Diese starre Vernunft, sagte der Vater, reicht aber auch nicht aus: sie kann Tugend seyn, widersteht aber eben so oft der Liebe als dem Unrecht, läßt auch die Wahrheit, indem sich die Liebe abkämpft, nicht auf sich eindringen.
Wahrheit! das große Wort! rief sie aus, das eben so wohl Alles wie Nichts bedeutet. Wer hat es nicht schon gemißbraucht? Je demüthiger wir uns dem unterwerfen, was das Leben von uns verlangt, je sanfter und stiller wir dem folgen, was uns zu unserm Heil offenbart ist, je weniger wir grübeln und klügeln, und die Anmaßung von uns fern halten, über dem Begreifen zu stehen, es zu meistern und nach Gutdünken zu handhaben, um so mehr wir dem Vorwitz Einhalt thun, da nicht hinschauen zu wollen, wo sich in der Leere unserm irdischen Blick nur Gespenster erschaffen, um so mehr, glaube ich, bleiben wir der Wahrheit getreu.
Wohl mein Kind, sagte der Rath: denn wie ich schon sonst behauptete, wenn das Böse auch ein Nichts ist, so erwecken wir es doch wohl und theilen ihm unsre Kräfte mit, indem wir es glauben und uns dem Nichtigen ergeben. Hat es erst von uns diese Stärke empfangen, so wird es wohl oft so gewaltig, daß es uns und jeden Widerstand besiegt, der nicht die göttliche Wahrheit selbst zu Hülfe ruft. In diesem Bilde kann man sich die Erscheinung der bösen Geister denken, die der Magier aufruft. — Und so möchte man freilich glauben, Wahrheit sei in allen Dingen zu finden, sie liege auch dem Irrthum zum Grunde, nur hüte sich der Mensch, einer Regung, einer Aufwallung, oder einem Gedanken unbedingt und zu dreist zu folgen, denn rechts und links liegt die Unwahrheit und Täuschung, und er wandelt nur recht auf einer schmalen Linie.
Wenn es so ist, erwiederte Clara, so ist es eben das Sicherste, dem Alltäglichen getreu zu bleiben, was vielen beflügelten Geistern als das Gemeine erscheint. Will sich der Mensch erheben, wird er, wie der fliegende Schmetterling, von Schwalben und Sperlingen weggehascht, und bleibt er unten am Boden, so wohnt er beim Gewürm, aber nährt sich auch vom Thau, der in den Rosen und Lilien glänzt. —
Nicht nur die Familie des Rathes war in Verwirrung gerathen, sondern man konnte dies von der ganzen Stadt behaupten. Dem alten Seebach war es aber verdrüßlich, daß von den Vernünftigen, die sich nicht hinreißen ließen, Alles was geschah, mit ihm und seinem Sohn, so wie mit jener Entdeckung Sangerheims in Verbindung gebracht wurde. Es ließ sich nicht leugnen, daß jener Vorfall, der viel Aufsehn erregt hatte, zu allen spätern Wunderlichkeiten gleichsam das Signal gegeben hatte. Die sonderbare Verheirathung des Sohnes, die Schwärmerei Schmalings, die Operationen des Grafen so wie Sangerheims, die weibliche Loge, in die sich seine Gattin sehr gegen seinen Willen hatte aufnehmen lassen, die Seltsamkeiten, die sowohl der Arzt Huber, wie der Professor Ferner, vernehmen ließen, die Ausschweifungen mancher Reichen, die sich ganz der Hoffnung ergaben, die Kunst des Goldmachens zu entdecken, und in dieser Aussicht ihr Vermögen verschwendeten, Geister-Erscheinungen, durch welche man in mächtigen Familien dieses und jenes hatte durchsetzen wollen, alles Dies, vergrößert, mit Erfindungen ausgeschmückt, Alles wurde hauptsächlich auf Rechnung des alten erfahrnen Seebach geschrieben, um so mehr, weil man wußte, daß er auf eine Zeitlang sich diesen seltsamen Künsten ergeben hatte. Es half ihm Nichts, daß er sich wieder zurückgezogen hatte, daß er den Umgang Sangerheims und noch mehr des Grafen vermied, die meisten Menschen, auch seine Collegen und selbst seine Freunde hielten ihn für den Stifter aller dieser Irrungen. So bedrängte ihn, außer den häuslichen Kränkungen, noch das Gefühl, daß er so vielen wackern und einflußreichen Leuten für einen zweideutigen und gefährlichen Mann galt. Vieles von diesem geheimnißvollen Umtreiben kam auch vor das Ohr des Fürsten, der, da die Sache laut und weltkundig wurde, ein großes Mißfallen bezeigte, und dem Rathe, der sich gar nicht mehr mit diesen Dingen befassen mochte, andeuten ließ, sich zu mäßigen. Am schlimmsten aber waren dem gekränkten Seebach die Maurer von der alten Ordnung aufsässig, die in Allem nur die Absicht sahen, daß sie gestürzt werden sollten, — welches die mystischen Logen auch laut genug aussprachen, — und nun empört den Rath als einen abtrünnigen Bruder behandelten, der aus weit ausgreifenden Absichten sich diesen Rebellen verbunden habe, um als das Haupt dieser geheimnißvollen Gesellschaft Verderbliches zu wirken.
Meine Tochter hat Recht, sagte der Rath zu sich selber, wie hart werde ich für meine Neugier oder Wißbegier gestraft, die Anfangs so löblich oder unschuldig aussah. Hielt ich mich doch für so kühl und weise, um allen Versuchungen Widerstand leisten zu können. Aber ein Glied reiht sich an das andre, und unvermerkt ist die Kette fertig.
Es schien aber, als wenn zwei Wunderthäter für Eine Stadt, wenn sie auch groß war, zu viel seien. Der Graf hatte sogleich abreisen wollen, verlängerte aber seinen Aufenthalt von einem Tag zum andern. Sein Wirkungskreis schien sich auszubreiten, so wie der Sangerheims abnahm, da viele von dessen Jüngern zum größern Meister abfielen. Darum führte Sangerheim den Vorsatz aus, zu welchem er schon seit einiger Zeit Alles vorbereitet hatte, sich nach einer andern reichen und angesehenen Stadt zu begeben, wo er, da sein Ruf ihm schon vorangegangen war, gleich mit dem größten Glanze auftrat, die ältern Maurer beschimpfte, ihnen ihre Lehrlinge entzog, und Zeichen und Wunder aller Art verrichtete. Der Geheimrath erlebte die neue Kränkung, daß Schmaling, unter dem Vorwande einer Krankheit, von seinem Minister einen unbestimmten Urlaub nahm, und dem Abentheurer nach jener Stadt hin folgte, um in seiner Nähe und nach seiner Anweisung seine geheimnißvollen Arbeiten fortzusetzen. Schmalings Abschied von Clara war kalt, und sie war so erzürnt, daß nur Wenig fehlte, so hätten Beide ihre Trennung für immer ausgesprochen. Aber da Beide sich noch mäßigten, so blieb es bei unbestimmten Ausdrücken, die Jeder nach Gefallen deuten konnte.
Seinen Sohn sah der Rath nur selten, weil er ganz dem Grafen und dessen Befehlen und Operationen lebte. Die Gattin war in der weiblichen Loge sehr thätig, und jetzt mit der niedrig gebornen Frau ihres Sohnes ganz ausgesöhnt, weil auch diese, die allen Glanz ihrer Jugend wieder erhalten hatte, vom Grafen zur Bundesschwester war geweiht worden. Huber war ebenfalls dem Adepten Sangerheim nachgereiset, um in seiner Kunst vollkommener zu werden.
Clara war im Schmerz außer sich, als der Vater nach einiger Zeit von Schmaling einen sonderbaren Brief erhielt, den er der Tochter mittheilen mußte. Der künftige Schwiegersohn schrieb nehmlich Folgendes:
Im Begriff, einen sehr wichtigen und entscheidenden Schritt in meinem Leben zu thun, halte ich es für meine Pflicht, Sie, Verehrter, und meine geliebte Clara in Kenntniß zu setzen, was ich zu thun gesonnen bin, was ich nicht unterlassen kann und darf. Daß mein Gemüth sich seit lange dem Reiche der Geheimnisse zugewendet hat, wissen Sie schon, daß mein Herz nur Ruhe finden kann, wenn diese Sehnsucht gestillt wird, werden Sie begreifen. Aber wie kann, wie soll es geschehn? Ich habe manche Grade erhalten, ich bin Zeuge von vielen Wundern gewesen, seltne Kenntnisse sind mir geworden, große, heilige Schauungen haben meine Seele erst erschüttert, und sind mir dann einheimisch geblieben. Daß ich niemals zu jenen Verächtern unserer Religion gehört habe, die in unsern Tagen den Ton angeben, wissen Sie ebenfalls. Ich habe geforscht, die heiligen Schriften sind mir vertraut und ehrwürdig, aber was die Kirche und ihre Priester mir gaben, konnte meinem brünstigen Geiste nicht genügen. Auch hier hat mir der begeisterte Sangerheim neue Wege gewiesen. Die Tradition, die Wunder der ältern katholischen Kirche, ihre heilige Messe, die himmlischen Legenden, die Gegenwart, die unmittelbare, Christi in der Hostie, die Liebe der Mutter Gottes, die Bilder und die Musik, — warum sollen wir unser reiches Herz allen diesen Gaben verschließen? Warum nicht nehmen, was uns so liebreich geboten wird? Um ganz der Einweihung in die Mysterien würdig zu werden, um die Grade empfangen zu können, und die Strahlen des Lichtes, nach denen ich mich sehne, ist es nothwendig, wie mir mein Lehrer sagt, daß ich meinen jetzigen Standpunkt in der Kirche aufgebe, die Ueberzeugung, die mir ja niemals eine war, weil sie mein brennendes Herz so leer ließ, daß ich zur ältern, eigentlichen christlichen Kirche zurückkehre, die mütterlich jedem Verirrten die Arme entgegenbreitet. Ist dieser nothwendige Schritt geschehn, so sind mir alle Geheimnisse des Ordens zugänglich und offen, die Vereinigung mit jenen ehrwürdigen Männern, den unbekannten Obern, ist mir dann möglich, mit jenen erhabnen Geistern, denen die Verwahrung aller Geheimnisse anvertraut ist. Diese nahe Weihe, diese Nothwendigkeit der Veränderung hat der Meister mir nur allein, als seinem Lieblinge, entdeckt, die andern Schüler sind dieser Erklärung noch nicht fähig und würdig. — Von Ihnen, verehrter Mann, bin ich nun keiner Einreden und keiner Mißbilligung gewärtig, da ich weiß, wie billig Sie sind, wie aufgeklärt Sie denken. Es kann bei Ihnen unmöglich in Anschlag kommen, daß ich meine jetzige Stelle und jeden künftigen Staatsdienst aufgeben muß, denn den höheren Pflichten müssen die niedrigern weichen. Es ist ja nichts Weltliches, Ehre oder Reichthum, was ich durch diese Rückkehr in die Mutterkirche erstrebe: sondern das Unsterbliche, die Erleuchtung, das Verständniß selbst. Wie aber wird Clara es aufnehmen, wenn sie meinen Entschluß erfährt? Sie klebt, fürchte ich, allzusehr am Irdischen, um sich in die freiere Region des Geistes erheben zu können. Ich hatte immer gehofft, ihr Sinn würde sich in der Liebe poetischer bilden, daß sie es wenigstens fühlte, wenn auch nicht einsähe, wie arm jenes Leben ist, dem sie sich ergeben hat. Suchen Sie sie zu stimmen, verehrter Vater, daß sie mich nicht mißversteht, Sie, der Sie ja auch der Wissenschaft manches Opfer brachten. Und was ist es denn auch mit dem Weltlichen und Irdischen? Besitze ich nicht eignes Vermögen? Auch Clara ist nicht arm, und braucht sich also niemals von mir ganz abhängig zu empfinden. Und soll einmal dergleichen in Anspruch kommen, so darf ich wohl die Aussicht, daß mir in Zukunft, vielleicht bald, Alles zu Gebote steht, was ich nur wünsche, keine Fata Morgana nennen. Welche Kraft und Gewalt mir anvertraut mag werden, um da zu herrschen, wo unsere Ahndung sonst nur hinstrebt, mag ich nicht weiter andeuten und aussprechen. Ist sie aber mit mir einverstanden, so bin ich der Glücklichste der Menschen. —