Der Vater war so eilig, daß er dem Jüngling nicht weiter Rede stand. Sie kamen in den benachbarten Wald, und hier glaubte sich Antonio noch zu erkennen, und die Spuren wieder zu finden. Aber jene Nacht hatte ihn so verwirrt, und seine Lebensgeister so heftig erschüttert, daß er nachher seinen Weg nicht entdecken konnte, den er während des Sturmes und dem Krachen des Donners, betäubt, zu Fuß, und über Acker und Feld irrend, fortgesetzt hatte. Sie kreuzten das weite Gefilde nach allen Richtungen; wo nur Bäume oder Gebüsche sich entdecken ließen, dahin spornte Antonio, um die Räuberhütte und in ihr jene wundersame Erscheinung wieder anzutreffen, oder wenigstens, wenn die Einwohner auch verschwunden seyn sollten, wie er wohl glauben mußte, irgend eine Nachweisung zu erhalten. Der Podesta glaubte endlich, als man schon einen großen Theil des Tages so umgeirrt war, die erhitzte Einbildung des Jünglings habe nur in der Verwilderung seines Schmerzes diese Erscheinungen gesehn. Das Glück, rief er aus, wäre zu groß, und ich bin nur zum Unglück geboren.

In einem Dorfe mußte man die Pferde und die Diener verschnaufen lassen. Die Bewohner wollten nichts von so verdächtigen Nachbarn wissen, auch hatte man in der Umgegend die Leichname der Erschlagenen nicht gefunden. Nach kurzer Frist machte sich Antonio wieder auf den Weg, obgleich der Podesta ihm mit größerem Mißtrauen folgte. Bei jedem Bauer, der ihnen aufstieß, wurden Erkundigungen eingezogen, doch keiner wußte irgend eine bestimmte Nachricht zu geben. Gegen Abend traf man auf einen scheinbar zerstörten Platz, Asche und Schutt lag umher, einige verkohlte Balken zeigten sich zwischen den Steinen: Bäume, die nahe standen, waren verbrannt. Jetzt schien sich der Jüngling wieder zu erkennen. Hier, so meinte er mit Bestimmtheit, sei der Aufenthalt der Mörder und jener wunderbaren Crescentia gewesen. Man machte Halt. Weit und breit war in der wüsten Gegend kein Haus zu sehn, kein Mensch war zu errufen. Ein Diener ritt zum nächsten Ort und brachte nach einer Stunde einen Alten zu Pferde mit sich. Dieser wollte wissen, daß schon seit einem Jahre eine Hütte hier abgebrannt sei, von Soldaten angezündet, der Eigenthümer des Feldes sei schon seit zehn Jahren in Rom, wo er ein versprochenes geistliches Amt erwarte, der Verwalter desselben aber nach Ravenna gereist, um eine alte Schuld einzukassiren.

Verdrossen und ermüdet begaben sich die Reisenden zur Stadt zurück. Der Podesta Ambrosio ging damit um, seine Stelle aufzugeben, sich von allen Geschäften zurück zu ziehn, und selbst Padua zu verlassen, wo ihn alles nur an sein Unglück erinnerte. Antonio wollte in der Schule des berühmten Apone sein Elend ertragen und vielleicht vergessen lernen. Er zog in das Haus dieses großen Mannes, welcher ihm schon seit lange gewogen war.

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Also auch Ihr, sagte nach einiger Zeit der kleine Priester zum tiefsinnigen Antonio, habt Euch diesem unglücklichen Studio und jenem verderblichen Manne ergeben, der Eure Seele verführen wird?

Warum zürnt Ihr, antwortete Antonio freundlich, Ihr frommer Mann? Soll Religion und Wissenschaft sich nicht freundlich die Hand bieten dürfen, wie es in diesem trefflichen Lehrer geschieht? Er, den die ganze Welt verehrt, den die Fürsten schätzen und lieben, den der heilige Vater selber bald zu einer geistlichen Würde erheben will? Warum haßt Ihr den, der Euch und jedermann mit Liebe entgegen kommt? Wüßtet Ihr, wie seine Lehre mich tröstet, wie er meinen Geist erhebt und zum Himmel richtet, wie in seinem Munde Frömmigkeit und Religion die begeisterten Worte und Bilder finden, die seine Schüler, wie mit Schwingen des Geistes, in die überirdischen Regionen führen, Ihr würdet nicht so unbillig von ihm denken und sprechen. Lernt ihn näher kennen, sucht seinen Umgang, kommt dem, der keinen zurück weiset, freundlich entgegen, und Ihr werdet mit Reue und in Liebe Euren Haß, Euer voreiliges Urtheil über ihn widerrufen.

Ihm? rief der Priester, nein nimmermehr! Wahrt Euch selbst, Jüngling, vor ihm und seinem höllenbezeichneten Diener, der keinen so arglistig, wie sein Meister, belügen kann.

Es ist wahr, erwiederte Antonio, der kleine Beresynth ist eine lächerliche und auch häßliche Figur, mich wundert selbst, daß ihn der edle Pietro so beständig in allen seinen Zimmern und Geschäften um sich dulden mag: aber sollen Höcker und andre häßliche Abzeichen uns gegen einen Armen, den die Natur vernachlässigt hat, grausam machen?

Schöne Worte, herrliche Redensarten! rief der Priester ungeduldig aus: bei diesen Gesinnungen gedeihen freilich Zauberer und Betrüger. Seht! da kommt das Scheusal, das ich nicht anschauen, viel weniger mit ihm etwas verhandeln mag. Wen der Herr auf diese Weise gezeichnet hat, der ist kenntlich genug, und jedermann, in dem noch nicht alles Gefühl erloschen ist, gehe ihm aus dem Wege.

Beresynth, der die letzten Worte gehört hatte, machte sich in einigen seltsamen Sprüngen herbei. Hochwürdiger Herr, rief er aus, seid Ihr denn etwa selbst von so ausbündiger Schönheit, daß Ihr so unbillig urtheilen dürft? Mein Herr ist von Jugend auf ein majestätischer herrlicher Mann gewesen, und der denkt doch von mir und meines gleichen ganz anders. Was? Ihr kleiner, untersetzter, verstumpfter, kollriger Mann, dem die Nase vor Zorne fast immer roth anläuft? Ihr mit Euren krummen Mundwinkeln, mit den verzwickten Falten in der kleinen Stirn, Ihr wollt von meiner Häßlichkeit rumoren? Kuckt das Zwerglein doch kaum über die Kanzel hinaus, wenn es dorten handthiert, und ist so schmalbeinig und schmächtig, daß er nicht über den großen Platz gehn darf, wenn der Wind einmal stark weht; den die Gemeine kaum erkennt, wenn er vor dem Altar gestikulirt, wobei ihr der christliche Glaube nachhelfen muß, in der Hoffnung, er sei wirklich zugegen: — wie, ein solcher Knirps und geistlicher Nirgendgesehn will hier wie Goliath Rede führen? Laßt Euch dienen, unansehnlich Gottseliger, daß man aus meiner Nase allein einen solchen Glaubenshelden, wie Ihr seid, formiren könnte, wobei ich meinen doppelten Höcker vorn und hinten noch gar nicht einmal in die Rechnung bringe.