Indem sie nach der Mühle zulenkte, hörte sie auf der Landstraße ein brausendes, jagendes Pferd. Es war Anton. Seine Todesangst erkannte schon aus der Ferne ihren Schatten.

Der geheime Rath Seebach meldete seiner Familie, daß sich sein Sohn am frühen Morgen mit einem Bauermädchen verheirathet habe. Was der kurze, heftige Brief nicht sagte, ergänzte seine Ahndung. Die Mutter, aus einer alten adeligen Familie, einem angesehenen Edelmanne vermählt, war außer sich, weil dieser Sohn ihr Stolz und ihre größte Hoffnung gewesen war. Clara war mehr verwundert als betrübt, und zürnte dem Bruder, daß er ihr und den Eltern aus diesem Verhältniß ein Geheimniß gemacht hatte.

Traurig ist es, sagte der Vater, denn er hat sich durch den raschen Schritt, durch diese Unbesonnenheit die Thüre zu allen höheren Stellen verschlossen. Es ist aber so, mag es auch kommen, wie es will, besser, als wenn er ein Verbrechen begangen hätte. Wir werden uns an die Tochter gewöhnen, und wenn mein Sohn Ehrenstellen einbüßt, so hält er doch sein Wort und bleibt ein Mann von Ehre. Wo das Schicksal so ernst in die Verhältnisse des Lebens tritt, da soll man nicht mehr klügeln, sondern in Demuth den hohen Willen anerkennen. Ich weiß, daß die Liebe seiner Eltern nicht dadurch wird vermindert werden.

Die Mutter weinte heftig, so sehr sie auch der Vater und Clara zu beruhigen suchten. Der Vater schrieb dem Sohne mit dem rückgehenden Boten einen herzlichen Brief, in welchem er ihm Alles vergab und ihn ermunterte, sein Leben nun tüchtig und stark anzufassen. Die Stadt war bald von dieser sonderbaren Begebenheit angefüllt, über welche Jeder nach seinem Standpunkt und seinen Vorurtheilen sprach.

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So war nun in allen Verhältnissen der Familie eine große Veränderung eingetreten. Der Sohn kam vor der Niederkunft seiner Frau nicht zur Stadt. Nachher zeigte er sich den Eltern, getröstet, aber nicht froh, und späterhin führte er Agnes, die Bäuerin, bei ihnen ein, mit der er ein eignes kleines Haus in der Vorstadt bezog. Nichts wollte sich fügen und in einander schicken, und Jeder gestand sich, daß, wenn die Sache unabänderlich war, diese Frau, durch welche die Laufbahn des Sohnes gehemmt war, in den Kreis der Familie doch nicht passe. Es war schon die Rede davon, daß er das Gut des Vaters bewirthschaften solle; indessen schien auch dieses bedenklich, da Anton sich niemals um die Landwirthschaft gekümmert hatte. Was den Vater aber mehr, als diese Stellung seines Sohnes kümmerte, war, daß er ein schwärmerischer Anhänger dieses Feliciano geworden, von dessen Seite er kaum mehr wich, und so erlebte er nun, daß Sohn und Schwiegersohn sich diesem Schwindel ergaben, von dem er selbst wieder geheilt schien. Er erstaunte, daß auch sein ruhiger Freund, der Gelehrte, der ihm immer ein Muster in der ruhigen Haltung erschienen war, ebenfalls nach jener Begebenheit sich als einen fanatischen Anhänger des Feliciano erklärte. Auch der alte Obrist neigte zu dieser Schwärmerei hinüber, und nicht bloß im Hause des geheimen Rathes, sondern in den meisten Häusern der Stadt, wurde Feliciano der erste und wunderbarste aller Menschen genannt.

Ein Taumel bemächtigte sich, als es erst bekannt worden war, daß der berühmte Feliciano zugegen sei, der ganzen Stadt. Jedermann wollte ihn kennen lernen, jede Gesellschaft wollte ihn in ihrer Mitte sehn. Er gewann in kurzer Zeit viele Anhänger und Freunde, und die angesehensten Männer, die höchsten vom Adel bewarben sich um seine Gunst. Er erklärte, daß er nur kurze Zeit verweilen könne, weil er in großen und wichtigen Geschäften nach dem Norden gehn müsse, auch erlaubten ihm seine geheimnißvollen Arbeiten nicht, sich zu sehr in der Welt zu verbreiten. Die wichtigsten Männer versammelte er um sich in seiner Loge. Man sprach von den seltsamsten Wundern, die hier in geheimen Zusammenkünften vorgefallen waren. Der Professor, so schien es, hatte seinen jüngsten Knaben ganz dem Wunderthäter überlassen, denn das Kind weissagte oft aus dem Kristall, den Feliciano künstlicher, als es an jenem Abend geschehen war, in seinen Gesellschaften aufstellte. Der Arzt Huber arbeitete indessen mit Sangerheim und Schmaling, Jeder bestrebte sich, von allen diesen geheimen Künsten Zeuge zu seyn, oder durch Freunde wenigstens Etwas von ihnen zu vernehmen, und selbst die Frauen und Mädchen wünschten an diesen Wunderwerken Theil zu nehmen, oder auch in irgend eine mysteriöse Verbindung zu treten. Feliciano hatte sie eigentlich selbst zuerst auf diesen Wunsch geführt, und er stiftete auch bald darauf eine Loge für Damen, die nun auch mit mystischen Abzeichen prangten, sich gegenseitig an Gruß und Handdruck erkannten, und von Fortschritten in Weisheit und Wissenschaft träumten. Auch die Mutter Clara’s hatte sich in diesen Orden aufnehmen lassen.

So war die arme Clara von Jedermann verlassen, denn beim Vater, der über alle diese Sachen verstimmt war, konnte sie nur wenig Trost finden. Der Graf Feliciano hatte alle Künste der Ueberredung angewendet, das schöne Mädchen auch zu dem Uebertritt in seinen neugestifteten Orden zu überreden, in welchem seine Gemahlin, die seitdem auch aus dem Inkognito hervor getreten war, den Vorsitz führte. Es gelang ihm aber so wenig, daß im Gegentheil der Widerwille Clara’s gegen alle diese Dinge immer mehr gesteigert wurde. Wie kann der Mensch, sagte sie einmal in einer aufgeregten Stimmung zu ihrem Vater, nur so verkehrt seyn, in der Umkehrung des Natürlichen sein Heil zu suchen? Man fühlt sich ja als Mensch nur wohl, wenn Alles in der gewöhnlichen Bahn fortschreitet, wenn das, was sich als nothwendig ankündigt, ganz einfach und schlicht geschieht. Entwickelt sich in diesem Lebensgange eine große That, eine schöne Aufopferung, so freut es uns um so mehr, daß uns das Göttliche aus den Elementen gewebt ist, die uns zunächst umgeben, daß wir fühlen, auch uns könnte in einer geweihten Stunde dasselbe begegnen, oder unsre Seele könnte auch dieselbe Höhe erstreben. Ziehn wir uns doch mit Widerwillen von der Nahrung zurück, die uns zu fremdartig dünkt, deren Zurichtung unserm Gaumen widersteht: aber schlimmer als überreifes Wild, oder der verpestete haut goût der Assa fötida, und der Vogelnester und ähnlicher abscheulicher Dinge ist es, diese Knoblauch-Tinktur von Wunderglauben, tollen Fabeln und aberwitzigen Bestrebungen in seine Seele aufzunehmen.

Der Vater erwiederte: Du bist zu zornig, liebes Kind. Laß die Menschen gewähren, der Krankheitsstoff muß austoben. Alles Sprechen dagegen nutzt nicht, unfruchtbar ist das Moralisiren; der Dämon, der die Menschen besitzt und treibt, wird endlich seines Spieles selbst müde. Deine kühne Vergleichung paßt auch nicht ganz; man könnte eben so gut die entgegengesetzten Bilder brauchen. Wen versucht nicht der reife, köstliche Pfirsich? die duftende Ananas? die lockende, rothe Kirsche, vorzüglich in der Jugend? Und was wäre unser Leben, wenn Alles so plan verständlich wäre? Alle Tage unausgesetzt die nahrhafte Hausmannskost des redlichen Treibens, der guten Gedanken? Aus Natur und Kunst, aus Liebe und Scherz, aus Religion und Gemüth winkt uns ein Geheimniß an, dem wir näher kommen möchten: es zieht uns nach durch Gefild und Wald. Jetzt glauben wir es zu erblicken, dann ist es wieder entschwunden. Von dieser Sehnsucht, die ohne Gegenstand scheint, werden die besten Kräfte unsrer Seele getränkt, und wenn sie erlöschen könnte, würden wir in uns selbst verschmachten. Alle schönen Triebe der Freundschaft, des Wohlwollens, der Menschenliebe, aller Enthusiasmus für das Gute und Schöne quillt ebenfalls aus dieser geheimnißvollen Gegend unsrer Seele.

Mag es seyn, antwortete die Tochter, aber ich sehe und erlebe es doch, daß, wenn diese Sucht, oder der Trieb auch innigst mit dem Schönen eins ist, sie doch auf ihrem fortgesetzten Wege sich in das gespenstig Aberwitzige verwandeln können. Der Mensch muß ja doch mit festem Charakter und unbezwinglichem Willen in der Mitte stehen bleiben, daß Glauben sich nicht in Aberglauben, Sinn in Thorheit, Tugend nicht in Laster verwandle. Ist jene Sehnsucht überirdischer Natur, so ist dieser einfache starke Wille wohl auch göttlicher Abkunft, der wie ein unüberwindlicher Riese den Schatz der Vernunft und des Guten bewachen soll, welcher dem Menschen von Gott ist anvertraut worden. Mir dünkt, gegen tausend wunderliche Dinge, die auf uns eindringen, gegen unzählige Gelüste, die uns überreden möchten, giebt es keine andre Waffe, als daß ich sage und immer wieder sage: es soll nicht seyn! Lasse ich dieses Schwert im Schlummer einmal fallen, so kann ich gar nicht mehr wissen, wohin mich alle jene Sophistereien führen könnten.