So die Blumen aus dem Grase bringen,
Gleich als lachten sie gegen der spiel'nden Sonnen,
In einem Maien, an dem Morgen fruh,
Und die kleinen Vögelein wohl singen
In der besten Weise, die sie können:
Was Wonne kann sich da vergleichen zu?
Es ist wohl halb ein Himmelreiche,
Nun sprechet Alle, was sich dem vergleiche!
So sage ich, was mir ofte baß
In meinen Augen hat gethan und thäte auch noch,
ersähe ich das:
Wo eine edele Fraue, schöne, reine,
Wohl bekleid't und dazu wohl gebunden,
Um Kurzeweile zu viel Leuten geht,
Höfelichen, hochgemuth, nicht eine,
Um sich sehend ein wenig unterstunden,
Gleich wie die Sonne gegen den Sternen steht.
Der Maie bringe uns alle sein Wunder!
Was ist denn da so Wonnigliches unter,
Als ihr viel minniglicher Leib?
Wir lassen alle Blumen stehn und gaffen an das
werthe Weib.
Nun wohlauf! wollt ihr die Wahrheit schauen,
Gehn wir zu des Maien Hochgezeite!
Der ist mit aller seiner Wonne kommen.
Seht an: ihn! und seht an: schöne Frauen!
Welches hie das Andre überstreite?
Das bessre Spiel, ob ich das habe genommen?
Wer mich hie Eines wählen hieße,
Daß ich das Eine um das Andre ließe:
Ahi! wie schnell ich dann köre!
Herr Mai! ihr müßtet Märze seyn, eh' ich meine
Fraue da verlöre. (I 116a)
wohl gebunden, mit schönem Gebände, Kopfband. zu viel Leuten, unter die Leute, zu einer festlichen Versammlung. nicht eine, nicht allein, mit Begleitung. unterstunden, zuweilen. Hochgezeite, Fest. köre, wählte.
Die Reihe der Minnelieder schließen wir mit zwei Gesätzen, welche, ganz ihrem Inhalt gemäß, in einer von jenen volltönenden Weisen gedichtet sind, womit sonst der Dichter die Könige zu begrüssen pflegt:
Durchsüsset und geblümet sind die reinen Frauen,
Es ward nie nichts so wonnigliches anzuschauen
In Lüften, auf Erden, noch in allen grünen Auen.
Lilien, Rosenblumen, wo die leuchten
Im Maienthaue durch das Gras, und kleiner Vögelein Sang,
Das ist gegen solcher wonnereicher Freude krank.
Wo man ein' schöne Fraue sieht, das kann trüben Muth
erfeuchten
Und löschet' alles Trauren an derselben Stund'.
So lieblich lachet in Liebe ihr süßer rother Mund,
Und Strale aus spiel'nden Augen schießen in Mannes
Herzensgrund. (I 130a)
krank, schwach. erfeuchten, erfrischen. Strale, Pfeile.
Viel süße Fraue, hochgelobt mit reiner Güte!
Dein keuscher Leib giebt schwellend Hochgemüthe.
Dein Mund ist röther, denn die lichte Rose in
Thaues Blüthe.
Gott hat gehöhet und gehehret reine Frauen,
Daß man ihn'n wohl soll sprechen und dienen zu
aller Zeit.
Der Welte Hort mit wonniglichen Freuden leit
An ihnen. Ihr Lob ist lauter und klar. Man soll sie
schauen;
Für Trauren und für Ungemüthe ist nichts so gut,
Als anzusehn ein' schöne Fraue, wohlgemuth,
Wenn sie aus Herzensgrund ihrem Freunde ein
lieblich Lachen thut.
(I 130b)
wohl sprechen, Gutes von ihnen sprechen. leit, liegt. Ungemüthe, Unmuth.