So gebt die Maurerei auf, rief der Graf, der erhitzt schien: wozu soll sie Euch helfen, wenn Euer Herz und Glaube sich in der Religion befriedigt und sättigt? Und woher kommt denn diese Religion? Ist sie denn nicht, wie ich schon sagte, ein ungeschickter Versuch, einige der verschwiegenen Mysterien zu offenkundigen Wahrheiten zu machen? Und damit diese wenigen Wahrheiten sich erhalten können, meistentheils nur scheinbar, weil sie doch unverstanden sind, muß das Gerüst des Kirchendienstes dazu erbaut, muß der große Teppich gewirkt werden, der bedeckend herumgehangen wird, und diese wenigen Wahrheiten wieder in Geheimnisse verwandelt, die keiner sieht und findet, indessen sich das Volk an den bunten Bildwerken ergötzt, und die Priester sich zanken, und die Verständigsten unter den Layen von der ganzen Sache eigentlich gar keine Notiz nehmen. Seht, Meister, so steht es wahrhaft, wenn ich denn doch einmal reden soll, ohne, wie man sprichtwörtlich sagt, ein Blatt vor den Mund zu nehmen.

Großer Meister, erwiederte Sangerheim, Euer Geist ist gewaltig und groß, Ihr fahrt wie ein Sturmwind daher, und predigt wie die Begeisterung. Was Ihr weissagt, habe ich wohl verstanden, aber die Obern, die ich verehren muß, würden auch Euch, so stark Ihr seid, so viele Zeitalter Ihr gesehn haben mögt, Hochachtung abzwingen, und wohl eine andre Ueberzeugung Euch geben.

Mir? sagte der fremde Meister: wißt Ihr denn, ob ich sie nicht längst kenne? Es ist aber noch die Frage, ob sie mich auch kennen, auch wenn ich vor ihnen stände.

Wie meint Ihr das, Großmeister? fragte Sangerheim.

Ihr fragt, und fragt immer wieder, antwortete der Magus erhitzt und mit funkelnden Augen, und wollt doch auch Großmeister seyn. Obere nennt Ihr sie? Gut. Aber es kann doch auch wohl einen Obersten dieser Obern geben, die diesem dienen und gehorchen müssen, denen er nur so viel Weisheit zukommen läßt, als ihm dienlich scheint, die deshalb verschiedene Systeme ausbreiten, die er alle von seiner Höhe lenkt. So sind diese katholisch, jene protestantisch; einige nennen sich Rosenkreuzer, andre Tempelritter; der will Vernunft und Freiheit des Volks, jener Mystik und die Würde des Königs begründen und verbreiten; diese Ritter des Grabes, des Todes und Lebens, Illuminaten, und wie sie vielfältig sich betiteln, — können sie nicht vielleicht alle von einem unbekannten obersten Obern abhängen? Und ist Euch diese alte Sage, da Ihr doch so Vieles wißt und erfahren, in Euerm Orden noch nicht vorgekommen?

Wer seid Ihr? rief Sangerheim wie entsetzt aus.

Ich bin, der ich bin! antwortete der Fremde. Erkennt Ihr mich daran noch nicht? — Ob ich auch Feliciano, oder einen ältern Namen nenne, gilt dem Nichtwissenden gleichviel. Seid Ihr aber ein Wissender, so will ich in einer Chiffer, einem kleinen Symbol aussprechen, wer ich bin. Reicht mir das Blatt und den Stift.

Er zeichnete und gab dann mit Lächeln das Papier dem Meister hinüber, indem er scharf sagte: Wenn Ihr der seid, für den Ihr Euch ausgebt, so müßt Ihr mich nun erkennen. Doch zeigt es Niemand.

Sangerheim nahm das Blatt, sah und erblaßte. Er wickelte die Zeichnung zusammen und ließ sie schnell am Licht verbrennen. Ich sehe nun, daß Ihr jener wahre Oberste seid, dessen Zeichenschrift man nur denen der höchsten Weihe vorzeigt. Ich beuge meine Knie und meinen Geist vor Euch.

Die letzte, entscheidende Erklärung hatte alle Gegenwärtigen in Verehrung und Demuth zum Grafen hinüber gezogen. Feliciano stand auf, machte ein Zeichen, das alle verstanden, und sagte: Kraft meines Amtes schließe ich hiemit diese Loge. Alle erhoben sich. Der Graf faßte hierauf die Hand Sangerheims und sagte: Junger Mann, Du wandelst einen gefahrvollen Weg, aber Du bist so weit vorgeschritten, daß ich nur warnen, Dich nicht mehr lenken kann und darf. Du kennst die Geister, Du bezwingst sie und sie gehorchen Dir, — aber, sie kennen Dich besser, als Du sie kennst. Dir sind sie geheimnißvolle, wunderbare, unbegreifliche Wesen, und Du bist ihnen so verständlich und klar, daß sie Alles wissen, was in Deinem Gemüthe ist. Das Verhältniß des ächten Magiers muß aber das ganz umgekehrte seyn, Du mußt Deinen Geistern ein ganz wundervoll, geheimnißreiches Wesen bleiben, mit Furcht und Schaudern müssen sie Dir dienen. Kannst Du sie nicht noch zu Sklaven machen, daß sie vor Dir erbeben, wird ihnen Deine Natur immer klarer näher gebracht, wähnst Du gar, Freundschaft mit ihnen stiften zu können, dann — wehe Dir! Furchtbar werden sie Dich einst, vielleicht bald, wegen ihrer aufgezwungenen Dienste zur Rechenschaft ziehn. —