Auch Huber und manche der Gegenwärtigen mochten etwas Aehnliches denken. Da bei dem leckern Mahle die feinen Weine nicht gespart waren, so belebte sich das Gespräch immer mehr. Jeder der Anwesenden wollte sich vor dem großen Fremden mit seinen Gedanken und Kenntnissen zeigen, oder Etwas von ihm lernen, und wenn auf viele Fragen die Antworten des Grafen auch nicht klar und glänzend ausfielen, so gab die Dunkelheit oder das Zweideutige derselben doch immer Vieles zu denken.

Schmaling lenkte endlich das Gespräch auf die Religion, und Sangerheim sah sich genöthigt, den Wink, den er Manchen im Geheim gegeben hatte, jetzt als eine Lehre laut auszusprechen, daß nur Derjenige, der zur katholischen Kirche gehöre oder überträte, der höchsten Grade und der wichtigsten Geheimnisse theilhaftig werden könne.

Feliciano sah ihn lange mit einem großen fragenden Blicke an und sagte nach einer Pause, die alle Anwesenden in der größten Spannung erhielt: Ist das Euer Ernst, großer Meister?

Wie anders? fuhr Sangerheim fort, da die übrigen Partheien, die sich ebenfalls Christen nennen, immerdar ein geistiges Geheimniß verletzen und sich der Wundergabe, der Inspiration, der Anschauung der Mysterien entziehn? Sie können Vieles sehn und erforschen, aber der Anblick des Allerheiligsten ist ihnen nicht vergönnt; sie können nur von den sieben höheren Graden fünfe erringen. Ihre Sekte an sich selbst schließt sie nicht aus, wohl aber ihre Glaubensunfähigkeit: überwinden sie aber diese in der Rührung ihres Herzens, so treibt sie der eigne Geist von selbst, sich der älteren Kirche wieder anzuschließen.

Der älteren? nahm Feliciano mit großem Ernste das Wort auf; welche ist diese? Kennt Ihr sie? War vor dieser ältern nicht wohl eine noch ältere und ächtere? Wozu Eure vielen Grade, wenn Euch dieses wichtigste Mysterium mangelt?

Hindert Euch Nichts, großer Mann, fiel Schmaling ein, dieses etwas deutlicher auszusagen?

Wir sind nur von Brüdern umringt, antwortete der Graf, die früher oder später von selbst das finden werden, was ich ihnen andeuten kann, und darum brauche ich in dieser edlen Gesellschaft, die keine weltliche ist, meine Worte nicht ängstlich abzumessen. — Was die Christenheit spaltet, ist neu und zeitlich, Priesterwort und willkührliche Satzung ist schwer vom ächten Fundament desselben zu unterscheiden, und so kommt es, daß in den protestantischen Kirchen vieles ächter und wahrer ist, als was die Katholiken in ihrer Lehre vortragen, die Alles, was Luther predigte, nur Neuerung nennen. Aus beiden Kirchen ist zu lernen, aber nur dem ist es möglich, dem der Sinn frei geblieben ist. Gab es denn nicht, längst vor Entstehung des Christenthums, die ächte, völlig ausgebildete Maurerei? Diese war denn doch wohl noch älter, als die alte Kirche. Und was bedarf sie denn also dieser, um der Wunder, des Wissens, der Geheimnisse theilhaftig zu werden? Sie genügt sich selbst, und sie wäre nicht das Höchste und Beste, was der Mensch erringen kann, wenn sie in irgend einer Religion eine Stütze oder Bestätigung finden könnte.

Sangerheim schien erstaunt, aber Feliciano fuhr fort: gedenkt nur an den großen, weisen Salomo und seinen Tempelbau, an Hiram, und an alle Legenden und Symbole, die auf unsern großen und alten Meister, den weisesten des Orientes, hindeuten. Ihr wißt es Alle, wie den Lehrlingen mit diesen Symbolen und ihren Deutungen der Kopf verwirrt, wie sie zerstreut werden, damit sie nur die Wahrheit nicht finden sollen, die ein Eigenthum der höhern Geister bleibt. Salomo empfing, als ein Würdiger, das Geheimniß der Maurer von großen unsterblichen Obern, er baute den Tempel und stiftete die Loge des Geheimnisses, indessen der gemeine Mann im Prachtgebäude auf herkömmliche Weise den Gott anbetete, den er nur für einen Gott seiner Nation ansehn konnte, der mächtiger sei, als die Götter der andern Völker. Wo steht in unsern Büchern und Sagen, in Allem, was uns von Salomo überliefert ist, daß er von Gott abfiel, daß er ein Götzendiener wurde? Er hätte, wenn dies gegründet war, nicht mehr Meister des heiligsten Stuhles, nicht mehr Oberer und Bewahrer des Geheimnisses bleiben können. Diese falsche Legende ließen die Priester nur in die Schrift hinein schreiben, weil er sich ihnen entzog, und ihrer Zunft nicht die Gabe zu weissagen, Wunder zu thun, Todte zu erwecken, Geister zu rufen und zu bannen, Gold zu machen, mittheilen wollte. Diese Kräfte, diese Herrschaft über die Geister, diese Geheimnisse der Loge, die nur Wenigen mitgetheilt wurden, welche die höchsten Weihen schon empfangen hatten, diese sind die hohen Gewalten, die von der Unwissenheit der Priester Götzen genannt wurden. Freilich waren es ihnen ausländische, fremde Götter, weil ihnen die Kenntniß derselben entzogen wurde.

Diese herrliche, glänzende Zeit der Maurerei verfiel nach dem Abscheiden des großen Königs und Meisters. Die Obern zogen sich zurück, die meisten nach Indien. Späterhin finden wir Elias und Elisa als Eingeweihte wieder, die von der tauben Menge und von den verstockten Königen nicht verstanden wurden. Ganz verbarg sich nachher die hehre Kunst, und wandelte aus dem Tempel und Jerusalem in die Wüste. Da treffen wir sie unter den Essäern oder Essenern wieder an. Das heißt, die Gelehrten, die Geschichtforscher der Welt wissen nun wieder Etwas von ihr, denn für den wahren Maurer giebt es in der Geschichte seiner Kunst keine Lücke. Ich führe nun auf das, was Allen bekannter ist. Diese Männer hatten schon seit lange im Stillen gearbeitet: seit vielen Jahrhunderten war es ein Grundgesetz der Maurerei, welches Salomo und Andre beobachtet oder noch fester gegründet hatten, daß die ächte Erkenntniß ein Geheimniß seyn und bleiben müsse, da die blöde, rohe Welt, die unwissende Menge das Heilige, wenn es sich ihr mittheilen wolle, nur mißverstehn und entweihen könne. Hier stehn wir nun an der großen und merkwürdigen Geschichts-Epoche. Die heilige Gesellschaft der Essäer zertrennte sich um jene Zeit in zwei sich widersprechende Gesellschaften. Ein Theil beharrte auf dem Grundsatz, Alles müsse geheim bleiben, weil nur so die Verbindung aus der Ferne wohlthätig auf die Menschen und ihr vielfaches Unglück wirken könne. Aber viele erleuchtete Männer waren vom Gegentheil überzeugt. Zwei große Geweihte wurden ausgesendet, der zweite noch mächtiger und größer, als der erste, Johannes der Täufer, und der göttliche Stifter der christlichen Religion, der erhabene Menschenfreund, der aus Erbarmen gegen seine unglücklichen, im Elend schmachtenden Brüder ihnen das Wort des Lebens mittheilen wollte. Lange kämpften die beiden Partheien der Erleuchteten gegen einander. Das Mysterium war auf eine Zeit lang offenbar worden, aber, neben der Wohlthat brachte es im Mißverständniß unermeßliches Elend über die Länder und Völker. Der große Eingeweihte selbst und seine Freunde sahen es ein, und er starb den Versöhnungstod. Nach und nach ward das Mysterium dem Volke wieder entzogen, das spätere Christenthum und die Hierarchie bildeten sich aus, und verdeckten mit Satzungen, Gebräuchen, Ceremonien, Putz und Kunst das geistige Geheimniß, das wir nur hie und da im Lauf der Zeiten aufleuchten, und wie einen Blitz vorüber fahren sehn. Dem Kundigen genug, um das Licht zu erkennen; dem Unwissenden nur eine Blendung oder Veranlassung, sich wieder einer leidenschaftlichen Sektirerei zu ergeben. — Wozu also, großer Meister Sangerheim, wenn Ihr diese Wahrheiten erkennt, ist Euch zur Weihe die katholische Kirche noch nöthig, da diese selbst nur eine abgeleitete aus unserm ältern, ächten Orden ist? da sie Nichts darstellt, als das Mißverständniß eines Geheimnisses, das ihr freilich Anfangs lauter übergeben ward? Und darum sagte ich, daß in gewissen Punkten der Protestant eine ältere Kirche besitze, und Ihr werdet nun, mein Freund, wahrscheinlich verstehn, wie dieser kurze Ausspruch gemeint war.

Der Graf mußte es bemerken, welchen sonderbaren Eindruck dieser Vortrag auf die meisten seiner Zuhörer machte. Bei Einigen war das Erstaunen mit Unwillen gemischt, Einige gaben Beifall, den man einen schadenfrohen hätte nennen mögen, denn sie sahen mit bedeutsamem Lächeln nach Sangerheim hinüber, der, so sehr er sich zwang, seine Verlegenheit jetzt nicht mehr verbergen konnte, und sich, Hülfe suchend, an Diejenigen wendete, die mit der Rede des Grafen unzufrieden schienen. Er sagte endlich, nach einigen Erörterungen: So sehr wir verbunden seyn mögen, so sind wir also doch wieder getrennt; es mag seyn, daß sich die Wahrheit unterschiedliche Bahnen sucht. Nach Ihrer Ueberzeugung ist die Maurerei das Einzige und Höchste; ich stütze mich noch auf die Heiligkeit der Kirche und offenbarten Religion.