Hüte Dich nur, sagte Ferdinand lächelnd, nicht selbst ein Pfuscher in diesem Handwerke zu werden. Es steht keinem an der Stirne geschrieben, wie er einst im Alter endigen werde.

Am folgenden Morgen trat Walther mit einer gewissen Feierlichkeit bei den Freunden zum Frühstück ein. Ich habe eine schlechte Nacht gehabt, begann er dann, weil ich mich schäme, Euch etwas vorzutragen, das ich Euch doch mittheilen muß. Wir sind hier in einer kleinen Stadt, die nicht ohne Anmuth ist, aber wir würden doch nicht eben Ursach haben, lange hier zu verweilen, da wir so mancher viel merkwürdigern nur einige Stunden geschenkt haben, — und doch begreife ich noch nicht, wie wir sobald von hier wegkommen wollen.

Wie käme denn das? rief Wachtel aus. Welcher Zauber sollte uns denn hier bannen können?

Der die ganze Welt bannt und fesselt, antwortete Walther. Ich habe die Reisekasse geführt und mich mit Euch berechnet, in Meiningen gabt Ihr mir, was Ihr noch bei Euch trugt, und es war mehr als reichlich, um nach Dresden, Berlin, Hamburg oder wohin wir noch streben mochten, zu gelangen. In Liebenstein spielte ich und gewann für einen Unglücklichen, der ohne meine Dazwischenkunft verloren war —

Sie haben sich herrlich gegen ihn benommen, rief Wachtel aus, und ich hörte auch noch die vortrefflichen Ermahnungen, die Sie dem Spieler gaben.

Ich hätte sie selber nur zu gut brauchen können, antwortete Walther. Seit vielen Jahren hatte ich nicht gespielt, nun ging es mir wie dem gezähmten Löwen, wenn er wieder einmal Blut kostet. Unmittelbar nach jenen moralischen Reden begab ich mich wieder an den Spieltisch und verlor, bis auf eine Kleinigkeit, Alles, was mir gehörte, und auch Euer Eigenthum. Ihr werdet bemerkt haben, wie knapp und ängstlich ich seitdem auf der Reise war, weil ich hoffte, mindestens bis Dresden auszureichen; gestern Abend gab ich unserm Fuhrmann als Trinkgeld das Letzte. Wir Alle führen keine Creditbriefe mit uns, weil die baare Summe übergenug war; so stehe ich denn hier, beschämt wie ein Schulknabe, vor Euch, und begreife jetzt selbst nicht, wie der Aberwitz mich ergriff, unser Vermögen zu verschleudern. In Dresden, so hoffe ich, können wir uns wieder helfen; aber wie die wenigen Meilen dahin zurücklegen? Sollten wir uns so beschimpfen, Uhren oder Ringe hier zu versetzen? Freysing hat mich in Liebenstein tüchtig ausgelacht, daß ich ihm solche Summe noch zugewendet habe.

Am klügsten und kürzesten ist es, rief Wachtel aus, daß ich mich so schnell als möglich nach Dresden hinstümpere, dort habe ich Bekanntschaft und Credit, ich schicke alsbald das Nöthige her, Ihr unterhaltet Euch indessen hier, so gut Ihr könnt, und wir treffen uns in Dresden wieder, wo Sie dann, Freund Walther, sich wieder in Baarschaft setzen können, um mir und Ferdinand Das wieder zu geben, was Sie uns schuldig geworden sind.

Als Walther das beschämende Geständniß überstanden hatte, lachte er mit den Uebrigen recht herzlich über seine Unbesonnenheit. Man ließ sogleich einen Fuhrmann der Stadt kommen, und Wachtel bat sich aus, das Geschäft mit diesem allein abzumachen. Der Mann kam und Wachtel fragte ihn: ob er im Stande sei, ihn noch an diesem Tage nach Dresden zu schaffen, ihn allein mit einem kleinen Gepäck. Der Fuhrmann sah dem Fragenden ins Gesicht, schaute dann an die Decke, hierauf zum Boden nieder, als wenn die Beantwortung dieser Frage viel Nachdenken und Grübeln erforderte. Es ginge zur Noth wohl, sagte er mit langer Verzögerung, wir haben noch lange Tage, meine Pferde sind gut, die Last nicht schwer. — Und wie viel verlangt Ihr, Mann? — Ja, sagte jener, wenn nur die Ernte nicht wäre, und das Vieh ist jetzt auch nicht so, wie späterhin, und das Futter ist jetzt theuer; unter sechs Speciesthalern kann ich es nicht thun. — Aber ich kann sogleich abfahren? — Gefressen haben die Pferde, erwiederte der Kutscher, also hat es keinen Anstand. — So macht Euch fertig, Freund, ich setze mich gleich ein, Eure Forderung ist nicht unbillig, auch verlange ich Euern Schaden nicht, und verspreche Euch, wenn Ihr mich zeitig nach Dresden hinschafft, sieben Species, außer Euerm Trinkgelde. So kann ich Ihre Geschäfte, Herr Baron und Herr Graf (indem er sich mit der höflichsten Verbeugung an seine Reisegefährten wendete), gleich morgen früh besorgen, und wenn Sie mir in einem oder zweien Tagen nachfolgen, so treffen Sie Ihren ergebensten Diener im goldenen Engel. Nur eins noch, mein guter Fuhrmann, bedinge ich mir aus, daß Ihr Chaussee und dergleichen Alles, auch was ich im Gasthofe bedürfen möchte, auslegt, weil es mir unerträglich ist, mich mit Zoll und Geleit und Kellnern und Wirthschaft einzulassen, und daß Ihr mir morgen in Dresden Alles genau und gewissenhaft berechnet. Und so geht denn, Freund, und spannt an.

Der Fuhrmann entfernte sich in Demuth und zufrieden, und Wachtel sagte lachend: ich habe Dich, lieber Ferdinand, zum Grafen erhöht, um seine Auslagen leichter zu erlangen. Zum Glück geht die Reise nicht weit, es bedarf keiner großen Summe, und ich bin in Dresden meiner Bekanntschaft gewiß.

So reisete Wachtel ab, indem er sich noch einmal, beim Einsteigen, der Gewogenheit des Herrn Grafen und Barons empfahl. Wir können nun rechnen, sagte Walther, wenigstens noch zwei Tage in dieser kleinen Stadt bleiben zu müssen; heut Abend kommt unser Wachtel in Dresden an, ein Tag geht wenigstens hin, bis das Geld hieher kommt und vielleicht, wenn er es nicht durch den Fuhrmann senden will, währt es noch länger. Wir müssen also sehn, wie wir uns hier ergötzen.