Heftiger noch werden des Dichters Angriffe. Der neue Pabst wird mit Sylvester II., vorher Gerbert, verglichen, der von 999 bis 1003 auf dem päbstlichen Stuhle saß und wegen seiner naturwissenschaftlichen und mechanischen Kenntnisse für einen Schwarzkünstler galt. Wenn dieser nur sich selbst, durch die Zauberei, in's Verderben gebracht, so bringe der jetzige Pabst mit sich die ganze Christenheit zu Falle:
Der Stuhl zu Rome steht nun erst besetzet rechte,
Alswie hievor mit einem Zauberer, hieß Gerbrechte.
Derselbe gab zu Falle nur sein eines Leben,
Nun hat sich dieser und alle Christenheit zu
Falle geben.
Alle Zungen soll'n zu Gotte schreien: wafen!
Und rufen ihme: wie lang er wolle schlafen?
Sie widerwirken seine Werk' und fälschen seine
Wort',
Sein Kämmerere stiehlt ihm seinen Himmelhort,
Sein Sühner mordet hie und raubet dort,
Sein Hirt' ist zu einem Wolfe ihm worden unter
seinen Schafen. (I 132a)
sein eines Leben, sein, des Einzelnen Leben. wafen! wehe! widerwirken, vereiteln entgegenwirkend. Himmelhort, himmlischer Schatz.
Auf päbstlichen Befehl wurde, noch unter Innocenz III., in den Kirchen der Stock (truncus) aufgestellt, worein die frommen Gaben fielen, die von Männern und Frauen zur Unterstützung des heiligen Landes bestimmt wurden[74]. Zwei Gedichte Walthers handeln von diesem Stocke:
Ahi! wie christlich nun der Pabest unser lachet,
Wenn er seinen Wälschen sagt: »ich hab's also
gemachet.«
(Das er da sagt, er sollt' es nimmer han
gedacht.)
Er spricht: »ich hab' zween Alemann' unter eine
Krone bracht,
Daß sie das Reiche sollen stören und wasten.
All die Weile fülle ich die Kasten.
Ich hab' sie an meinen Stock gemännet, ihr Gut ist
alles mein,
Ihr deutsches Silber fährt in meinen wälschen
Schrein.
Ihr Pfaffen, esset Hühner und trinket Wein,
Und laßt die Deutschen fasten!
(I 132a)[75]
wasten, verwüsten. gemännet, als Mannen, Vasallen, pflichtig gemacht.
Saget an, Herr Stock! hat euch der Pabest her gesendet,
Daß ihr ihn reichet und uns Deutsche ärmet und schwendet?
Wenn ihm die volle Maaße kommt zu Lateran,
So thut er einen argen List, wie er eh' hat gethan,
Er sagt uns danne: wie das Reiche steh' verworren,
Bis ihn erfüllen wieder alle Pfarren.
Ich wähne, des Silbers wenig kommet zu Hülfe in Gottes Land.
Grossen Hort zertheilet selten Pfaffenhand.
Herr Stock! ihr seyd auf Schaden her gesandt,
Daß ihr aus deutschen Leuten suchet Thörinnen und Narren.
(Ebd.)
reichet, ärmet, reich, arm machet. schwendet, auszehret. List, Kunstgriff. bis ihn &c., nemlich den Stock. Gottes Land, das heilige Land. zertheilet, theilet aus. suchet, aufsuchet.
Vom Ablaßhandel hat Walther Ansichten, die man bei einem Dichter aus der ersten Hälfte des dreizehnten Jahrhunderts nicht gesucht haben möchte: