Im Allgemeinen hat er von der Minne allerdings einen hohen Begriff. Der verlieret seine Tage, dem nie von rechter Liebe ward weder wohl noch weh. Minne ist ein Hort aller Tugenden, ohne Minne wird nimmer ein Herz recht froh. Ja! ohne Minne kann Niemand Gottes Huld erwerben (I 104a 127a).

Er ermahnt die Jugend, nach Herzeliebe zu werben (I 108a). Wer Würde und Freude erwerben will, der diene um gutes Weibes Gruß (I 109b). Wer gutes Weibes Minne hat, der schämt sich aller Missethat. Was hat die Welt zu geben Lieberes, denn ein Weib? (I 108b). Den Fürsten hält er als Lohn ihrer Tugenden vor, von den reinen, süßen Frauen gelobt zu werden (I 133a). Er verwahrt sich gegen die Anschuldigung, als hätte er in seinem Gange guter Frauen übel gedacht, und er ruft männiglich zu Zeugen auf, ob deutschen Weiben Jemand je besser gesprochen? Daß er die Guten von den Bösen scheide, das nur erzeuge den Haß (I 120b). Sein begeistertes Lob deutscher Frauen, worauf er sich hier beziehen mag, ist zuvor ausgehoben worden. Man soll alle Weiber ehren, aber doch die besten baß, behauptet er anderswo (I 110b). Die Regeln der Weisheit und Ehre, die er in einem seiner Lieder giebt, schließt er mit den Worten: »willt du das Alles übergülden, so sprich wohl den Weiben!« (I 133b). Von der Frau seines Herzens sagt er: sie entfremde ihm alle andre, nur daß er um ihretwillen alle ehren müsse (I 124a). Der Gedanke an gute Frauen ist ihm ein Trost in böser Zeit:

Wer verhohl'ne Sorge trage,
Der gedenke an gute Weib, er wird erlost,
Und gedenke an lichte Tage!
Die Gedanken waren stets mein bester Trost.
Gegen den finstern Tagen hab' ich Noth,
Nur daß ich mich richte nach der Heide,
Die sich schämt vor Leide,
So sie den Wald sieht grünen, so wird sie immer roth.
(I 114b)

erlost, erlöst. gegen, vor. hab' ich Noth, banget mir.

Gleichwohl ist es nicht die tiefere und anhaltende Leidenschaft, die zärtliche Innigkeit, das Versinken in einem Gefühle, was Walthers Minnelieder auszeichnet, zumal wenn sie in dieser Beziehung mit den Liedern andrer vorzüglichen Minnesänger, z. B. Reinmars des Alten oder Heinrichs von Morunge, verglichen werden. Es ist sogar nicht zu läugnen, daß mehrere an einer gewissen Trockenheit leiden. Das Selbstbewußtseyn, die Ueberlegung ist in manchen sehr vorherrschend. Einige Male giebt er der Geliebten zu verstehen, wenn sie ihm nicht hold seyn wolle, so werde er sich anderwärts zu helfen wissen. Sie möge aber bedenken, daß nicht leicht Jemand besser, denn er, sie loben könne (I 123b). Doch drückt er dieses noch zärtlich genug aus, wenn er sagt: Ihr Leben hat meines Lebens Ehre, tödtet sie mich, so ist sie todt (I 124b). Er vermißt sich sogar, um die schönen Tage zu klagen, die er an ihr versäumt habe. Noth und Ungemach um der Liebe willen zu leiden, würde ihn nicht so sehr bekümmern, als verlorene Zeit (I 118a). Ja! er sagt einmal: Minne habe von ihm in der Woche je nur den siebenten Tag (I 120a).

Hiebei darf nun aber nicht übersehen werden, daß er den Minnesang bis in ein sehr vorgerücktes Alter fortgesetzt. Auch in der Minne vermißt er eine verschwundene bessere Zeit: Hiebevor, da man so recht minnigliche warb, da waren meine Sprüche auch freudenreich; seit daß die minnigliche Minne also verdarb, seit sang auch ich ein Theil unminniglich (I 116b). Er klagt, daß Falschheit überhandgenommen. Seit man falscher Minne mit so süßen Worten gehrt, kann ein Weib nicht wissen, wer sie meine. Der die Weiber allererst betrog, der hat an Männern und Weibern missefahren (I 104a). Aber auch die Frauen erkennt der Dichter schuldig: daß die Männer so übel thun, das ist gar der Weiber Schuld. Hievor stand der Frauen Muth auf Ehre, jetzt sieht man wohl, daß man ihre Minne mit Unfuge erwerben soll (I 107b). Das thut uns Männern den meisten Schaden, daß wir den Weibern gleich lieb sind, wir seyen übel oder gut. Unterschieden sie uns, wie vormals, und ließen auch sich unterscheiden, das frommte uns vieles mehr, Männern und Weibern beiden (I 116b).

Walther bedauert ein schönes Weib, daß ihr die Schönheit nichts nütze, seit man nicht mehr gewohnt sey, innern Werth bei Schönheit zu finden:

Ich will Einer helfen klagen,
Der doch Freude ziemte wohl,
Daß in also falschen Tagen
Schönheit Tugend verlieren soll.
Hiebevor wär' ein Land erfreuet über ein so schönes Weib:
Was soll Der nun schöner Leib?
(I 140a)

Aber nicht bloß in diesem Rückblick auf verlebte Zeiten zeigt sich uns der Dichter als einen bejahrten Mann. Er giebt es noch näher. Minne, sagt er, hat einen Brauch, damit sie Manchen beschwert, den sie nicht beschweren sollte. Ihr sind vier und zwanzig Jahr viel lieber, denn ihr vierzig sind, sie stellt sich viel übel, sieht sie irgend graues Haar[39]. Minne war so ganz die Meine, daß ich wohl wußte all ihre Geheimniß. Nun ist mir so geschehen: kommt ein Junger jetzo her, so werde ich mit zwerchen Augen schielend angesehen. Armes Weib! wes mühet sie sich? Weiß Gott! ob sie auch Thoren trüget, sie ist doch älter viel, denn ich (I 120a).

Noch mehr! Walther versichert, wohl vierzig Jahre und drüber habe er von Minne gesungen (I 122b). Darum auch kein Wunder, wenn manche seiner Lieder nicht mehr die Frische jugendlichen Lebens athmen! Er sagt sich am Ende feierlich von der Minne los; sein Minnesang möge nun Andern dienen und ihre Huld werde dafür sein Theil. Er segnet sich, daß er auf der Welt so Manche froh gemacht, Mann und Weib. Aber von der vergänglichen Minne, die nichts weiter ist, als vom Fische der Grat, wendet er sich jetzt zu der steten, ewigen (I 123a).