Nein, wahrlich nicht! rief Clara im höchsten Unwillen aus, nun und nimmermehr! Welchen Gimpel haben sie schon jetzt aus dem allerliebsten Menschen gemacht, und was muß nicht erst aus ihm werden, wenn sie ihm noch mehr Grade und Geheimnisse aufhalsen! O wahrlich, er wird ihnen in den Strängen geduldiger als ein Maulthier ziehn, und allen frommen Gläubigen zum Exempel und Vorbild dienen. Mich mit ihm verbinden? Vielleicht haben sie noch einen andern geheimen Grad irgendwo im Winkel liegen, und um den zu ergattern, muß er wohl auch noch sein Vermögen dran geben, und dann, um die letzte und beste Niete zu ziehn, Capuziner werden. Nein, ehe er seinen Verstand nicht aus dem Monde wieder herunter geholt hat, mag ich Nichts von ihm wissen. Wie er der jüngern Kirche entsagt hat, um die ältere lieben zu können, so giebt es auch vielleicht hinter dem Vorhang eine ältere mütterliche Braut, die zu ehlichen seine unsterbliche Pflicht ist, denn ich merke, diese Wunderthäter können Alles möglich machen. Ich hörte sonst wohl, die katholische Kirche habe die Freimaurerei in schweren Bann gethan, ich sehe aber wohl, es gibt Ausnahmen für Alles. Sonst wurden viele junge Menschen Maurer, um auf Reisen eine gute Aufnahme und gastfreie Brüder zu finden, eine unschuldige Ursache, sich einweihen zu lassen. Jetzt aber, — wie Kunstreiter auf ihre Geschicklichkeit, Taschenspieler auf ihre schnellen Hände, so reiset dieser Sangerheim auf die Kunst herum, allenthalben die bestehenden Logen zu stürzen. Wenn er denn Geister zitiren kann, so mag er dem armen Schmaling den seinigen wiederschaffen. Vielleicht ist der aber schon in der Loge verbaut, oder als Winkelmaß eingerichtet. Also nach Rom hin sieht denn dieser Orient? Schmaling wird gewiß einmal diese Herren segnen, die ihn jetzt so reich und groß machen, wenn er erst sein ganzes Elend kennt, und ihm sein verarmtes Herz zerbricht.
Sie überließ sich der Trostlosigkeit und weinte heftig. Der Vater wußte ihr Nichts zu sagen, er beschwor sie, nur nicht in der ersten Entrüstung den Brief zu beantworten. Er selbst schrieb an Schmaling, um ihn mit allen Gründen, die er aufführen konnte, von dem Schritte abzuhalten, den er zu thun im Begriff war.
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Endlich bestimmte sich auch der Graf Feliciano, seine große Reise fortzusetzen. So sehr der Rath seinem Sohn Anton Alles vorhielt, was Vernunft und Gefühl ihm nur eingeben konnte, so ließ sich Anton dennoch durch Nichts abhalten, mit seiner jungen Frau, deren Kind bald nach der Geburt gestorben war, dem Grafen zu folgen. Auch der Professor gab seinen Knaben, wenigstens für einige Zeit, dem berühmten Feliciano mit auf die Reise, weil der Magier gefunden hatte, daß dieses Kind vorzüglich begabt sei, die Visionen zu sehn. Die Mutter hatte sich indessen von der Loge wieder zurückgezogen, denn es war ihr zu empfindlich gewesen, daß das Bauermädchen eines größeren Ansehns, als sie selber, genoß; man hatte sogar in Vorschlag gebracht, daß die Unerzogene nach der Abreise des Grafen und seiner Gemahlin Vorsteherin derselben werden sollte; da sie aber die Wunderthäter begleitete, um noch höhere Grade zu empfangen, und der höchsten Geheimnisse theilhaftig zu werden, so war der Räthin die Würde angetragen worden, die sie nach diesen Vorfällen mit Verachtung ausgeschlagen hatte.
Wenn also der Rath um seinen Sohn und dessen Schicksal bekümmert seyn mußte, so hatte er wenigstens die Beruhigung, daß seine Gattin mit ihm und der Tochter wieder einverstanden war. Die Frau, die nicht ohne Charakter und Verstand war, bereute jetzt ihre kurze Verblendung um so mehr, als sie jetzt, kühler geworden, einzusehn glaubte, wohin das Gaukelspiel ziele. Durch die Loge hatten sich mehrere Liebschaften und Verbindungen, und zwar nicht von den anständigsten, angeknüpft; auch Scheidungen fielen vor, und man hielt es bald für verdächtig, dieser Gesellschaft anzugehören, so daß die Frauen selbst nach kurzer Zeit dieses Logenspiel wieder aufgaben, und um so leichter, da man nur Wenigen Geheimnisse mitgetheilt hatte. Diese Wenigen waren nachher von Allen vermieden, die ein strengeres Leben führen wollten.
In jener großen Stadt hatte sich Sangerheim indessen eingerichtet und einen viel größern Anhang, als in der Residenz gefunden. Die dortigen Freimaurer waren durch ihn gewissermaßen aufgelöst worden, viele derselben in seine Loge getreten, und man sprach fast nur von dieser neugebildeten Brüderschaft, die sich großer Geheimnisse rühme. Es fehlte nicht an seltsamen Berichten. Man wollte Geister gesehn, die größten Dinge prophezeit haben, man war auf dem Wege, den Stein der Weisen zu entdecken, oder der Meister war vielmehr im Besitz desselben, und die liebsten Jünger durften hoffen, desselben bald auch theilhaftig zu werden.
Auf seinem Zuge berührte der Graf Feliciano auch diese Stadt, und beschloß, mindestens einige Tage hier zu verweilen. In dieser Zeit gewann er den enthusiastischen Schmaling sehr lieb, und hatte ihn fast immer um sich, mit ihm über seine Bestimmung, das Geheimniß und das Licht zu sprechen. Dieser junge Mann und Anton, die sich früher in allen Dingen widersprochen hatten, waren jetzt in allen Ueberzeugungen miteinander einverstanden. Der Arzt Huber, welcher auch schon, um Sangerheims Umgang zu genießen, nach dieser Stadt gekommen war, vereinte sich mit ihnen. Sie erfreuten sich jetzt an Antons Weisheit, der fast der Heftigste von ihnen war, und lernten dankbar und demüthig von dem, der ihnen vor weniger Zeit noch als ein unbedeutender Freigeist erschienen war.
Eine Versammlung der vertrautesten Brüder war zu einer Abendmahlzeit bei Sangerheim vereinigt. Huber und Schmaling fanden sich ein, und der Graf beehrte mit Anton durch seine Gegenwart die Gesellschaft, die zahlreich war, weil noch Manche in der Stadt, die Sangerheims Vertrauen genossen und die begierig waren, den fremden Wunderthäter kennen zu lernen, sich mit Bitten hinzugedrängt hatten.
Der Graf wußte seine Person geltend zu machen und wurde von allen Anwesenden wie ein überirdisches Wesen verehrt. Er war im Anfange zurückhaltend und karg mit seinen Worten, nach und nach aber ward er gesprächig, heiter und mittheilend. Er suchte, so schien es, die Gesinnung und das Wesen Sangerheims ausforschen zu wollen, ohne ihm selbst näher zu treten.
Sangerheim, der sich vor seinen Schülern und Anhängern keine Verlegenheit wollte zu Schulden kommen lassen, erörterte viele Punkte, die er sonst lieber vermieden hätte, zu denen ihn aber der forschende Graf in künstlichen Wendungen hindrängte. Dadurch gewann der Klügere so sehr die Oberhand, daß Sangerheim dem Grafen gegenüber selbst als Schüler und Lehrling erschien. Am meisten fiel dies dem wißbegierigen Schmaling auf, der bis dahin seinen Meister für den ersten Menschen der Welt gehalten hatte. Wie sonderbar, sagte er zu sich selbst, daß mein Meister, die große, edle Gestalt mit dem Feuerauge und der hohen Stirn, mit diesem kräftigen und vollen Ton, diesem untersetzten Manne, mit den hohen Schultern, dem matten Auge und der schwachen krähenden Stimme gegenüber klein erscheinen kann. Erkennt er denn vielleicht in ihm ein höheres Wesen? Ist dieser Fremde wohl einer der unbekannten Obern, von denen ich immer so viel sprechen höre?