Eben jener junge Freund, der auch mit mir in Graupen und Teplitz war, antwortete der Baron, hat mir umständlich die ganze Geschichte erzählt. Er ist mit beiderseitigen Familien, sowohl der des Herrn von Linden, als der schönen Maschinka, befreundet. Er steht mit jenen Bekannten in Warschau in ununterbrochenem Briefwechsel, und von dort, ich weiß nicht, wie, hat er erfahren, daß an jenem Tage, den ich Ihnen meldete, die schöne Maschinka sowie der Herr von Linden in Guben seyn werden. Was sie dort, oder wohin sie von dort wollen, ist mir freilich unbekannt.
Der bestimmte Tag war ganz nahe. Walther, um nicht mit dem jungen ungestümen Baron zu reisen, der sich ihm schon angeboten hatte, schützte Geschäfte vor, die er auf einigen Gütern abzumachen hatte, und begab sich auf die Straße nach Guben. Die öde Gegend, durch welche er reisete, vermehrte seinen Mißmuth.
Am zweiten Tage, als es schon spät am Abend war, erreichte er Guben. Im Dunkeln fragte er sich nach Wachtel’s Hause hin, aber dieser sowohl, als seine Gattin war nicht zugegen, und man wußte, so sagte der Dienstbote, nicht, wann sie zurückkommen würden. — So wollte Walther nach dem Innern der Stadt zurückkehren, verfehlte aber, weil er die entgegengesetzte Richtung nahm, den Weg und gerieth in die freie Landschaft. Es kam ihm nicht darauf an, sich nicht noch etwas zu ergehn und abzukühlen. Er gerieth auf eine Wiese und glaubte hinter einigen Gebüschen Klagelaute zu vernehmen. Er suchte sich mit Behutsamkeit, um im Finstern nicht zu fallen, der Stelle zu nähern, und als er die Worte unterscheiden konnte, hörte er deutlich folgendes Gespräch: So raffe Dich nur auf. — Was, raffen! das ist ein dummes Wort! Was kann man an sich selber raffen? Hier liegt sich’s gut, und ich will wenigstens bis zur Regenzeit hier wohnen bleiben. — Was für ein Kreuz mit solchem Mann! Kannst Du denn wirklich gar nicht stehn? — Als wenn das eine nothwendige Sache wäre, wenn man so angenehm liegt, wie ich hier. — Wenn nur ein Mensch zur Hülfe in der Nähe wäre! — Ja, keiner, weil sie Alle in meiner Position, wenn auch nicht derselben Situation, in ihren Betten liegen.
Walther hatte gleich im Anfang Wachtel’s Stimme erkannt, und halb gerührt über die Wehklage der Frau, halb lachend über den so ganz unverbesserlichen Reisegefährten, ging er näher, um seine Hülfe anzubieten, damit der Trunkene so nach Hause geschafft werden könne.
Ach Gott! seufzte die Frau, immer muß so ein fremder Herr als ein Engel vom Himmel mir zur Hülfe herbeikommen. — Mit gemeinsamer Anstrengung richteten sie den Taumelnden endlich auf, der in seinem Rausch den Reisegefährten nicht wiedererkannte. Walther und die Frau faßten ihn unter die Arme und richteten ihre künstliche Wanderung nach der Stadt, die aber, so sehr sie den Zögernden auch schoben oder zogen, dennoch nur sehr langsam vor sich gehen konnte. Ja, gnädigster Herr, klagte die Gattin, er hat sich da, so wunderlich er nun ist, einen höllischen Trank verschrieben und kommen lassen, den er die Menschenessenz nennt, und behauptet, Abraham und Isaak hätten den Soff schon im Paradiese gehabt. So rennt er nun heut so heraus, wie er es treibt, um die Nachtwelt aufzusuchen und ihr vorzupredigen, und da denkt er, die dumme Nachtwelt antwortet ihm, wenn es die Frösche sind, die im Sumpfe quaken.
Frösche, Sumpf, quaken! rief Wachtel im Zorn: schlechte Worte! Quaken, was das ein Mißlaut ist! Und dann, wie einfältig, die ordinäre Nachtwelt, zu welcher freilich Frösche, Eulen und Fledermäuse gehören, mit meiner Nachtwelt, die ich heut aufgesucht und gefunden habe, zu verwechseln! — Er hielt an, stemmte sich mit aller Kraft an Walther und bestrebte sich, ihm in das Gesicht zu sehn. — Erlauben Sie mir, unbekannter Herr Menschen-, aber nicht Wortführer, Ihnen eine authentische Nachricht von jener Begebenheit zu geben, welche diese Person, die eine Frau und zugleich meine Frau ist, ziemlich confuse vorzutragen sich bemüht, als ob sie keine Frau, sondern ein Narr wäre. — Jetzt ging er wieder weiter, mit seiner ganzen Schwere auf Walther gestützt, der schon, von der Anstrengung erhitzt, häufigen Schweiß vergoß. — Sie werden es oft empfunden haben, fuhr Wachtel, etwas lallend fort, daß der denkende Mann mit seiner Gegenwart und der ganzen Zeit unzufrieden ist. Alles, was wir denken, wissen, wollen, die edelsten Bestrebungen unsers bessern Menschen, auch wenn wir nicht soeben die echte Menschenessenz genossen haben, legen wir sauber hin auf den großen Ladentisch dieser alten Krämermadam, der Zeit. Sie sitzt nun immer da, mit der Brille auf der spitzen Nase und die blöde gewordenen Augen aufreißend und zukneifend, und sucht aus und wählt, hebt auf und registrirt, schreibt ein und streicht aus, und weiß vor vielem Thun und Wissen nicht, was sie thut, und vergißt immer wieder, was sie sich merkt. Die Kunden stehn vor dem Tisch übelgelaunt da und fordern und fragen, und erhalten nichts oder nur schlechtes Zeug. Der will vom feinsten Battist und kriegt alten, abgelegenen Cattun in die Hände, der will eine schöne politische Blondengarnitur, und die dumme Alte schiebt ihm ein verwittertes, längst aus der Mode gekommenes legitimes Haubenmuster hin, mit erstickter Stickerei und ausgewaschenen Knötchen. Treffliches Westenzeug möchte der recht blank und glänzend sich aneignen, und alten Hosencamelot aus Osten steckt sie ihm zu. Die beste reformirte Religionskräuselei und Krause fordert der, und sie will ihn mit schlechtem steifgestärkten moralischen Pietismus abspeisen. Schreit der nach der einfachen Kunst ohne Form und Gesetz, ein Bildwerk für des Herzlichsten Herz, so fährt sie ihm mit einer alten Mosaik entgegen, lauter zusammengesetzte schroffe Einzelheit; der will das Platonische, sie giebt ihm das Platte oder höchstens Plattirte: Lucretius und Lucretiensaft, Archangel und Erzengel, Peter Madsen und Matthison, Shakspeare und Käsebier, Racine und Ratzen, Alles verwechselt die dumme Creatur. Die Käufer laufen fort, die besten Arbeiter wollen ihr nichts mehr liefern, denn sie verzettelt die schönsten und edelsten Zeuge, daß sie unter den großen Ladentisch fallen, wo nachher sich Hunde und Katzen ihre Nester drin bauen. Und die Nachwelt — nun, die steht in der Ferne, sperrt das Maul auf, und wünscht doch etwas aus unsrer Zeit zu überkommen. Den Unfug hatte ich nun lange geduldig mitangesehn, und hatte mich überzeugen müssen, daß die gute Nachwelt nur Schund und Schofel, Spreu und Asche, Sägespäne (die auch vielleicht für Shakspeare ausgeschrien werden) und Kohlenstaub in Magen, Herz und Gehirn kriegen wird. So, gestärkt durch einen starken Zug aus dem Quell der Begeisterung, machte ich mich heut an diesem heißen Tage, an welchem das Thermometer hoch auf Zukunft steht, auf, um mit der Nachwelt selbst zu sprechen und ihr im voraus die Lehren, Gedanken und Winke zu überliefern, die ich für die besten unsrer Tage halte. Dort in der Einsamkeit des Waldes fand ich sie denn auch, sie hatte sich’s bei der großen Hitze bequem gemacht, und war fast ohne Hülle, sie war so aufgelöst und auseinander gequollen, daß sie in der That in unsre Gegenwart, die sich auch hatte gehn lassen, hineinreichte. Sie nahm alles von mir gütig auf und sagte freundlich zu Allem Ja; sodaß unsrer Enkel Enkel durch meine redliche Bemühung doch etwas von den guten Fabrikationen unsrer Zeit ungefälscht erhalten haben. Und dies, mein geehrter Herr Lieutenant, der Sie im Gehn gewissermaßen meine Stelle vertreten und mein Treten wieder übergehn müssen, ist Das, was der vorige einfältige Berichterstatter als Nachtwelt, als Sumpf, als Frosch und Quaken charakterisiren wollte. Sie aber, erleuchteter Mann, sehn jetzt genau ein, wie Alles zusammenhängt. — Sollten wir nicht aber schon in der Stadt und vor meinem derzeitigen Hause seyn?
Und so war es in der That. Der Trunkene dankte für die Ehre der Begleitung, die ihm ein fremder Mann in so später Nacht erwiesen hatte, und ging mit der Frau in seine Thür, wo ihn ein Diener und die Magd schon erwarteten.
Am andern Morgen war Wachtel ganz ernüchtert, als Walther zu ihm eintrat; er konnte ihm über Alles Rede und Antwort geben, was dieser nur zu wissen begehrte. Es ist wirklich wahr, erzählte er, das junge, schöne Frauenzimmer, welches schon einmal bei uns gewohnt hat, ist wieder hier durchgekommen und hat wieder eine Nacht oben geschlafen; ein alter Diener und eine Magd, welche mit ihr waren, nannten sie Maschinka. Sie war wieder ebenso eilig, wie damals, sodaß ich sie fast gar nicht gesehn habe, und ist dann über die Oder gegangen. Aber ein junger Mann hat sich auch gemeldet und nach Ihnen gefragt, Sie möchten nur an Herrn von Linden ein Billet schreiben, so würde dieser sich gewiß in den nächsten Stunden stellen, im Fall Sie ihn nur an der Oder erwarten möchten.
Wachtel schrieb also einige Zeilen, welche binnen kurzem auch wirklich abgeholt wurden. Der Herr von Bärwald stellte sich ebenfalls ein und bot sich zum Sekundanten Walther’s an, und Wachtel, der ängstlich um seinen Reisegefährten war, ließ es sich nicht ausreden, diesen ebenfalls zu begleiten.
Sie hatten sich einen Platz an der Oder zur Ruhestätte erwählt, nachdem sie den Wagen verlassen hatten, von wo sie einen großen Theil des Flusses übersehn konnten und gegenüber die sogenannte Kretschem vor sich hatten. Als es etwas kühler wurde, sahen sie, wie die Fähre herüberruderte. Sie bemerkten, daß eine elegante herrschaftliche Kutsche darauf stand, und wie das Fahrzeug näher kam, unterschieden sie, wie zwei Männer, Arm in Arm, da standen und nach dem Ufer hinüberschauten. Der ältere und größere glänzte in einer reichen Uniform.