Ferdinand zog den Tisch, nachdem Alles entfernt war, an sich und fing an: Der Taube von Benevent, Novelle. — Wie? rief Walther; ich muß mich sogleich als Rezensent melden und Einspruch thun, denn dieser Titel schon scheint mir gegen unsre Abrede zu seyn. Ich bildete mir ein, die Scene müsse nach Deutschland verlegt werden, und darum habe ich meine Erzählung genannt: Der Weltentdecker in Verlegenheit.
Auch sonderbar genug, sagte Ferdinand, hinter dem Titel sollte kein Mensch die verabredete Aufgabe suchen.
Doch, sagte Walther, ein Reisender, der schon die halbe Welt durchstrichen ist, der immer etwas Neues sieht und sucht, und sich nicht wenig damit weiß, für Alles Rath zu schaffen und die Menschen zu kennen, muß, wie Sie sehn werden, in dem elenden Wirthshause eines kleinen Städtchens lange kleben bleiben, und verliert so die wichtigsten Vortheile seiner Reise, ja gewissermaßen das Glück seines Lebens. Doch ich störe Sie und halte Sie auf.
Ferdinand begann: Es war nicht lange nach jenem berühmten Erdbeben in Calabrien, welches so viele Orte zerstört hatte, daß — —
Hier entstand ein lautes Sprechen draußen, und ein Klopfen an der Thür, und der Genius des Verfassers, oder der Zufall wollte nicht, daß Ferdinand jetzt seine Erzählung weiter vortragen sollte. Der Fuhrmann kam nehmlich zurück und händigte den Freunden ein großes Paket ein. Der Herr, sagte er, der gestern mit mir fortreisete, hat mir gleich heut Morgen dieses vielfach versiegelte Schreiben eingehändigt und mir auf meine Seele befohlen, gleich, gleich zurückzueilen, und es ja noch heut Abend, wenn ich auch spät ankommen sollte, in Ihre Hände zu überliefern. Und da mich der wackre Herr sehr gut und über meine Erwartung belohnt hat, so schien es mir eine Gewissenssache, seine Befehle prompt und schnell auszurichten. Ich habe daher auch auf keine Retourgesellschaft gewartet, sondern mich eilig aufgemacht, um nicht zu spät anzukommen.
Walther beschied ihn auf morgen, wenn auch nicht sehr zeitig, damit die Pferde ausruhen könnten, überzählte, als sie allein waren, die Summe, welche Wachtel in Gold überschickt hatte, und las alsdann den Brief des Freundes vor:
Hiebei das Nöthige, gleich durch den Kutscher, weil die Post es sechsunddreißig Stunden später würde abgeliefert haben. Aber zugleich muß ich Euch melden, daß Ihr mich in Dresden nicht mehr treffen werdet, denn sowie ich diesen Brief geendigt habe, springe ich mit gleichen Beinen in eine schon bestellte Kalesche, und fahre nach Guben, um meinen umirrenden Ritterzug zu endigen. Glaubt Ihr denn, Ihr von mir leidenschaftlich Geliebteste, daß Ihr niemals langweilig seid? Anzi, pur troppo, wie wir Italianisirten zu sagen pflegen. Sapperment noch einmal! Ihr vergeßt es ja immerdar, daß ich, wenn ich mich recht besinne, ein zärtlicher Gatte bin. Soll ich meine Liebe denn ganz vernachlässigen und so in der öden, weiten Welt herumrasen? Wer freilich so ledern ist, wie Ihr Beide, so ganz ohne Liebessehnsucht, wessen Herz niemals im Enthusiasmus überschwillt, kurz, wer so nur der Gegenwart und dem flüchtigen Augenblick lebt, wie Ihr, Nächte am Spieltische vergeudet, jungen hübschen Mädchen in allen Ruinen nachläuft, oder wie ein Deserteur auf dem hölzernen Esel stundenlang in der russischen Drehmaschine unverwandt und stieren Blicks die dürren Bretter einer hölzernen Bude anschauen kann, — solche Leute sind für Schwärmer, wie ich einer bin, eine zu trockne Gesellschaft. Mein pochendes Herz treibt mich zu meiner Gattin, die gewiß bei jedem Kloß, den sie einrührt, dieses meines Herzens gedenkt. Und dann, — hat das Vaterland, — meine Vaterstadt — keine Rechte, keine Forderungen an mich? Man verliert in dieser Kosmopoliterei allen Sinn für das Einheimische, selbst Heimische und Heimelnde; und wenn Ihr auch heimlich gegen mich wart, und Jeder von Euch seine Heimlichkeiten vor dem Andern hat, so ist mein heimelndes Heimathgefühl, mein Heimweh, viel edlerer Natur. Wenn ich so bei den Sägemühlen die frischgeschnittenen Kienbretter roch, — ha, alle Reize meines Guben standen vor mir. Wenn ich den Streusand über ein beschriebenes Blatt spritzte, so war mir Das, was der Kuhreigen dem biedern Schweizer ist. Kleinstädtisch, voll armseliger Rücksichten wurde ich auch in Eurer Gesellschaft; wenn ich mich einmal aufschwingen wollte auf den Adlersfittigen meiner Begeisterung, — was habe ich von den kleinartigen, niemals nach vollen Zügen durstigen Seelen aushalten müssen! Von der Hippokrene, oder dem musenberauschenden Quell des Parnassus soll der Mensch gar nicht, oder recht tief, voll, in den mächtigsten Wogen trinken; so sprechen die weisen Alten. Man sei völlig nüchtern, — oder — nun ja, was? Ihr würdet als Plebejer vielleicht von knüppel- oder hageldick, oder was die guten Deutschen sonst noch kümmeltürkenartig an den schändlichen Ausdruck „besoffen“ anknüpfen, sprechen: Sieben ist die böse, aber auch die heilige Zahl, und ein alter Jäger hier sagt von einem so Begeisterten: er sei halb Sieben. — Herr Walther kann mir also das Geld, welches er mir noch schuldig ist, nach meiner geliebten Vaterstadt senden. Vielleicht besucht mich derselbe hohe Mann, sowie der Crucifix- und Nepomuksjäger, der zarte katholisirende Ferdinand dort. Wenn derselbe einmal mit christlichem Legendencostüm als ein Wegweiser ausgehauen und mit Grün und Gold angemalt an die Landstraße gestellt würde, hätte er seine Harmodius- und Aristogiton-Statue und Vergötterung verdient und erreicht. Seh ich Euch, Freunde, in diesem sterbenden Leben oder in dieser lebenden Sterblichkeit noch einmal wieder, so wird es mir immer, so viel ich auch höher strebe, einige, wenn auch nicht die größte Freude gewähren.
Wachtel.
Dresden, den 9. August 1803.
Nachdem dieser Brief gelesen war, fragte Ferdinand, ob er jetzt in seinem Manuscripte fortfahren solle; doch Walther, der noch mit dem Briefe beschäftigt schien, war sehr zerstreut und verstimmt, sodaß er kurz aufbrach, ein Licht nahm und seinem Gefährten eine gute Nacht wünschte. Als Walther allein war, las er für sich das Postscript noch einmal aufmerksam, welches so lautete: — Indem ich hier im Engel alles Dies abfertige, drängt sich ein junger Herr in mein Zimmer, derselbe Herr von Bärwald, den wir in der Kirche zu Graupen zu bewundern Gelegenheit hatten, und zwingt mir noch diesen versiegelten Zettel für den Herrn Walther auf. Er meint, der Inhalt sei für Sie von der allergrößten Wichtigkeit.