Gregor IX. hatte kurz zuvor den päbstlichen Stuhl bestiegen. Er war aus einem von Friedrich beleidigten Geschlecht entsprossen, er hatte den Kaiser bei der Krönung mit dem Kreuze bezeichnet und ihn zuletzt noch dringend zum Kreuzzuge gemahnt. Jetzt verwarf er jede Entschuldigung, erklärte Friedrichs Krankheit für Verstellung, schleuderte unerbittlich auf ihn den Bannstral und verkündigte in Deutschland, so wie in allen abendländischen Reichen, des Kaisers ungeheure Schuld und furchtbare Bestrafung.
Friedrich erließ gleichfalls Briefe zu seiner Verantwortung. Er klagte den Geitz und die Herrschsucht der Kirche an, die sich Kaiser, Könige und Fürsten zinsbar zu machen strebe. Zugleich aber erneuerte er die Anstalten zum Kreuzzuge und fuhr wirklich im folgenden Jahr, 1228, mit dem Pabste unversöhnt, nach Palästina ab. Auch dorthin verfolgte ihn Gregors Haß und war ihm in allen Unternehmungen hinderlich. Gleichwohl bewirkte Friedrich die Zurückgabe Jerusalems und der heiligen Stätten, und da kein Priester ihn weihen wollte, setzte er selbst im Tempel die Krone von Jerusalem sich auf das Haupt[72].
Unser Dichter ist eben so sehr ein erklärter Gegner der Priesterherrschaft, als ein begeisterter Herold der Kreuzzüge. Er eifert gegen die Eingriffe der Kirche in die Rechte der weltlichen Gewalt, gegen die Habsucht und Verschwendung des römischen Hofes, gegen den Ablaßhandel, gegen die willkührlichen Bannsprüche, gegen das unerbauliche Leben der Geistlichkeit; zugleich aber ruft er wiederholt den Kaiser zur Vornahme des Kreuzzuges auf. Es kann uns einen Begriff geben, mit welchen Schwierigkeiten Friedrich II. zu kämpfen hatte, wenn wir selbst seine aufgeklärteren Anhänger ihn zu einem Schritte drängen sehen, zu dem er so ungerne sich entschloß.
Damit soll jedoch kein Widerspruch in der Gesinnung des Dichters bezeichnet werden. Gerade der fromm begeisterte Sinn muß am meisten Anstoß nehmen, wenn er das Heilige durch Mißbrauch zu fremdartigen Zwecken entweiht sieht. Die Erscheinung des Heiligen ist zu verschiedenen Zeiten eine verschiedene. Was der einen Zeit Andacht und Begeisterung war, ist der andern Aberglaube und Schwärmerei. Aber von dem Urtheil über Formen und Lehrsätze unabhängig ist die Unterscheidung dessen, was aus reiner Quelle, aus der Inbrunst des Herzens, aus der Sehnsucht nach dem Ewigen, aus der Ehrfurcht vor dem Unendlichen entsprungen ist, von demjenigen, was, aus gänzlich irdischen Triebfedern hervorgegangen, nur äußerlich mit dem Mantel der Heiligkeit sich bekleidet. Wenn Jenes noch in später Folgezeit empfängliche Gemüther, dichterisch wenigstens, anzusprechen vermag, so muß Dieses schon in der Zeit, wo es, durch Umstände begünstigt, seine größte Gewalt ausübt, den Zweifel an seiner inneren Gültigkeit erwecken.
Wenn man sich dafür begeisterte, das Land, wo Gottes Sohn menschlich gewandelt, wo er im Leben und im Tode Wunder gewirkt, der Entweihung durch Unglaubige zu entreißen, so kann dieß auch eine Folgezeit begreiflich finden, welche sich von demselben Eifer nicht zu entflammen vermöchte. Wenn aber der heilige Vater nach Rücksichten der Staatsklugheit heute segnete und morgen fluchte, wenn er Zwietracht im Reich erweckte und nährte, wenn er Eidschwüre nach Gefallen löste, den Ablaß zu einer Erwerbsquelle machte, wenn die Geistlichkeit, statt zu singen und zu beten, sich in Fehden tummelte oder weltlicher Ueppigkeit fröhnte, so mußte solches Aergerniß schon die glaubigen Zeitgenossen entrüsten.
Man kann nicht behaupten, daß Walther für den Beruf der Geistlichkeit keine Achtung hege. Er empfiehlt, zu glauben, was die Pfaffen Gutes lesen (I 133b), er klagt, daß Frauen und Pfaffen, zwei so edel Namen, mit den Schamlosen werben (I 115b). Aber eben die Entartung der Geistlichkeit, das Heraustreten aus den Grenzen ihres Berufs, die pfafflichen Ritter und ritterlichen Pfaffen (I 126b), die Verdorbenheit der Kirche an Haupt und Gliedern, greift er mit dem scharfen Sange an.
Jene Anmassungen der kirchlichen Gewalt sind ihm unerträglich. Er verwünscht die Begründung der Priesterherrschaft mittelst der Schenkung Konstantins des Großen, durch welche, nach der von den Päbsten verbreiteten Meinung, die Stadt Rom sammt mehreren Ländereien Italiens dem römischen Bischof übergeben und damit der Kirchenstaat gestiftet worden.
König Konstantin, der gab so viel,
Als ich es euch bescheiden will,
Dem Stuhl zu Rome: Speer, Kreuze und Krone.
Zuhand der Engel laute schrie:
»O weh! o weh! zum dritten: weh!
Eh' stund die Christenheit mit Züchten schöne,
Der ist ein Gift nun gefallen,
Ihr Honig ist worden zu einer Gallen,
Das wird der Welt hernach viel leid.«
Alle Fürsten leben nun mit Ehren,
Nur der höchste ist geschwachet;
Das hat der Pfaffen Wahl gemachet.
Das sey dir, süsser Gott, geklagt:
Die Pfaffen wollen Laienrecht verkehren;
Der Engel hat uns wahr gesagt[73].
(I 129b)
bescheiden, berichten, erklären. der höchste, d. i. der Kaiser. geschwachet, erniedrigt. der Pfaffen Wahl, vermuthlich die Erwählung Gregors IX.
Anderswo räth Walther den Pfaffen, die Armen zu bedenken, zu singen und Jedem das Seine zu lassen. Dabei erinnert er sie der Gabe, die auch sie einst von König Konstantin empfangen. Hätte dieser gewußt, daß daraus künftig Uebel entstehen würde, so hätt' er der Noth des Reiches vorgebeugt, aber damals waren sie noch frei von Uebermuth (I 103a). Auch die Geschichte vom Zinsgroschen wird erzählt und wie Christus den Pharisäern gerathen: daß sie den Kaiser liessen haben sein Kaisersrecht und Gott, was Gottes wäre (I 103b).