Gleichwohl ist zwischen beiden unläugbar ein geschichtlicher Zusammenhang[71]. Es sind verschiedene Stufen einer stetigen Entwicklung und Ausbildung, Entartung und Erstarrung des deutschen Gesanges. Die Regel wurde stets enger gezogen und der Geist entschwand. In der Singschule der Handwerker war es der Form nach auf mühsame Künstlichkeit, dem Inhalt nach auf nützliche Erbauung angelegt. Aber auch in diesem Zustande vergaß die Kunst ihres Ursprungs nicht. Die Meister dieser Singschulen erhielten, wie billig, das Gedächtniß ihrer geschichtlichen Verbindung mit jenen alten Meistern. Walther wird mit Eschenbach, Ofterdingen, Klinsor, Reinmar u. A. zu den Stiftern der Kunst gezählt und einige nach ihm benannte Töne (der lange, der übergüldte, der Kreuzton Walthers von der Vogelweide), laufen in den Töneverzeichnissen der Schule fort. Das Kolmarer Meistergesangbuch enthält Gedichte von ihm nebst Meisterliedern vom Ende des sechszehnten Jahrhunderts.
Bis zu diesem Verhallen seiner Töne sind wir dem künstlerischen Wirken des Dichter gefolgt. Wenn aber seine Wirksamkeit, sofern er sie durch den Inhalt der Lieder ausübte, vollständiger gewürdigt werden soll, so ist es nöthig, auf den Schauplatz der politischen Bewegungen zurückzukehren.
Achter Abschnitt.
Friedrich II. und die Päbste. Erzbischof Engelbert
von Köln. Die Kreuzzüge. Walthers
Kreuzfahrt.
Zweierlei Angelegenheiten, unter sich in genauer Verbindung, bewegten jetzt die Welt: Friedrichs II. Kampf mit den Päbsten und die Wiedereroberung des heiligen Grabes.
Als zwischen Philipp und Otto die Königswahl streitig war, hatte Innocenz III. sich nicht gescheut, den deutschen Fürsten zu erklären, daß die Entscheidung dieses Wahlstreits, wie die Besetzung des deutschen Thrones überhaupt, dem päbstlichen Stuhle zustehe, weil das Reich durch die Päbste von den Griechen auf die Deutschen gebracht sey und der neue König die Kaiserkrone vom Pabst allein erhalte. Der ernstliche Widerspruch der Fürsten bewirkte die Zurücknahme dieses übereilten Wortes, aber das Benehmen des römischen Hofs war gleichwohl beständig von der Absicht geleitet, eine päbstliche Weltherrschaft zu begründen, der das Kaiserthum als ein von ihr abhängiges Lehen untergeordnet wäre.
Wenn das Banner der Freiheit nicht auf Friedrichs Seite weht, wo er die aufstrebende Kraft der oberitalischen Freistaaten bekämpft oder den weltlichen Arm zur Vertilgung der Ketzer herleiht, so gebührt ihm dagegen die dankbare Anerkennung der Nachwelt in seinem rastlosen Ringen gegen jene Anmaßungen der Priesterherrschaft. Das Mühselige und Gefahrvolle seiner Laufbahn ist in einem Liede des gleichzeitigen Dichters, Bruder Werner, durch ein schauerlich schönes Bild bezeichnet, wenn Friedrich einem Manne verglichen wird, der im Walde geht, während ein Wolf hinter ihm her schleicht, stets begierig, wenn der Mann straucheln oder fallen würde, sich über ihn herzustürzen (Man. II 165b).
Die Kreuzzüge, deren oberste Leitung in den Händen des Pabstes lag, waren diesem ein bedeutendes Mittel zu Erreichung jener großen Zwecke. Er war hier das Oberhaupt einer geistlich-weltlichen Vereinigung aller christlichen Könige und Völker.
Seit der Eroberung Jerusalems durch Saladin im Jahr 1188 waren die heiligen Orte unter der Gewalt der Unglaubigen. Die Kreuzpredigt war unermüdlich, das Abendland zu erregen. Als Friedrich II. im Jahr 1215 zu Aachen gekrönt wurde, ließ er sich, den Anforderungen der Zeit entsprechend, nebst vielen Bischöfen, Fürsten und Rittern, mit dem Kreuze bezeichnen. Nach einem achtjährigen Aufenthalt in Deutschland trat er im Jahr 1220 seinen Römerzug an. Seinen eilfjährigen Sohn Heinrich, der bereits zum Nachfolger im Reich gekrönt war, ließ er unter Vormundschaft zurück. In demselben Jahre ward er zu Rom von Honorius III. als Kaiser gekrönt und bei diesem Anlasse von dem Kardinal-Bischof Hugolin von Ostia, nachherigem Pabst Gregor IX., abermals mit dem Kreuze bezeichnet. Aber so wie bisher die deutschen Angelegenheit, so schoben jetzt die sicilischen die Erfüllung des Gelübdes hinaus. Je mehr, während Friedrichs Anwesenheit in den sicilischen Erblanden, zwischen ihm und dem päbstlichen Hofe Eifersucht und Mißhelligkeit sich erzeugte, um so wünschenswerther war einerseits dem Pabste die Entfernung und auswärtige Beschäftigung des gefährlichen Gegners, anderseits dem Kaiser die Begründung seiner Macht auf heimischem Boden. Als im Jahr 1221 Damiata, kaum erobert, durch die Uneinigkeit der Kreuzfahrer wieder verloren gieng, war Friedrich den bittern Vorwürfen des Pabstes und der Bedrohung mit dem Bann ausgesetzt. Zur großen Zufriedenheit des heiligen Vaters gereichte hingegen Friedrichs zweite Vermählung mit Jolantha, der Erbin des Königreichs Jerusalem. Unter Ermahnungen und Bedrohungen von der einen, Entschuldigungen und Vertröstungen von der andern Seite verzog sich die Abfahrt bis in das Jahr 1227. Jetzt waren die großen Zurüstungen beendigt und die Schaaren der Kreuzfahrer auf der apulischen Küste versammelt. Schon war eine große Zahl von Brindisi abgesegelt, der Kaiser und der Landgraf von Thüringen hatten sich gleichfalls eingeschifft, aber nach drei Tagen liefen diese wieder zu Otranto ein, beide von ansteckender Krankheit ergriffen, woran der Landgraf einige Tage nachher verschied. Auch die vorausgefahrene Flotte kehrte nun zurück und die ganze Unternehmung zerschlug sich.