War sein Famulus zugegen? fragte Alfonso neugierig.
Habt Ihr das Gespenst nicht bemerkt, antwortete der Mönch, das sich als Narr ausstaffirt hatte? die Mißgeburt mit dem Höcker, den verdrehten Händen und Armen, den krummen Beinen, den schielenden Augen und der ungeheuren Nase in dem Fratzengesicht?
Ich hielt alles dies für Maske.
Nein, dieser, erwiederte der Alte, braucht sich nicht zu verlarven. So wie er da ist, ist er Larve und Gespenst, ein Geist der Hölle, dieser Beresynth, wie sie ihn nennen. — Wollt Ihr die Nacht in meinem Kloster zubringen, junger Mensch, bis Ihr eine Wohnung gefunden habt?
Nein, antwortete dieser sehr entschlossen, ich mag die Gastfreundschaft dem Manne nicht schuldig seyn, der so den Herrlichen durch Verläumdung schmäht, dessen Name mich schon im Vaterlande entzückt hat, der mir hier als Vorbild wandeln und leuchten soll. Schlimm genug, daß ich dergleichen von Euch habe anhören müssen, von einem Manne, dessen Stand und Alter mir verbeut, ihn dafür zur Rechenschaft zu ziehn. Soll der nur fromm heißen, der die Wissenschaft verachtet, nur der ein Christ, der im wachen Schlummer die Tage seines Lebens und die Kräfte seiner Seele hinwegträumt, so trete ich aus dieser dumpfen Gemeinschaft. Aber dem ist nicht so, und nicht der Mensch, der Christ oder Priester haben aus Euch gesprochen, sondern nur die Zunft. Lebt wohl, wenn Ihr es mit diesen Gesinnungen könnt.
Sie trennten sich, beide verstimmt.
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Der junge Florentiner, welcher in der Stadt dem Leichenzuge begegnet war, sprengte wie rasend durch das Thor und rannte dann in ungemessener Eil durch Feld und Wald. Als er sich im Freien sah, stieß er Verwünschungen gegen Welt und Schicksal aus, raufte sein Haar, fluchte seinen Sternen und seiner Jugend und eilte dann wie bewußtlos weiter. Er spornte dem Winde entgegen, der sich nächtlicherweise aufmachte, als wenn er die Glut seiner Wangen abkühlen wollte. Als es später ward, sank das Roß, das schon oft gestolpert war und das er knirschend immer wieder aufriß, ermattet nieder, und er war gezwungen, seinen Weg zu Fuß fortzusetzen. Er wußte nicht, wo er war, noch weniger, wohin er wollte; nur sein Elend stand mit unauslöschlichen Zügen vor ihm, die Nichtigkeit der Welt, die Unbeständigkeit alles Glücks. Verruchter Wahnsinn des Lebens! rief er verzweifelnd durch die Nacht; so, so grausam erweckst du mich aus meinem Schlummer? Tödtlich muß ich dich hassen um deine Gaukeleien, deinen Aberwitz, um alle jene unsinnigen Hoffnungen, die unsre Jugend anlachen, so freundlich auf unserm Wege mit uns gehn, und wenn sie uns in die Wüste geführt, grinsend und höhnend davon fliegen. Leben! Was ist dieses thörichte Gespinnst, dieser alberne Traum eines Fieberkranken? Ein matter Schauer folgt auf den andern, ein verrücktes Gebild verjagt das andre, unsre Wünsche springen in der kahlen Einöde umher, und erkennen sich selber nicht. O Tod, o Ruhe, o Nichtsein, komm zu mir, laß dich umarmen, und löse dieses stürmende Herz. Könnt’ ich nur gleich meine letzten Minuten in Krämpfen verknirschen, daß die Morgensonne meine Stätte nicht mehr fände, daß kein Gedanke in mir ihrem neuen Strahl entgegen grüßte. Bin ich denn nicht das elendeste Geschöpf, das athmet? Um so ärmer, wie ich nur vor wenigen Stunden mich das glücklichste dünkte. Wehe der Jugend, wehe der Liebe, wehe dem Gefühl des Herzens, die sich so leicht, so gröblich täuschen lassen.
Ein Regen stöberte jetzt durch die kalte Luft, und bald wurden die Tropfen größer und dichter. Der Jüngling wußte nicht, wohin er gerathen war, der Wald lag schon fern hinter ihm, kein Obdach war in der Nähe. Er fing an, seine Erinnerungen wieder zu sammeln, sein Schmerz ward milder, Thränen flossen aus seinen Augen. Er haßte das Leben schon weniger, ihm war, als wenn die Nacht selbst ihn trösten und seinen Kummer lindern wollte. Ungewiß, ob er das gestürzte Roß wieder aufsuchen, ob er sich in einem Graben vor dem Unwetter bergen sollte, sah er noch einmal um sich, und entdeckte endlich, weit, weit hinab, hinter Thal und Busch ein hüpfend Lichtlein, welches ihn wie ein freundliches Auge durch die dicke Finsterniß zu sich winkte. Er eilte dem ungewissen Scheine nach, der bald verschwand, bald wieder erglänzte. Alle seine Kräfte, seine Gefühle waren wie in einem Schlummer gebunden, sein ganzes Dasein war wie in einen Traum zergangen.
Ein Sturm machte sich auf, und schwere, tiefhangende Gewitterwolken wälzten sich langsam herbei. Schon kam er Bäumen näher, wie es ihm dünkte, aber die Finsterniß machte es ihm unmöglich, irgend etwas zu unterscheiden. Er stürzte in eine Grube, als ein Blitz ihn blendete und ein lauter Donnerschlag betäubte; wie er sich wieder aufraffte, war das Licht, welches ihn gelockt hatte, schon nahe. Er klopfte an das kleine Fenster, welches sich hinter einigen Bäumen zeigte, und bat um Einlaß gegen Sturm und Ungewitter. Eine laute heisere Stimme antwortete von innen, doch vernahm der Jüngling kein Wort, denn Sturm und Gewitter und Regen, das Rauschen der Bäume, alles tobte jetzt so heftig durcheinander, daß jeder andre Laut erstarb.