Ein Ueberblick über diese Minnelieder giebt uns den Eindruck, daß in denselben der Dichter nicht von seinem Gegenstande beherrscht sey, sondern diesen mit Freiheit ausser sich stelle. Zumal in den ausgehobenen Gedichten höheren Styls betrachtet er die Schönheit und den Werth der Frauen, fast ohne eigenen Anspruch, als eine glänzende Erscheinung, die er in das Ganze seiner Weltanschauung aufnimmt.


Sechster Abschnitt.
Der Hof zu Wien. Leopold VII. Der Kärnthner.
Der Patriarch. Ulrich von Lichtenstein.


In welcher Gegend das Leben gelegen, das Friedrich II. dem Dichter ertheilte, darüber giebt dieser keinen Aufschluß. Auch die Zeit der Belehnung ist ungewiß. Geraume Zeit nach Friedrichs Ankunft in Deutschland läßt Walther sich wieder am Hofe von Oesterreich treffen.

Es mag seyn, daß er am Hofe Leopolds VII., der seinem Bruder Friedrich, dem Gönner des Dichters, im Herzogthum nachgefolgt war, mehrmals und zu sehr verschiedenen Zeiten sich aufhielt. In Ermanglung bestimmterer Anzeigen müssen wir uns jedoch begnügen, die Gedichte, welche den Hof zu Wien betreffen, um den einen Zeitpunkt zu sammeln, der mit einiger Sicherheit angegeben werden kann. Diejenigen, welche sich auf den benachbarten Hof von Kärnthen beziehen, stehen mit erstern in genauem Zusammenhang.

Leopold VII. (der Glorreiche), Herzog von Oesterreich und Steier, ist derjenige, den im Kriege auf Wartburg Heinrich von Ofterdingen vor allen Fürsten preist. Er legt Leopolds Tugend auf die Wage und fordert die andern Sänger auf, solche mit dreier Fürsten Milde aufzuwägen. Der von Oesterreich wünsche sich vier Hände, damit, während er mit zweien gegen die Feinde kämpfe, zwei andre den gehrenden Leuten Gabe spenden können. Als er gegen den König von Ungarn den Schild an den Arm genommen, habe er zugleich zu seinem Kämmerer gesprochen: Nun schaffe, daß den Gehrenden ihre Pfänder gelöst werden! (Man. II 1a 4a)

Drei Sorgen hat unser Dichter sich genommen, dreierlei Dinge möcht' er gewinnen. Das eine ist Gottes Huld, das andre seiner Frauen Minne, das dritte, das sich mit Unrecht manchen Tag seiner erwehrt, ist der wonnigliche Hof zu Wien. Er will nimmer rasten, bis er diesen verdient. Dort sah man Leopolds Hand geben, ohne daß sie des erschrack (I 105b).

Näher rückt er mit folgendem Liede:

Mir ist versperrt des Heiles Thor,
Da steh' ich als ein Waise vor,
Mich hilfet nicht, was ich daran auch klopfe.
Wie möcht' ein Wunder größer seyn:
Es regnet beidenthalben mein,
Daß mir des alles nimmer wird ein Tropfe!
Des Fürsten Milde aus Oesterreich
Freuet, dem süssen Regen gleich,
Beide: Leute und auch das Land.
Er ist eine schöne wohlgezierte Heide,
Darab man Blumen brichet wunder.
Und bräche mir ein Blatt da herunter
Seine viel milde, reiche Hand,
So möchte ich loben die viel süsse Augenweide.
Hiemit sey er an mich gemahnt!
(I 128a)