Noch hören wir Walthern den Verfall des Hofes zu Wien beklagen. Die Ursache dieses Wechsels aber giebt er nicht an. Ob solche in dem 1230 erfolgten Tode Leopolds und in dem kriegerischen Geiste seines Nachfolgers, Friedrichs des Streitbaren, zu suchen sey, lassen wir dahingestellt seyn. Daß Friedrich dem Gesange nicht abhold war, ergiebt sich aus dem, was Nithart, Tanhuser, Pfeffel und Bruder Werner von ihm sagen. Sang er doch selbst den Frauen den Reigen, und der Tanhuser mit (Man. II 59b). Soviel meldet übrigens die Geschichte, daß nach Leopolds Tode fast alle seine Dienstleute sich gegen seinen Sohn Friedrich verschworen, diesen des väterlichen Erbes beraubten und nachher beinahe ganz Oesterreich mit Raub und Brand verwüsteten[52].

Reinmar der Alte giebt ein Trauerlied auf den Tod Leopolds, der darin der Herr aller Freuden genannt wird (I 68a), Walther hinwider betrauert den Tod Reinmars (I 105a) und hätte hiernach, wenn in jenem Klageliede wirklich Leopold von Oesterreich gemeint ist, allerdings noch in den Tagen Friedrichs des Streitbaren gelebt.

Das Gedicht selbst, worin er den Wechsel der Dinge am Hofe zu Wien schildert, ist folgendes:

Der Hof zu Wiene sprach zu mir:
»Walther! ich sollte lieben dir,
Nun leide ich dir, das müsse Gott erbarmen!
Meine Würde, die war weiland groß,
Da lebte nirgend mein Genoß,
Denn Artuses Hof. Nun weh mir armen!
Wo nun Ritter, wo nun Frauen,
Die man bei mir sollte schauen?
Seht! wie jämmerlich ich steh'.
Mein Dach ist faul, es tropfen meine Wände,
Mich minnet Niemand, leider!
Gold, Silber, Ross' und dazu Kleider,
Die gab ich und noch hatt' ich meh.
Nun hab' ich weder Schapel, noch Gebände,
Noch Frauen zu einem Tanze, o weh!
(I 129b)

lieben, leiden, lieb, leid seyn. mein Genoß, meines Gleichen. Gebände, Kopfbänder.


Siebenter Abschnitt.
Walthers Kunst und Kunstgenossen. Nithart.
Der Meissner. Reinmar. Walthers Standpunkt
in der Geschichte der deutschen Dichtkunst.


Wie sehr Walther von der Vogelweide seiner Kunst wegen von den Zeitgenossen geschätzt war, beweist nicht bloß die Gunst, der er sich von den angesehensten Fürsten, zumal demjenigen, der, auch dem Geiste nach, vor allen glänzte, von Kaiser Friedrich II., zu erfreuen hatte; auch die gleichzeitigen Meister des Gesanges zollen ihm hohe Achtung.

Dem gepriesenen Wolfram von Eschenbach ist er wohl bekannt, wie wir bereits aus einer Stelle des Parcifal ersehen haben, in welcher ein jetzt verlorenes Lied von ihm angeführt ist. Im Titurel, woselbst Walther als einer der hohen Meister genannt wird[53], und im Wilhelm von Orleans des Rudolf von Ems[54] ist gleichfalls auf Aussprüche von ihm Bezug genommen. Der Rolle, die er im Kriege auf Wartburg spielt, haben wir erwähnt.