Wir finden denn auch bei ihm jene bekannten Gattungen und Formen des Minnelieds: spielende Wonne und sehnendes Leid in Sommer und Winter, dienstliches Werben, Gespräch zwischen Ritter und Frau, Meldung des Boten, Trennung der Liebenden, wenn der Tag durch die Wolken scheint, Hülfruf an Frau Minne, Klage über die Merker, ein verhaßtes Geschlecht, das die Freuden der Liebe belauert und stört.
Gerne jedoch würden wir selbst den Merker spielen, wenn wir hoffen könnten, auch hier etwas Geschichtliches aus dem Leben des Dichters zu erspähen. Aber er ist behutsam, er führt uns irre und verspottet uns.
Mancher fragt ihn: wer die Liebe sey, der er diene und bis daher gedient? Wenn ihn dieses verdrießt, so spricht er: »ihrer sind drei, denen ich diene, und nach der vierten habe ich Wunsch.« Doch weiß es sie alleine wohl, der er vor ihnen allen dienen soll (I 110b).
Ein andermal fertigt er die Neugierigen so ab:
Sie fragen und fragen aber allzuviel
Von meiner Frauen, wer sie sey?
Das mühet mich so, daß ich sie ihnen nennen will,
So lassen sie mich doch darnach frei.
Genade und Ungenade, diese zweene Namen
Hat meine Fraue beide, die sind ungeleich:
Der eine ist arm, der andre reich.
Der mich des reichen irre, der müsse sich des armen schamen!
(I 122a)
Genade, Gnade, Liebesgunst, Erhörung. ungeleich, ungleich. irre, hinderlich sey. schamen, zu schämen haben.
Dennoch scheinen die Merker auf eine Spur gekommen zu seyn. Man wirft ihm vor: daß er seinen Sang so nieder wende. Er muß sich und die Geliebte vertheidigen. Die, sagt er, traf die Minne nie, die nach dem Gute und nach der Schöne minnen. Doch du bist schön und hast genug. Was sie reden, ich bin dir hold und nähme dein gläsen Fingerlein[38] (Fingerring) lieber als einer Königin Gold (I 117a).
Auch ein Name wird genannt:
Meines Herzens tiefe Wunde,
Die muß immer offen stehn,
Sie werde denn heil von Hiltegunde.
(I 136b)
Von sich selbsten gesteht Walther, daß er nicht aller Männer schönster sey; sein Haupt sey nicht allzu wohlgethan. Es nimmt ihn Wunder, was ein Weib an ihm ersehen. Sie hat doch Augen, hat ihr Jemand von ihm gelogen, so beschaue sie ihn baß. Wo sie wohnt, da wohnen wohl tausend Männer, die viel schöner sind. Nur daß er auf Fuge (Sitte, auch Kunst) sich ein weniges versteht. Will sie aber Fuge für die Schönheit nehmen, so ist sie viel wohlgemuth (I 139a)