Zwei Gesätze Walthers sind dieser Klage gewidmet. In dem einen versichert er: wenn Reinmar nichts gesungen hätte, als die eine Rede: »So wohl dir, Weib, wie rein dein Name!« so hätt' er verdient, daß alle Frauen stets für seine Seele bitten würden[68].
Das andre lautet so:
Fürwahr, Reinmar, du reuest mich[69]
Vieles härter, denn ich dich,
Ob du lebtest und ich wär' erstorben.
Ich will's bei meinen Treuen sagen:
Dich selben wollt' ich wenig klagen,
Ich klage dein' edle Kunst, daß sie ist verdorben.
Du konntest all der Welte Freuden mehren,
So du's zu guten Dingen wolltest kehren.
Mich reuet dein wohlredender Mund und dein viel süßer
Sang,
Daß die verdorben sind bei meinen Zeiten.
Daß du nicht eine Weile mochtest beiten!
So leistet' ich dir Geselleschaft, mein Singen ist nicht
lang.
Deine Seele müsse wohl nun fahren, deine Zunge habe Dank!
(I 105a)
reuest, schmerzest. du's, du sie, die Kunst. beiten, warten. ist nicht lang, währt nicht mehr lange.
Die Beziehungen, worin wir unsern Dichter zu den vorgenannten Kunstgenossen gefunden, die achtungsvollen Aeusserungen, welche wir von gleichzeitigen und späteren Meistern über ihn vernommen, führen auf die Frage: welches die Stelle sey, die derselbe in der Geschichte der deutschen Dichtkunst überhaupt einnehme?
Der innere Werth, die Menge und Manigfaltigkeit seiner Lieder, die Länge und die poetische Wichtigkeit des Zeitraums, in welchem er gesungen, müssen ihm schon auf den ersten Anblick eine bedeutende Stelle sichern. Sein dichterisches Wirken umfaßt vollkommen die glänzendste Zeit der altdeutschen Liederkunst. Er reicht hinauf in die erste Blüthe des Minnesangs im letzten Viertel des zwölften Jahrhunderts, er reicht hinunter in den Uebergang dieser Dichtungsweise zur Betrachtung und zum Lehrhaften gegen die Mitte des dreizehnten; ja er selbst erscheint als Derjenige, der zuerst das jugendlich spielende Lied zu Männlichkeit gekräftigt. Aus der Blüthe der Phantasie und der Empfindung reist ihm die Frucht des Gedankens, die Formen des Minnelieds dehnt er aus, damit sie vermögend seyen, die Sache des Vaterlandes, die Angelegenheiten des Reiches und der Kirche, zu fassen. Wenn er gleich über den Zerfall des Minnesanges Klage führt, so hat doch gewiß er selbst, nur in andrem Sinne, zerstörend auf denselben gewirkt. Je mehr die Wichtigkeit des Stoffes sich geltend machte, um so merklicher mußte das zartere Spiel der Poesie erliegen, und wenn in Walthers Liedern noch der Ernst des Gedankens überall mit Poesie getränkt und umkleidet ist, so tritt dagegen bei seinen Nachfolgern immer mehr die Betrachtung in einseitiger Trockenheit und prosaischer Blöße hervor.
Soll die Fortbildung der Dichtkunst nach den bedeutendsten Meistern bezeichnet werden, so grenzt Walther in aufsteigender Reihe zunächst an Reinmar den Alten, in absteigender an Reinmar von Zweter. Der Erstere lebt noch ganz in den Empfindungen und dem Tönereichthum des Minnesanges, der Letztere, fast nur noch in einem streng gemessenen Tone dichtend, hat sich völlig der Betrachtung und der Lehre zugewendet; und in demselben Verhältniß, in welchem Walther den Erstern an Kraft und Reichthum der Gedanken übertrifft, zeichnet er sich vor dem Letztern durch Farbenglanz und manigfaltige Anmuth der Behandlung aus.
Wie häufig Walthers Lieder nachgeahmt wurden, kann schon die flüchtigste Ansicht der alten Liedersammlungen ergeben[70]. Daß er von der Singschule unter die zwölf Altmeister des Gesanges, die Stifter der Kunst, gezählt wurde, ist gleich Eingangs berichtet worden.
Meister hieß zu Walthers Zeiten Jeder, der sich der Ausübung irgend einer Kunst mit Auszeichnung widmete. Meister hiessen daher auch unter den Dichtern vorzugsweise diejenigen, welche die Sangeskunst zu ihrer eigentlichen Beschäftigung gemacht hatten. Diejenigen dagegen, welche den Gesang weniger ausschließlich und fruchtbar treiben, denen zugleich schon durch ihren Stand ein anderwärtiger Hauptberuf angewiesen war, Fürsten und Ritter, wurden mit ihren fürstlichen oder adelichen Namen bezeichnet, obgleich ihre Kunst dem Wesen nach dieselbe war. Es ist hienach leicht zu erachten, daß Walther von Gleichzeitigen und Späteren als Meister benannt wird. Wenn übrigens der Truchseß von Singenberg ihn: »unsres Sanges Meister« nennt (Pf. Hds. 357 Bl. 20b) und wenn derselbe Dichter (Man. I 154a), sowie der Marner (I 173a) und ein Ungenannter in der Pf. Hds. 350: »mein Meister« von ihm sprechen, so kann hieraus, nach der Sprache der Zeit, kein Verhältniß des persönlichen Unterrichts gefolgert werden. Es heißt nicht mehr, als wenn im Titurel (Cap. 6 Str. 632) gesagt wird: »mein Herr Walther.« Am wenigsten aber darf aus dem Meisternamen überhaupt auf damaliges Bestehen einer förmlichen Dichtergilde geschlossen werden.
Zwar liegt es in der Natur der Sache, daß eine so ausgebildete Dichtkunst, wie die deutsche in der ersten Hälfte des dreizehnten Jahrhunderts, eine Dichtkunst, die mit wirklichem Gesang und begleitendem Saitenspiel innig verschwistert war, nicht wild wachsend sich verbreitete, sondern durch Unterricht fortgepflanzt wurde. Davon giebt unser Dichter klares Zeugniß, wenn er meldet, daß er in Oesterreich singen und sagen gelernt habe. Zugleich weisen seine Lieder nicht blos im Allgemeinen durch ihren wohl abgemessenen Bau, sondern auch durch einzelne nähere Andeutungen, auf Kunstregel und Kunstgebrauch, z. B. wenn er von dreierlei Art des Sanges spricht, wenn er die Meister den Schnarrenzern gegenüberstellt, wenn er Wandels Recht begehrt. Nirgends aber, weder bei ihm, noch bei den andern Dichtern seiner Zeit, findet sich der Beweis, daß unter den Sangesmeistern des dreizehnten Jahrunderts zunftmäßige Genossenschaften sich gebildet hatten, wie sie unter den Meistersängern der späteren Jahrhunderte bestanden.