Ei! ei! rief der Kleine; ach! grüne Bäume, ein Dorf: ein kleines, liebes Haus da, auch eine Wiese, ein klares Wässerchen, und eine Mühle nicht weit davon. Ein junger Herr spaziert da, ich kenne ihn auch, er kommt oft zu uns, ja er ist jetzt bei uns. Schau, da tritt ein hübsches Bauernmädchen zu ihm, und sie gehn in das kleine Haus.
Anton war blaß. Er hatte sich erhoben, konnte sich aber zitternd nicht mehr aufrechthalten und setzte sich nieder.
Der Knabe fuhr fort, in das Glas schauend: sie streiten heftig im Zimmer, sie nimmt ein Bild aus ihrem Busen und tritt es mit Füßen. Er geht und droht. Sie reißt ihre Mütze vom Kopf, die Haare fliegen. Sie rennt nach dem Tische und zieht ein großes Messer hervor. Dann sieht sie nach dem Bach und dem Wasser. Sie schwört, sie macht schreckliche Geberden.
Der Magus ließ die Hand vom Kopf des Kleinen und ein gelber Blitz zuckte blendend durch das Zimmer, ein lauter Donnerschlag erschütterte das Haus. Wie ein Rauch stand plötzlich ein blasses Frauenbild da, drohend die Hand gegen Anton erhoben. Dieser stürzte entsetzt vom Sessel auf den Boden. Alles verschwand und die Lichter brannten wieder hell.
Nun, wendete sich der Zauberer zum Gelehrten, soll ich Dir auch noch beweisen, daß ich der wahre Feliciano und kein Trugbild sei? Soll ich Dir Deine geheimsten Gedanken und Absichten oder Deine Zukunft sagen?
Ferner erwiederte bleich und geängstigt nur Weniges. Du glaubtest, fuhr Feliciano fort, indem er den zerstörten Anton vom Boden erhob, kein Mensch in der Stadt kenne Dein Verhältniß zu jenem unglücklichen Mädchen, die Du Deinem Ehrgeiz aufopferst. Noch ist die letzte Zeit, noch kannst Du sie retten.
Es war schon spät, aber Anton stürzte fort und eilte zu Pferde noch in der Nacht zu seiner Geliebten hinaus. Der Magus hatte sich entfernt, aber Niemand hatte ihn zur Thür hinaus gehn sehn.
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So hatte diese Zusammenkunft ganz anders geendet, als es die Freunde und Clara erwartet hatten. Diese sah ihren Bruder am Abend nicht und auch nicht am folgenden Morgen. Man war im Hause um ihn besorgt. Der Vater, der einen kurzen, leidenschaftlichen Brief von Anton erhalten hatte, lösete mit kummervollem Antlitz das Räthsel.
Der Sohn war in der Nacht angekommen. Er vernahm, daß um die Zeit, als das unglückliche verführte Mädchen ihm im Zimmer seines Freundes erschienen war, sie in einem Todtenschlafe, so daß sie nicht zu erwecken war, gelegen hatte. Als sie sich wieder besonnen und mit den tief bekümmerten Eltern gesprochen hatte, legten sich diese, nach einem kurzen Abendessen, zur Ruhe. Als im Hause Alles still war, hatte sie noch einen Brief an ihren Ungetreuen geschrieben, der sich ihrer schämte, und ihre Dürftigkeit und ihren Stand verachtete. Als sie mühsam und unter vielen Thränen den Brief geendigt hatte, ging sie noch lange auf und ab, um ihr Elend ganz zu fühlen und ihren schrecklichen Entschluß in sich reif werden zu lassen. Sie hatte nicht den Muth, sich ihren Eltern zu vertrauen, weil sie den Zorn des heftigen Vaters fürchtete. Sie fühlte, wie nahe sie ihrer Niederkunft sei, und hatte keinen Vertrauten, wußte keine Hülfe zu ersinnen. Anton hatte sie in der Stadt als eine Unbekannte unterbringen, und für sie sorgen wollen, sie aber hatte mit Abscheu alle seine Vorschläge abgewiesen, da er nicht mehr für sie zu thun gesonnen war, so dringend sie ihn auch an seine früheren Versprechungen und Eide erinnerte. Er wollte aufschieben und Zeit gewinnen: er fürchtete ebenfalls seinen Vater, seine Vorgesetzten, auch war die frühere Liebe wohl erkaltet. Sie sah keinen Ausweg und ging jetzt in der finstern Nacht den Bach entlang, um in den brausenden Mühlsturz sich und ihr ungebornes Kind und alle ihre Sorgen zu begraben.