„In Dresden werde ich die Ehre haben, Sie zu sehn, und Sie werden auch Denjenigen kennen lernen, welcher Ihnen einliegendes Blatt sendet.“

Das versiegelte Blatt enthielt folgende Worte: „Den Entführer, welchen Sie suchen, können Sie nur den vierzehnten August bei, oder in Guben treffen, wenn Sie ihn im Hause des Herrn Wachtel erfragen wollen, wo alsdann die sichere Nachricht, wo sich dieser Herr von Linden aufhält, Sie erreichen soll.“

Sonderbar! sagte Walther zu sich selbst, also dort soll ich den Elenden nun antreffen, von wo gewissermaßen mein Umstreifen in diesen deutschen Provinzen begann? Und — kann ich es mir verleugnen? — jetzt, nach Monaten erscheint mir die Ahndung seiner That und die Bestrafung dieses Mannes nicht mehr so nothwendig, wie damals, als ich mich zu diesem Geschäfte drängte. Scheint es doch auch, daß mein Vetter in Warschau sich längst getröstet hat; indessen habe ich mich einmal damit eingelassen und mich dazu verpflichtet, sodaß die kühlere Ueberlegung zu spät kommt. Und ist die schöne Maschinka am Ende mit diesem Entführer glücklich, so möchte ich mich jetzt fragen, was diese Leiden und Freuden mich eigentlich angehn, da die Verwandten des Mädchens, wenn doch einmal etwas geschehn sollte, Jenen verfolgen und zur Rechenschaft ziehn konnten. Sie haben nicht weniger Muße dazu, als ich. Nun wird also doch zum Beschluß meiner Reise eintreffen, was nach meiner Meinung am Anfange geschehn sollte.

Nachdem man am andern Morgen mit dem Gastwirth die Rechnung berichtigt hatte, fuhr man, als die Hitze schon eingetreten war, nach Freiberg ab. Dort verweilten die Freunde nur, um einige Merkwürdigkeiten in Augenschein zu nehmen, und kamen, nachdem es schon Nacht geworden war, in Tharand an.

Walther freute sich darauf, am folgenden Morgen die Schönheit dieser Thäler, des Buchenwaldes und der Aussicht von der Ruine zu genießen, als Ferdinand ihm plötzlich ankündigte, er würde noch in dieser schönen kühlen Nacht zu Fuß nach Dresden gehn. Die Einwendungen Walther’s wurden nicht angehört, sondern, obgleich es dunkel war, Ferdinand wanderte sogleich wohlgemuth weiter, nachdem er nur eben aus dem Wagen gestiegen war. Walther glaubte bemerkt zu haben, daß ein Unbekannter ihm beim Ankommen einen Brief überreicht habe, den Ferdinand in größter Hast, beim ungewissen Schein eines flackernden Lichtes angesehn habe und durch ihn in diese Unruhe gerathen sei.

Zum Argwohn aufgereizt, konnte es Walther nicht unterlassen, dem Gefährten, nachdem dieser in der Dunkelheit manchen Schritt voraushatte, eilig und ohne Geräusch nachzugehn. Als er das Städtchen verlassen hatte, glaubte er in der stillen Einsamkeit Stimmen, ganz nahe vor sich, zu vernehmen. Als er weiter schritt, mußte er vermuthen, daß es nur das Rauschen des Gebirgstromes sei, welches ihn so getäuscht habe. An der waldbewachsnen Bergwand hinwandelnd, glaubte er im Dunkeln eine weiße weibliche Gestalt neben einer dunkeln männlichen zu unterscheiden; bald überzeugte er sich auch von der Wahrheit, aber es waren Menschen, die ihm entgegenkamen und wohl zur Mühle des Ortes zurückwandern mochten. Noch mehr wie einmal glaubte er in der Entfernung Klagen, Zank oder Gelächter zu vernehmen, und immer wieder mußte er sich überzeugen, daß es das Geräusch des kleinen Stromes sei, das ihn in der stillen Nacht so getäuscht habe. Beschämt ging er endlich zurück, verdrüßlich über sich selbst, daß er sich, ohne etwas erfahren zu haben, zum Horchen und Belauschen herabgewürdigt habe.

Am klaren frischen Morgen durchstreifte er die reizenden Gegenden bei Tharand, die dem Naturfreunde immer neu und anmuthig bleiben, wenn er auch aus der Schweiz oder Tyrol eben zurückkehrt. Diese Thäler, die so einsam von der lärmenden Straße entfernt sind, vom köstlichen Waldstrom durchrauscht, von schönen Hügeln und Buchen und Tannen bekränzt, sind so lieblich, daß man hier gern die weiten Blicke über den schönen Elbfluß vergißt. Von der Natur geläutert, Alles, was er in Guben wollte, oder gestern Abend ihn bewegt hatte, vergessend, fuhr er dann bei schönem Wetter nach Dresden und stieg bald nach der Tischzeit vor dem goldnen Engel von seinem Wagen.

Als er sein Geschäft mit seinem Bankier berichtigt hatte, fiel es ihm erst auf, daß er seinen Reisegefährten Ferdinand noch nicht war ansichtig geworden. Er forschte im Gasthofe nach ihm, aber er hatte sich hier nicht, wie die Freunde doch abgeredet hatten, gemeldet. Sonderbar! sagte Walther zu sich selbst, ich bin ihm noch eine bedeutende Summe schuldig, er hatte, so viel ich weiß, gar kein Geld bei sich, und so entschwindet er nun plötzlich, ohne Abschied, ohne Nachweisung, ob und wo wir uns treffen können.

Jetzt suchte ihn der junge Baron von Bärwald in seinem Zimmer auf. Was mir das leid gethan hat, rief der junge Mensch, daß wir uns vor einigen Wochen in Graupen und Teplitz verfehlt haben; ich hätte wahrscheinlich die ganze Reise mit Ihnen machen können, und mein Freund, der mit mir war, ebenfalls.

Doch wie, fragte Walther, sind Sie auf die sichre Spur jenes Linden gekommen?