Uns hat der Winter kalt und andre Noth
Viel gethan zu Leide.
Ich wähnte, daß ich nimmer Blumen roth
Sähe an grüner Heide.
Doch schadt' es guten Leuten, wäre ich todt,
Die nach Freuden ringen
Und die gerne tanzen und springen.
(I 138b)
Die Kunst ist Walthern eine hohe Sache. Darum entrüstet er sich denn auch vielfältig gegen die Verderber und Entwürdiger derselben. Die Fuge, die Höfischkeit, das höfische, hofeliche Singen stellt er dem Unfuge, der Dörperheit[60], dem unhofelichen Singen, die Meister den Schnarrenzern gegenüber. Die Worte: höfisch, höflich, hatten aber dazumal einen andern und höheren Sinn, als wie sie heutzutage genommen werden. Sie bedeuteten die edlere Bildung, die feinere Sitte, wie sie an den Höfen gesangliebender Fürsten blühte.
Ungefüge Töne, so klagt er, haben das hofeliche Singen zu Hofe verdrungen, seine Würde liegt darnieder, Frau Unfuge hat gesiegt. Die das rechte Singen stören, deren ist jetzt ungleich mehr, denn die es gerne hören. Wer will noch harfen bei der Mühle, wo der Stein so rauschend umgeht und das Rad so manche Unweise hat? Die so freventlich schallen, sie thun wie die Frösche in einem See, denen ihr Schreien so wohl behagt, daß die Nachtigall davon verzagt, so sie gerne mehr sänge. Wer doch die Unfuge von den Burgen stiesse! Bei den Bauern möchte sie wohl seyn, von denen ist sie hergekommen (I 112).
Das Letztere deutet merklich darauf hin, was unter diesem ungefügen Sange hauptsächlich zu verstehen sey. Es scheint damals in den ritterlichen Gesang die Gattung von Liedern eingedrungen zu seyn, welche man unter dem Namen der Nitharte begreift, Darstellungen aus dem Dorfleben, Schwänke mit den Bauern, derb und rüstig, aber auch manchmal sehr ungezogen und schmutzig. Den Eingang des Liedes macht häufig eine Beschreibung des Frühlings. Mit dem Frühling rühren sich Freude und Muthwill, und so folgt nun im Liede allerlei ländliche Lustbarkeit, Tanz und Schlägerei.
Von der angegebenen Art sind nicht blos die meisten Lieder, welche unter dem Namen des Herrn Nithart auf uns gekommen sind, auch viele andre, ritterliche Sänger haben in derselben Weise gedichtet. Der Schauplatz von Nitharts Darstellungen ist die Umgegend von Wien. Einige seiner Lieder betreffen den Fürsten Friedrich in Osterland, (Friedrich den Streitbaren,) von dessen milder Gabe ihm ein silbervoller Schrein geworden (Man. II 72a). Der Bischof Eberhard, an den er sich gleichfalls wendet (II 79a), ist ohne Zweifel der Erzbischof von Salzburg dieses Namens, der von 1200 bis 1246 auf dem erzbischöflichen Stuhle saß[61]. Auch erzählt Nithart von einem Zuge über Meer, den er mit Kaiser Friedrich gemacht und auf dem ein heidnischer Pfeil ihn verwundet[62].
Schon durch diese Anzeigen, denen sich weitere beifügen ließen, wird Nithart der Zeit und dem Orte nach, wenn gleich als jüngerer Zeitgenosse, unsrem Dichter nahe gerückt. Es sind aber auch Spuren vorhanden, daß Nithart auf Walthers Gedichte in derjenigen Weise angespielt, die wir Parodie nennen und die vielleicht unter dem früher erwähnten Verkehren des Gesanges begriffen ist.
Die mehrfache Anspielung ist in nachstehendem Liede Nitharts, dessen Name schon auf Schlimmes deutet, kaum zu verkennen:
Sie fragen: wer sie sey, die Säldenreiche,
Der ich so hofelichen habe gesungen?
Sie wohnt in deutschen Landen sicherliche,
Das sag' ich den Alten und den Jungen.
Sie ist in einem Kreise, der ich diene,
Von dem Po bis auf den Sand,
Von Elsasse bis Ungerland,
In der Enge ich sie fand,
Sie ist noch zwischen Paris und Wiene.
(II 73a)
Säldenreiche, Heilbringende, Wonnereiche. Sand, Meeresufer.
Man erinnere sich hiebei derjenigen Stellen, worin Walther von seiner Länderkunde spricht, und seines zuvor (Abschnitt V) ausgehobenen Gedichtes: