Sie fragen und fragen aber all zu viel
Von meiner Frauen, wer sie sey?
(I 122a)
Ergötzlich ist auch sonst der Spott, den jene derberen Dichter mit dem Minnesang und dessen Ueberzartheit treiben. Ein solcher, Gedrut, macht sich über den Minnesänger Wachsmut von Künzingen lustig: Herr Wachsmut minne seine Fraue über tausend Meilen, dennoch sey sie ihm gar zu nahe; es thäte ihm so sanft, wenn er sie auf einem hohen Thurme schauen und von ihrer Hand ein Ringlein empfangen sollte, das küßt' er tausendmal, läg' er aber bei der Wohlgethanen mit ihrem rothen Munde, nimmer würd' er sie berühren (Pf. Hds. 357 Bl. 24b). Derselbe[63] äussert: wär' es denen Ernst, die sich also um Minne härmen, in Jahresfrist lägen sie todt; sie seyen zu feist bei der Noth, von der sie klagen (Ebd.).
In Beziehung auf Walthern von der Vogelweide wird, außer dem schon eher genannten Stolle, noch eines Herrn Volknant (in der Pf. Hds. 357 heißt er Wicman), als eines solchen gedacht, der den Meistern ihre meisterlichen Sprüche treten (Pf. Hds. irren) wolle. Walther und Volknant werden verglichen. Jener ist das Korn, dieser die Spreu; singet Volknant eins, so singet Walther drei; sie gleichen sich wie der Mond und ein gewisser runder Theil des menschlichen Körpers. Herr Walther singet was er will, des Kurzen und des Langen viel, so mehret er der Welt ihr Spiel; Volknant jagt wie ein falscher Leithund nach Wahne (I 113). Das Lied, welches diese Vergleichungen anstellt, in einer von Walthers Weisen gedichtet, ist gleich andern, welche nicht ihm angehören, aber auf ihn Bezug haben, unter die seinigen gekommen.
Von dem Verfalle der Kunst, den schon unser Dichter beklagt, zeugen auch, durch eigenes Beispiel, die Gedichte des Tanhuser, der, wie Nithart, in Friedrichs des Streitbaren Dienste war; meist Tanzreihen, zum Theil in Nitharts Geschmacke, mit allerlei Gelehrsamkeit überladen und durch widerliche Sprachmengerei aus dem Französischen verunstaltet[64]. Anklänge aus Walthers Liedern sind auch in diesen Gedichten unverkennbar[65]. Tanhuser überlebte den Fürsten Friedrich und beklagt dessen Tod mit der drolligen Aeusserung: wer nun Thoren (Hofnarren), so gut halte, als Er gethan? (Man. II 69a)
Freundlich sind die Verhältnisse der Kunstgenossenschaft, in welchen Walther mit dem Missener, Meißner, stand. Daß er unter dieser Benennung einen der meißnischen Markgrafen verstehe, ist nicht bloß aus dem Liede, worin er den Meißner zu den Fürsten zählt, welche die Zurückkunft des Kaisers nach dessen Krönung treulich erwartet (I 103b), sondern mehr noch aus dem äusserlich untergeordneten Verhältnisse zu schließen, in welches Walther auch da, wo er von dem Meißner als einem Dichter spricht, sich zu demselben stellt. Daß sodann unter den Markgrafen von Meissen, welche in Walthers Zeit fallen, Heinrich der Erlauchte gemeint sey, dafür stimmt theils das Zeugniß Tanhusers, welcher, unter offenbarer Beziehung auf jenes Lied unsres Dichters, Heinrich den Missener aufführt (II 64b f.)[66], theils der Umstand, daß der Markgraf Heinrich von Meissen selbst unter den Minnesängern erscheint. Er war von mütterlicher Seite Enkelsohn Hermanns von Thüringen, befand sich in seiner frühesten Jugend am Hofe von Oesterreich und vermählte sich 1234, sechszehn Jahre alt, mit Constantia, der Schwester Friedrichs des Streitbaren. Die meißnische Chronik meldet von seiner Prachtliebe und seinem ritterlichen Hofhalt[67].
Walther hat den Meißner im Liede gelobt, er darf nun erwarten, daß derselbe ihm wandle, Wandels Recht biete, d. h. das Lob erwidre. Für alles Andre, was er sonst dem Meissner gedient, will er diesem den Lohn erlassen, nur auf das Lob verzichtet er nicht. Wird ihm das nicht, so will er auch seines zurücknehmen, zu Hof und an der Straße (I 136). Der Künstlertrotz, womit er hier auf seinem Sängerrechte besteht, soll wie es scheint, nur beweisen, wie hoch er eine Erwiderung von diesem Fürsten anschlagen würde.
Besser zufrieden zeigt er sich, als ihm der Meißner aus Franken ein Lied mitgebracht hat:
Mir hat ein Lied von Franken
Der stolze Meissener gebracht,
Das fährt von Ludewige.
Ich kann es ihm nicht danken
So wohl, als er mein hat gedacht,
Als daß ich tief ihm neige.
Könnt' ich, was Jemand Gutes kann,
Das theilte ich mit dem werthen Mann,
Der mir so hoher Ehren gann;
Gott müsse auch ihm die seinen immer mehren!
Zu fließe ihm alles Segens Fluß,
Nichts Wildes meide seinen Schuß,
Sein's Hundes Lauf, sein's Hornes Duß
Erhalle ihm und erschalle ihm wohl nach Ehren!
(I 111a)
Ludewige, es ist noch unerrathen, wer dieser Ludewig sey. gann, gönnt. Duß, Getöse, Schall.
Daß Walther den Tod Reinmars im Liede betrauert, ist bereits erwähnt worden. Reinmar der Alte, den Walther am Hofe zu Wien kennen gelernt haben mochte, ist ein trefflicher Minnesänger, berühmt unter den älteren Meistern. Seine zahlreichen Lieder sind einfach und innig, sie athmen eine sanfte Schwermuth. Er hat, wie er einmal singt, die Minne noch stets in bleicher Farbe gesehen (Man. I 66a). Auch äussert er, es werde Mancher ihn nach seinem Tode klagen, der jetzt leicht seiner entbehrte (I 71a). Unser Dichter scheint nicht in völlig gutem Vernehmen mit ihm gestanden zu seyn, doch beklagt er, selbst schon am Ziele seiner Jahre, den Tod desselben auf eine würdige Weise.