Meister Gottfried von Straßburg, der selbst als ein feiner Hauptschmidt güldene Gedichte wirkte[55], hat in der Stelle seines Tristan, welche von den deutschen Dichtern handelt, auch den unsrigen verherrlicht. Die Liederdichter vergleicht er mit Nachtigallen, die ihre süße Sommerweise singen. Wer aber, fragt er, soll dieser Nachtigallen Panier jetzt tragen, seit die von Hagenau[56] verstummt ist? wer soll die lebende Schaar führen und weisen? Ihre Meisterin kann es wohl, die von der Vogelweide. Hei! wie die über Heide mir hoher Stimme schallet! was Wunders sie stellet! wie spähe (kunstvoll) sie organieret! wie sie ihren Sang wandelieret! Die soll der andern Leiterin seyn, die weiß wohl, wo man suchen soll der Minne Melodie. (Tristan, v. Groote's Ausg. V. 4750 ff.)
Auch die Späteren erkennen Walthers Meisterschaft an. Insbesondere rühmt noch ein Meistergesang des vierzehnten Jahrhunderts seine schönen und reinen Töne[57].
Von einer Handschrift, welche mit den Singweisen seiner Lieder ausgestattet war, sind nur noch traurige Ueberreste vorhanden[58]. Aber der innere Wohllaut seiner Gesänge, der sich in schönen und manigfaltigen Formen ausdrückt, welchen man oft ihre Singweise anzuhören meint, giebt den Lobpreisungen Gottfrieds von Straßburg und dem Zeugnisse des Meisterliedes volle Glaubwürdigkeit.
Das Gepräge der Meisterschaft erkennen wir an den Liedern unsres Dichters vornemlich in dem Einklange von Inhalt und Form. Der Gegenstand ist durch die Form harmonisch begrenzt und die Form ist durch den Gegenstand vollständig ausgefüllt. Für das bloße Spiel mit Formen ist Walther zu gedankenreich. Eben darum sind auch seine Formen in der Manigfaltigkeit einfach.
Es ist eine ansehnliche Stufenleiter von Tönen, auf der er sich vom einfachsten Volksliede bis zu jenen großartigen Königsweisen erhebt. Nach Abzug Desjenigen, was sich der Unächtheit verdächtig macht, kann man in seinen Gedichten noch immer etliche und achtzig verschiedene Töne zählen. Er führt uns durch den hohen, den niedern und den mittlern Sang (I 105b). Er singt, wie ein Andrer von ihm meldet, was er will, des Kurzen und des Langen viel (I 113b). Aber stets geht der Inhalt gleichen Schrittes mit der Form und schon der äussre Bau seiner Gedichte läßt auf ihren Gegenstand schließen. Der fröhlichen Weise des Volkslieds entspricht die Lebensfrische des Inhalts und die volleren, gezogenen Töne sind in Uebereinstimmung mit der Würde der Person, an die das Lied gerichtet ist, mit der Wichtigkeit des Gegenstandes, mit der Fülle der Gedanken. Die Spiele der Reimkunst sind ihm zwar nicht unbekannt, doch bedient er sich ihrer mäßig und versteht sie scherzhaft anzuwenden[59]. Er hat zu gewissen Formen Vorlieben und kehrt häufig zu ihnen zurück, aber auch hierin verfährt er nach richtigem Ermessen. Die Betrachtung und die bildnerische Darstellung lieben Stetigkeit, die Leidenschaft, die Empfindung den Wechsel der Formen. Wir haben es bei seinen Minneliedern schön gefunden, wenn es das Erscheinen einer herrlichen Frau in derselben Weise darstellt, worin er sonst die Könige feiert. Jene Gesänge vom ersten Auftreten Friedrichs II. bis wo der Dichter das Lehen empfängt, sind alle in gleicher oder verwandter Form gedichtet, sie treten dadurch in näheren Zusammenhang und bilden gewissermaßen ein episches Ganzes. Eben die Einfachheit der Formen macht sie geeignet, vielfacherem Inhalte zu dienen. Selbst die großartigsten, und gerade diese wiederholt Walther am oftesten, sind nicht vielfach verschlungen, fast kunstlos folgt sich in drei langhingezogenen Zeilen der dreimalige Reimschlag. Es ist der volle Wellenzug eines anschwellenden Stromes.
Walthers Gedichte bilden großentheils nur eine Strophe. Der Bau eines solchen Gesätzes ist aber genugsam in sich gegliedert, um für eine vollständige Darstellung auszureichen. Man darf Gesätze, die in derselben Weise über denselben Gegenstand gedichtet sind, darum noch keineswegs als Theile eines Gedichtes betrachten, Sie können sich auf einander beziehen, eines kann aus dem andern entsprungen seyn, und doch jedes dabei seine Selbstständigkeit behaupten, wie etwa bei einer Reihe von Sonetten über den nemlichen Gegenstand. Unser Meister setzt seine Gedichte nicht zusammen, er schafft sie von innen heraus. Eben diese lebendige Entfaltung des Gedankens, des Bildes, sichert dem Gedichte seine Selbstständigkeit und bedingt seine Begrenzung. Ist der Gedanke dargelegt, das Bild hingestellt, so ist auch das Gedicht abgeschlossen. Bedarf ja doch gerade der kräftigste Gedanke, das klarste Bild, zu seiner vollständigen Erscheinung am wenigsten der Ausführlichkeit.
In einem Theile von Walthers Gedichten findet sich die Grundform, keineswegs aber die überkünstliche Verwicklung des spätern meistersängerischen Strophenbaues. Ebenso ist die prunkende Gelehrsamkeit und der überladene Bilderschmuck der späteren Dichter ihm fremd. Er ist mehr gestaltend, als bilderreich.
Wenn Frauenlob (st. 1317) in seinem Liederstreite mit Regenbog sich selbst als den Meister Aller rühmt, die je gesungen und noch singen, als einen Koch der Kunst und einen Vergolder des Sanges der alten Meister, Reinmars, Eschilbachs und des von der Vogelweide, die neben kunstreicher Straße den schmalen Steig gefahren seyen (Man. II 214b f.), so wird uns dieses nicht abhalten, den unvergoldeten Sang und den schmalen Naturpfad jener älteren Dichter vorzuziehen. Wir werden auf Regenbogs Seite treten, der, als erklärter Kämpfe der letzteren, behauptet: die Kunst Walthers und der Andern stehe noch immer frisch belaubt und bewähre die Kraft ihrer Wurzeln (Ebd. 215b); übereinstimmend mit dem Marner, der ebenfalls Walthern von der Vogelweide an die Spitze der hingegangenen Sangesmeister stellt, aus deren Garten er, unwillkührlich, Blumen lesen müsse (II 173a).
Walther selbst ist sich seiner Meisterschaft bewußt. Er spricht von seinem werthen Sange (I 118a) Er klagt, daß man ihn so arm lasse bei reicher Kunst (I 131a). Er spricht es aus, daß die Frau, von der er singe, durch seinen Sang geehrt werde; daß nicht leicht Jemand sie besser loben könne; daß, wenn er seinen Sang lasse, Alle, die sie jetzt loben, dann sie schelten werden; daß sie todt sey, wenn sie ihn tödte (I 123b 124b). Ein schöner Stolz aber ist es, wenn er zugleich sich dessen rühmt, daß sein Gesang tausend Herzen froh gemacht.
Rührend ist folgende Aeusserung: