburg waren, erinnerte ich mich einer Begebenheit, die mich schon vor Jahren manche Thräne gekostet hat. Ein junger Edelmann lebte hier, reich, gesund und schön, und mit dem schönsten Mädchen in der Stadt versprochen. Die Vermählung war nahe, das Glück der Liebenden beneidenswerth, als der Geliebte mit einem andern Offizier um eine unbedeutende Kleinigkeit in Streit geräth und von dem rohen jungen Mann so beschimpft und beleidigt wird, daß sich die Ehre des Gekränkten, nach unsern Begriffen, nur durch ein Duell wiederherstellen läßt.
Sie treffen sich im Walde und der Liebende hat das Unglück, seinen Gegner zu erstechen. Die Flucht ist unvermeidlich, und die Anverwandten des Erschlagenen, angesehene Familien, treiben es dahin, daß er mit gerichtlicher Strenge verfolgt wird und in sein Vaterland nicht zurückkommen darf. Er wagt es selbst nicht, unter seinem wahren Namen im Auslande zu leben, er kann nur selten und auf Umwegen schreiben und noch seltener kann er von seiner Familie oder seiner Braut etwas erfahren. So vergehn einige Jahre. Seine schlimmsten Feinde sterben indeß, die andern lassen sich versöhnen, und mit vieler Mühe wird ihm die Gnade des Fürstbischofs ausgewirkt, nachdem dieser überzeugt ist, daß er zu jenem unseligen Duell ist gezwungen worden. Er wirft sich, von frischer Jugend beseelt, in den Wagen, einige Meilen vor Würzburg besteigt er ein rasches Pferd, um noch früher in den Armen seiner Braut zu liegen. Schon sieht er die altbekannte Stadt und begrüßt jubelnd ihre Tempel und Paläste; sein Weg führt vor dem Kirchhofe vorbei, ein großer Zug, Alt und Jung, bewegt sich aus der Stadt dahin. Er fragt einen Vorübergehenden, wer die Leiche sei, und erfährt, seine Braut wird beerdigt. Der lange Gram, dann die Freude habe sie so geschwächt, daß ihr ermüdeter Körper dem Anfall eines Fiebers keine Lebenskraft mehr entgegenstellen konnte. Betäubt, entsetzt, lebensüberdrüssig kehrt er um, ohne seine Familie wiederzusehn. Er verläßt die Landstraße, irrt in Wäldern umher und begiebt sich endlich nach Erfurt, um hier im Orden der schweigsamen Karthäuser das Ordenskleid zu nehmen. Nun arbeitet er im Garten und an seinem Grabe, spricht mit Niemand und antwortet seinen Brüdern wie den Fremden nur mit dem trübseligen: Memento mori! — Wie oft war ich in Erfurt in diesem einsam liegenden Kloster, sah die wandernden Brüder an, oder in der Kirche bei ihrem stillen Gottesdienste, und gedachte dieser Geschichte. Jetzt komme ich mit meinen Reisegefährten wieder nach Erfurt. Die Klöster sind alle aufgehoben und Mönche und Nonnen von ihren Gelübden befreit. Ich finde den jungen Prinzen W. wieder, der hier als preußischer Major in Garnison steht, und er bittet uns bei sich zu Tische. Er spricht mir von diesem Mönch, den er kennt, und sagt uns, er würde unser Tischgenosse seyn. Als wir uns versammelt haben, tritt ein ältlicher Mann in bürgerlicher Kleidung herein, der stattlich aussieht, dessen Embonpoint aber schon an das Komische grenzt. Sein Gesicht ist nicht unedel, aber ganz gewöhnlich, selbst unbedeutend, und der Ausdruck seiner Physiognomie ist mehr jovial, als ernst, oder tiefsinnig. Ich konnte mich bei diesem Anblick einer gewissen Verstimmung nicht erwehren. Er erzählte viel und mit großer Redseligkeit; es schien, als wollte er für sein vieljähriges Schweigen sich nun endlich wieder an mannichfaltigen und selbst überflüssigen Worten eine Güte thun. Von seiner melancholischen Jugendgeschichte redete er nicht, das wäre auch zu unangenehm gewesen; aber wohl setzte er auseinander, wie die Diät des Klosters, selbst die strenge, bei dem Mangel an Bewegung, den Körper anschwelle. Das Reiten, besonders das schnelle, wollte ihm noch nicht recht zusagen, aber dennoch sprach er mit wahrem Entzücken von den Exercitien der preußischen Cavallerie, die er zu Pferde angesehn und gewissermaßen mitgemacht habe; der Soldat, so fügte er hinzu, sei wieder mit allen Kräften in ihm aufgewacht, und wenn er nicht zu alt geworden sei, würde er sich mit Enthusiasmus diesem Stande widmen. Jetzt sei er entschlossen, die wenigen Jahre seines Lebens hier in Erfurt, mit seinen militärischen Freunden, deren er manche habe, zu verbringen und von seiner kleinen Pension zu leben. Seine Familie sei ausgestorben, Verwandte habe oder kenne er nicht, und die etwanigen Erben seines kleinen väterlichen Vermögens wolle er nicht in Verlegenheit setzen, daß sie den Argwohn faßten, er könne auf irgend etwas Ansprüche machen. —
Es ist verdrüßlich, wenn die mächtigsten Leidenschaften und wahrhaft tragische Begebenheiten nicht mehr Spur im Menschen zurücklassen. Und doch erscheine ich mir wieder in diesen Gefühlen unbillig und lieblos, weil ich nicht wissen kann, was der Arme gelitten hat, und mit welcher Scheu und Vorsicht er wohl immerdar vor dem Grabe seiner Jugend vorübergeht. Sollte er seinen Schmerz und seine Erfahrung einer gewöhnlichen frohen Tischgesellschaft mittheilen und das Edelste seines Lebens entweihen?
In Weimar war mir der Park, Göthe’s Haus, alle Umgebung, wie heilig. Im Garten, der allenthalben so lieblich und edel die dort dürftige Natur verschönert und verdeckt, muß man bei jedem Schritte unsers Dichters gedenken. Er war nicht zugegen, aber den Herzog trafen wir, als wir das Schloß besichtigten. Der edle, geistreiche Fürst sprach lange mit uns über verschiedenartige Gegenstände. Das Schloß ist von dem Baumeister Genz, dem Bruder des politischen Schriftstellers, vortrefflich eingerichtet; Alles hier ist mit Sinn angeordnet, und der große Saal, für Feierlichkeiten bestimmt, erfreut besonders. Es war nicht leicht, aus Dem, was der große Brand von dem Gebäude hatte stehn lassen, diese zierliche und großartige Einrichtung herauszubringen. Von Friedrich Tieck sieht man schöne Basreliefs und Figuren, zwar nur in Gips, aber so gut ersonnen und ausgeführt, daß sie dem edeln Hause zum Schmuck gereichen.
Von Weimar begleitete uns ein junger Dichter, Thorbeck, dessen sich Göthe und Schiller freundlichst angenommen hatten. Er rezitirte uns im Wagen einige seiner Gedichte, in welchen ich nur zu sehr die Manier unsers Schiller wiederfand. Die Verse schienen mir für einen Anfänger fast zu gut.
In Jena führte uns Wachtel zur Fromann’schen Familie, die ich früher schon gekannt hatte. Den geistreichen Naturforscher Ritter fand ich hier, so wie Clemens Brentano. Von Beiden, die ohne Zweifel große Talente entwickeln können, muß man wünschen, daß sie sich nicht von einer falschen Genialität blenden lassen. Eine bewußtvolle Originalität ist keine; auch kann man dem jungen Dichter wohl allenthalben in seinen Versuchen, wo er recht neu und seltsam zu seyn glaubt, die Stellen nachweisen, die er nur nachgeahmt hat. —
Wann werde ich Sie wiedersehn? Unter welchen Umständen? Wo?
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Von Altenburg begaben sich die Freunde nach Chemnitz. Walther schien völlig verstimmt, und als sie im Gasthofe abgestiegen waren, verschloß er sich in seinem Zimmer und ließ sich mit einer Unpäßlichkeit entschuldigen, die ihn verhindere, zum Abendessen zu kommen. Wachtel, der wohlgemuth war, ließ ihn gewähren und sagte nur zu Ferdinand: unser Moralist fängt an, etwas langweilig zu werden, und weil es ihm nicht so recht gelingen will, so wirft er sich in das verdrüßliche Fach; denn glaube mir, Freund, wer was Rechtes in der Langeweile leisten will, der muß schon früh, in der Jugend dazu thun, die Erziehung kann eigentlich nur den besten Grund dazu legen, und wenn das Genie freilich angeboren ist, so thun doch Ausbildung, Kunst, Uebung und tüchtige Vorbilder auch das Ihrige. Auf dem halben Wege stehen bleiben, wie es unserm lieben Walther begegnen kann, ist das Kläglichste. Ich habe Männer in dem Fache gekannt, die eigentlich von der Natur die herrlichste Anlage hatten, unausstehlich langweilig zu seyn; aber sie hatten das Unglück gehabt, eine Zeitlang unter die Geistreichen zu gerathen, und der Zunftgeist dieser Menschen hatte sich ihnen einigermaßen mitgetheilt, um sie zu ruiniren. Sie hatten die Gabe, Anekdoten ohne Salz und ohne Spitze breit, mit Parenthesen, sich wiederholend und sich widersprechend mit der größten Verwirrung vorzutragen, und zwar solche Geschichten, die jedes Kind schon weiß; aber demungeachtet waren ihnen, wie Fliegen in alten Spinnweben, einige gute Einfälle und Gedanken hängen geblieben, die demnach, wenn auch schlecht vorgetragen, das Kunstwerk ihres miserablen Vortrages hinderten, ein Vollendetes zu werden. Der rechte Virtuose müßte es dahin bringen können, einen heftigen, ungeduldigen und dabei verständigen Menschen geradezu umzubringen. Kann das durch Schreck geschehn, sind Menschen am Lachen oder an der Freude verschieden, so wäre es wohl der Mühe werth, einmal einen Künstler heranzubilden, den ein eifersüchtiger Fürst oder Minister nur auf diesen und jenen Verdächtigen oder Verhaßten loszulassen brauchte, um dem guten Kopf, welcher sich dem Wohl des Vaterlandes nicht fügen will, den Garaus zu machen. Was unsre löblichen Kanzelredner leisten, was Theater- oder religiöse und moralische Dichter thun, die Familiengemälde, viele Romanciers, das ist alles nur Bagatell. Bis zum Uebelwerden, selbst Erbrechen können es Gutmeinende bringen; was ist das aber gegen die Wirkung der Leidenschaften, der Elemente oder des Krieges? Wie oft hat man Gefangene, denen man übel wollte, molestirt und torquirt, Grausamkeiten mit spitzfindigem Grübeln ersonnen, — bildeten Staaten und Schulen aber mehr jene wahrhaften Langweiligen aus, von denen das Ideal meiner regen Phantasie vorschwebt, so könnte das Unerhörte geleistet werden.