»Darauf ward ich Ritter, zu Wien, bei einer Hochgezeit', die ich seitdem nimmer so schön gesehen habe: da war großes Ungemach von Gedränge. Der Fürst Leupold aus Oesterreich gab seine minnigliche Tochter einem Fürsten von Sachsen zum Gemahl. Der edle Fürst gab dritthalb hundert Knappen Schwerdt; den Grafen, Freien, Dienstmann, wohl tausend Rittern, gab der edle Fürst Gold, Silber, Roß und Kleider. Fünf tausend Ritter aßen da des werthen Fürsten Brod, da war viel Buhurt (eine Art des Turniers) und Tanzes, und manches Ritterspiel: da waren die reiche Herzogin und ihre minnigliche Tochter, und manche gute Fraue.«
Das Hochzeitfest, welches Ulrich beschreibt, hatte nach den Geschichtschreibern im Jahr 1222 statt[49]. Ein ähnliches Fest, wenn nicht dasselbe, hat Walther vor Augen, wenn er so anstimmt:
Ob Jemand spreche, der nun lebe,
Daß er gesehn je größre Gebe,
Als wir zu Wien durch Ehre haben empfangen?
Man sah den jungen Fürsten geben,
Als wollt' er nicht mehr länger leben,
Da ward mit Gute Wunders viel begangen.
Man gab da nicht bei dreißig Pfunden,
Nein! Silber, gleich als wär's gefunden,
Gab man hin und reiche Wat.
Auch hieß der Fürste durch der Gehr'nden Hulde
Die Mallen von den Stellen leeren.
Roß', als ob es Lämmer wären,
Viel Mancher weggeführet hat.
Es galt da Niemand seiner alten Schulde.
Das war ein minniglicher Rath!
(I 129b)
Gebe, Ausspendung. Als wollt' er &c. vgl. Nibel. V. 171. durch der Gehrn'den Hulde, zum Besten der Gehrenden, der Sänger und andrer begehrlichen Leute, die sich bei solchen Festlichkeiten zudrängten. Mallen, Koffer. Stellen, Gerüste, worauf die Mallen standen. galt, bezahlte; man pflegte bei solchen Anlässen den Gehrenden die Pfänder auszulösen.
Im Verfolg seiner Geschichte (Cap. VI) meldet Ulrich von Lichtenstein von einer Fürstensprache, die zu Freisach stattgefunden. Der Markgraf Heinrich von Isterreich[50] wollte den Fürsten von Kärnthen angreifen. Als aber Leopold von Oesterreich dieses vernahm, sprach er: »Das gestatte ich nicht, sondern ich will es versühnen und in kurzem einen Tag machen.« Diese Gelegenheit benützten Ulrich und sein Bruder, auf einem Anger bei der Stadt Freisach Ritterspiele zu veranstalten, woran die Fürsten selbst Theil nahmen und über welchen man mehrere Tage lang nicht zum Hauptgeschäfte kam. Am Ende ward jedoch die Aussöhnung vermittelt. Unter den weltlichen Fürsten, die für dieses Geschäft versammelt waren, erscheinen Leopold von Oesterreich und Bernhard von Kärnthenland, unter den geistlichen der Patriarch von Aquileja. Wir sehen also hier drei von den Gönnern unsres Dichters zu Ernst und Spiel vereinigt, der Verkehr zwischen ihren Höfen ist eröffnet, es sind belebte Pfade, worauf der Sänger wandelt.
So melden auch die Geschichtbücher, daß noch im Jahr 1229 der Patriarch von Aquileja, Leopold von Oesterreich und der Herzog von Isterreich nach Italien hinunter ritten, um den Kaiser Friedrich mit dem Pabste auszusöhnen. Leopold starb 1230 zu St. Germano in Campanien und nur seine Gebeine kamen nach Oesterreich zurück[51].
Wie heimisch Walther von der Vogelweide in jenen östlichen Gegenden war, giebt er deutlich zu erkennen. Wenn er sagt: von der Seine bis an die Mur, vom Po bis an die Drave hab' er der Menschen Weise gemerket (I 131b), so hat er offenbar seinen Standpunkt in der Steiermark, die von Mur und Drave durchströmt wird. Dahin zieht er seine Linien von der Seine aus, als der nordwestlichen, vom Po, als der südlichen Gränze seiner Wanderungen. In einem andern Liede (I 105b 4) scheint er die Fürsten von Oesterreich, im Gegensatze zu andern Herren, die auf einem Hoftage zu Nürnberg waren, die heimlichen (heimischen) zu nennen.
Hinwider zeigt eine Stelle im Frauendienst S. 119, wie gangbar Walthers Gesang eben in jenen Gegenden war. Als Ulrich von Lichtenstein auf der Ritterfahrt, die er als Königin Venus unternommen, gen Wien reitet, begegnet ihm einer seiner Knechte, der ihm erfreuliche Botschaft von der Frau seines Herzens zu melden hat. Der Bote darf den verkleideten Herrn nicht anreden, er reitet daher bloß hinter demselben her und singt ein Lied, wodurch er kund giebt, daß er gute Botschaft bringe. Dieses Lied ist die erste Strophe eines Gedichts von Walther, welches oben geliefert worden:
Ihr sollt sprechen: willekommen!
Der euch Mähre bringet, das bin ich &c.
»Das Lied -- sagt Ulrich -- klang mir in mein Herze und that mir inniglich wohl.«