Ganz ermattet erhob sich jetzt Pietro, er war verwandelt und wie sterbend. Schau noch einmal hinaus, sprach er leise, wende Dein Auge nach dem Dom, und berichte mir, was Du siehst.
Ich trete dem Gesindel hier auf den Kopf, schrie der verwirrte Beresynth, sie winden sich spielend wie die Schlangen um mich her, und lachen höhnisch über mich. Sind es Geister? sind es Kobolde oder leere Phantome? Ei was! wenn ihr nicht aus dem Wege gehn wollt, so trete ich euch in die grünlichen und blauen Schnauzen hinein! Jeder ist sich selbst der Nächste. Er polterte murrend hinaus.
Jetzt ward es still, und Pietro stand auf. Er winkte, und alle jene Wundergestalten, die sich am Boden gekrümmt, die sich in der Luft durcheinander gewunden hatten, verschwanden wieder. Er trocknete Schweiß und Thränen ab und holte freier Athem. Sein Diener kam zurück und sagte: Herr! alles ist ruhig und gut, aber lichte Gebilde zogen mir vorüber und verschwanden in den dunklen Himmel hinein: darauf, wie ich unverwandt nach dem Dom hinschaue, ertönt ein gewaltiger Klang, wie wenn alle Saiten einer Harfe zugleich rissen, und ein Schlag geschah, daß die Straße und alle Häuser zitterten. So riß sich dann die große Thür der Kirche auf, Flöten erklangen süß und lieblich, und eine sanfte lichte Klarheit ergoß sich aus dem Innern der Kirche. Gleich darauf trat ein weibliches Gebild in den Schein, blaß, aber glänzend, mit Blumenkronen geschmückt, sie schwebte aus dem Thor und Lichtstrahlen bereiteten ihr eine Straße, auf welcher sie wandeln sollte. Das Haupt gerade, die Hände gefaltet, so schwebt sie heran, auf unsre Wohnung zu. Ist es denn diese, auf welche Ihr gewartet habt?
Nimm den goldnen Schlüssel, antwortete Pietro, und eröffne mit ihm das innerste kostbarste Gemach meines Hauses. Die Purpurdecke ist ausgebreitet, die Wohlgerüche duften. Dann fort und lege Dich nieder. Forsche nicht weiter nach, was geschieht. Sei gehorsam und verschwiegen, wenn Du Dein Leben achtest.
Kenne ich Euch doch, antwortete der Zwerg und entfernte sich mit dem Schlüssel, indem er noch einmal wie einen schadenfrohen Blick zurück warf.
Indem kam ein liebliches Gesäusel näher, Pietro ging nach dem Vorsaal, und herein schwebte die blasse Leichengestalt der Crescentia, in ihrem Todtenschmucke, das Crucifix noch in den gefaltenen Händen haltend. Er stand vor ihr, sie schlug die großen Augen auf und schauderte in lebhafter Bewegung vor ihm zurück, so daß vom schüttelnden Haupte die Blumenkränze niedersanken. Stumm bog er die festgeschlossenen Hände auseinander, in der linken aber behielt sie das Kreuz fest eingeklemmt. An der rechten Hand führte er sie durch seine Gemächer, und sie ging neben ihm, starr und ohne Theilnahme, ohne sich umzusehn.
Das fernste Gemach empfing sie. Purpur und Gold, Seide und Sammet schmückten es kostbar aus. Durch die schweren Vorhänge schimmerte am Tage das Licht nur matt herein. Er deutete hin auf das Lager, und die Bewußtlose, wunderbar Belebte senkte und neigte sich wie eine Lilienblume, die der Wind bewegt, sie fiel auf die rothen Decken und athmete schmerzlich. Aus einem goldnen Fläschchen goß der Alte eine kostbare Essenz in eine kleine Schale von Kristall und legte ihr diese an den Mund. Die blassen Lippen schlürften den wunderbaren Trank, sie schlug noch einmal das Auge auf, betrachtete ihren vormaligen Freund, wandte sich mit dem Ausdruck des Abscheues um, und fiel in einen tiefen Schlaf.
Sorgfältig verschloß der Alte wieder das Gemach. Alles im Hause war ruhig. Er begab sich auf sein Zimmer, um unter seinen Büchern und Zaubergeräthen den Aufgang der Sonne und die Geschäfte des Tages zu erwarten.
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Als der unglückliche Jüngling Antonio geruht hatte, ritt der Podesta am folgenden Tage mit ihm und einem großen bewaffneten Gefolge aus, um jene Hütte, die häßliche Alte und die Räuber aufzusuchen und zu fangen. Nach der Erzählung Antonio’s war der trostlose Vater sehr begierig geworden, jenes Mädchen zu sehn, welches seiner verstorbenen Tochter so ähnlich seyn sollte. Kann es seyn, sagte der Alte unterwegs, daß ein Traum, dem ich mich nur zu oft überlassen habe, wirklich werden sollte?