Sie gingen aus, um die Stadt und Gegend näher kennen zu lernen. Nach ihrem Spaziergange trafen sie auf ein Haus, in welchem Bücher verliehen wurden, und Ferdinand nahm einige, deren Titel ihn anlockten, mit nach dem Gasthof. Sie blätterten in den Erzählungen, lasen abwechselnd einiges laut, und warfen sie dann verdrüßlich hin. Ist es nicht sonderbar, daß die Deutschen, welche so viel schreiben, immer noch nicht lernen (wenige Autoren abgerechnet), wie man eine Erzählung vortragen kann und soll? Gelingt es auch hie und da Diesem und Jenem, uns ein Interesse abzugewinnen, so trägt er uns gleich darauf Dinge vor, die nicht zur Sache gehören, die uns nichts angehn, und verschweigt im Gegentheil, worauf wir neugierig sind. So lernen es die wenigsten, sich der Form, selbst der leichtesten, zu bemächtigen, und schwanken ungewiß und unsicher hin und her, nirgend festen Fuß fassend, weitschweifig zur Ermüdung, und doch, wie Cervantes sagt, das Beste im Dintenfasse lassend.
Wir können bemerken, erwiederte Ferdinand, daß das Beste, was bei uns erscheint, indem es Mode wird, alsbald zur Nachahmung dient und sich tausendfältig schwächer und immer schwächer wiederholt; aber diese Scribenten, die ihr Vorbild verwässern, studiren nicht dessen Tugenden, oder machen sich klar, wodurch es vortrefflich ist, sondern sie bemächtigen sich nur obenhin der Manier und hängen an den Zufälligkeiten. Andre Modeschriftsteller ergreifen den rohen Stoff, sprechen Gesinnungen aus, die gerade an der Tagesordnung sind, heute Frivolität, morgen Pietismus, bald Patriotismus, bald Rebellion, Haß gegen die Obrigkeit oder süß frömmelnde Liebe, dann wieder Rohheit gemeiner Wachstuben, die sie uns für Rittersinn verkaufen, oder Gespenstergrauen, wenn nicht Familien der Landprediger sammt Liebe und Sehnsucht, die sich schon in den Kindern entwickeln. Es haftet und dauert von allen diesen schlechten Manieren keine, aber eine jede läßt ihre schlimmen Folgen zurück. So ist die Masse des Volkes, welches sich jetzt gern das gebildetste in Europa nennen hört, in Ansehung seiner Modelectüre ohne Zweifel das roheste von allen.
Wie entzückt Denjenigen, welcher zu lesen versteht, fuhr Walther fort, jede, auch die kleinste Novelle des Boccaz, des feinen Cervantes gar nicht einmal zu erwähnen. Aber auch die ruhige Klarheit eines Sacchetti erfreut, und fast jeder Italiener der früheren Zeit weiß die Sache, die er mittheilen will, geschickt vorzutragen. Und so können uns leicht und heiter aufgefaßte Geschichten ergötzen, die sonst gar keinen Inhalt haben, und manches in dieser Art haben die Franzosen auch sehr glücklich geleistet.
Man sollte vielleicht aus unsrer komischen Geldnoth, sagte Ferdinand, die uns hier zu bleiben zwingt, eine heitere Novelle bilden können. Zwei Reisende treffen zum Beispiel in einem Gasthofe von verschiedenen Gegenden her zusammen, sie beleidigen sich, und doch zwingt sie die Noth, daß einer sich dem andern eröffnet, um Hülfe von ihm zu begehren; nun erfährt jeder vom andern, warum sie sich nicht beistehn können, und wie jeder von ihnen in diese lächerliche Verlegenheit gerathen ist.
Recht, rief Walther aus, der eine kann, zum Beispiel, ein Mädchen entführt haben, sie wartet auf ihn in einer gewissen Entfernung, wohin sie ihn bestellt hat, und er kann nun durchaus nicht zu ihr, weil es ihm am Gelde mangelt.
Nicht übel, sagte Ferdinand, doch geriethen wir da vielleicht zu sehr in das Sentimentale. Könnten die beiden Fremden nicht Verwandte seyn, aus verschiedenen Ländern, die sich gegenseitig aufgesucht haben, und die jetzt ein läppischer Zwist daran hindert, sich einander zu erkennen, da sie unter erborgten Namen reisen? Es könnte so weit kommen, daß sie sich forderten, daß man alle Mühe anwenden müßte, um Diejenigen, die sich liebend seit lange suchen, vom mörderischen Kampfe abzuhalten.
Das würde mir darum nicht gefallen, sagte Walther mit verdrüßlicher Miene, weil es an die Komödie der Irrungen und an andre Geschichten, die auf ähnliche Art verwickelt sind, erinnert. Aber, fuhr er heitrer fort, bearbeiten wir jeder auf unserm Zimmer heute und morgen, da wir doch nichts anders zu thun haben, diesen Gegenstand und lesen wir uns morgen Abend unsre Productionen vor.
Es sei! rief Ferdinand mit Lebhaftigkeit aus, nur Schade, daß wir keinen Schiedsrichter haben, der einem von uns den Preis ertheilen möchte.
Jeder begab sich auf sein Zimmer, und Ferdinand, um sich zu zerstreuen, schrieb mit Laune und Heiterkeit, obgleich er nicht unterlassen konnte, einige Umstände aus seiner eigenen Geschichte einzuflechten. Die Aufgabe interessirte ihn dadurch so sehr, daß er unvermerkt dieses und jenes der Erzählung hinzufügte, was er um keinen Preis seinem Freunde erzählt haben würde. Er meinte aber, so vermischt mit der Erdichtung würde sich die Wahrheit als eine solche nicht verkündigen. Walther gab seiner Erzählung einen ernsteren Inhalt; aber sowie er fortfuhr, kam ungesucht die Aufgabe in die Geschichte, die ihn selbst auf die Reise getrieben hatte, nehmlich der Wunsch, einen Gegner, der, nach seiner Meinung, Strafe verdiene, aufzufinden; nur machte er aus diesem Gegner einen Nebenbuhler, damit sich die Fabel mehr runden möchte.
So waren die Freunde zwei Tage beschäftiget und kamen sehr heiter und mit sich selbst zufrieden zum Abendessen zusammen. Nachdem sie gesättigt waren, holten sie ihre Manuscripte und Walther sagte: Sie, von welchem der Gedanke unsrer Schriftstellerei ausging, müssen Ihre Novelle auch zuerst vortragen, damit die meinige alsdann beschließen könne, und morgen, nachdem wir geschlafen haben, soll jeder des andern Versuch kritisch prüfen und scharf untersuchen.