Die Geschichte beweist, daß Philipp wirklich in diesem Sinne gehandelt. Wie er überhaupt die gelinden Wege den gewaltsamen vorzog, so suchte er besonders durch reiche Gaben an Geld und Ländereien Feinde zu beseitigen und Anhänger zu gewinnen. Seinem gefährlichsten Mitbewerber um die Krone, dem Herzog Berthold von Zährigen, hatte er für dessen Rücktritt 11000 Mark bezahlt. Seine Freigebigkeit war so groß, daß er damit nicht, wie Alexander, alle Reiche gewann, sondern selbst die anererbten Lande nur noch dem Namen nach behielt.
»Als er -- so erzählen die urspergischen Jahrbücher -- kein Geld hatte, um seinen Kriegsleuten Sold zu bezahlen, fieng er zuerst an, die Ländereien zu veräußern, die sein Vater, Kaiser Friedrich, weit umher in Deutschland erworben hatte, so daß er jedem Freiherrn oder Dienstmann Dörfer oder angrenzende Kirchen versetzte. Und also geschah es, daß ihm nichts übrig blieb, ausser dem leeren Namen des Landesherrn und denjenigen Städten und Dörfern, worin Märkte gehalten werden, nebst wenigen Schlössern des Landes.«
Dessen unerachtet vermochte er es nicht Allen zu Danke zu machen, und selbst Walther wirft ihm in einem andern Liede vor, daß er sich nicht so recht im Geben gefalle. Er erinnerte Philippen an den milden Saladin, welcher gesagt: Königes Hände sollten durchlöchert seyn, und an den König von Engelland (Richard Löwenherz), den man seiner Mildigkeit wegen so theuer ausgelöst. (I 127b)[17]
Auch hatte Philipp mit all seiner Freigebigkeit nicht verhindern können, daß gleich nach seiner Krönung Otto von Braunschweig als Gegenkönig aufgestellt wurde, mit dem er bis an seinen Tod zu kämpfen hatte. Wie einst in den Vätern, Friedrich dem Rothbart und Heinrich dem Löwen, so standen jetzt in den Söhnen, Philipp und Otto, Gibelinen und Welfen sich drohend gegenüber.
Wir haben zuvor gesehen, in welch heiterem Lichte unsrem Dichter seine frühere Lebenszeit erscheint. Mit stets düsterern Farben malt er die Gegenwart. Er klagt um die alte Ehre, um die alten getreuen Sitten. Treue und Wahrheit sind viel gar bescholten. Leer stehen die Stühle, wo Weisheit, Adel und Alter saßen ehe. Recht hinket, Zucht trauert und Scham siechet. Die Sonne hat ihren Schein verkehret, Untreue ihren Samen ausgestreut auf allen Wegen, der Vater findet Untreue bei dem Kinde, der Bruder lügt dem Bruder, geistlicher Orden selber trüget, der uns doch zum Himmel leiten sollte. Der Dichter erkennt hierin die schreckbaren Zeichen des nahenden Weltgerichts (I 121a, 107b, 112a, 128a).
Mit tiefem Kummer hält er dem politischen und sittlichen Verfalle seines Vaterlands dessen früheren Glanz entgegen: »O weh! was Ehren sich fremdet von deutschen Landen! Witz und Mannheit, dazu Silber und Gold!« (I 103b). »Ich sah hievor einmal den Tag, da unser Lob war gemein allen Zungen, wo kein Land uns nahe lag, es begehrte Sühne oder es war bezwungen. Reicher Gott! wie wir nach Ehren da rungen!« (I 106a).
Er rügt hiebei die Entartung und Zuchtlosigkeit des jüngeren Geschlechts. Vormals riethen die Alten und thaten die Jungen. Jetzt haben die Jungen die Alten verdrungen und spotten ihrer. Junge Altherren sieht man und alte Jungherren. Und wenn gleich Walther einmal behauptet: Niemand könne mit Gerten Kindeszucht behärten, wen man zu Ehren bringen möge, dem sey ein Wort als ein Schlag; so tadelt er doch anderswo die Väter, daß sie Salomons Lehre brechen, nach welcher den Sohn versäume, wer den Besen spare (I 106, 126b, 129a).
Unrecht würde dem Dichter geschehen, wenn wir in seinem Lobe der Vergangenheit und Tadel der Gegenwart die bloße Vorliebe für verlebte Jugendzeit erblicken wollten. Die gleichzeitigen Geschichtschreiber sind in vollkommener Uebereinstimmung mit seiner Schilderung des Zustandes, in welchen Deutschland durch die doppelte Königswahl versetzt wurde.
»Damals -- sagt der Abt von Ursperg -- fiengen die Uebel an, sich auf der Erde zu vervielfältigen. Denn es entstand unter den Menschen Feindschaft, Trug, Untreue, Verrath, womit sie sich gegenseitig in Tod und Untergang hingeben, Raub, Plünderung, Verheerung, Landesverwüstung, Brand, Aufruhr, Krieg. Jedermann ist jetzt meineidig und in die vorbesagten Frevel verstrickt. Wie das Volk, so auch die Priesterschaft. Die Verfolgung ist so groß, daß Niemand mit Sicherheit von seinem Wohnort ausgehen kann, auch nur in den nächsten Ort.«
In dem allgemeinen Zwiespalt nahmen auch die Sänger verschiedene Wege. Wenn Walther von der Vogelweide Philipps Krönung feierte, so geleitet Wolfram von Eschenbach den Gegenkönig Otto zu seiner Weihe[18].