Es ist eine alte Ueberlieferung der Singschule, daß die zwölf Stifter des Meistergesangs als Ketzer angeklagt worden seyen und darüber vor dem Kaiser, dem päbstlichen Legaten und einer großen Versammlung von Gelehrten sich haben verantworten müssen. Gedichte, wie die bisher angeführten, konnten allerdings zu einer solchen Sage Anlaß geben.
Daß die freimüthigen Aeußerungen eines so berühmten Meisters, als der unsrige war, nicht wirkungslos verhallten, ist schon zum voraus anzunehmen. Es sind aber auch noch späthin bestimmte Spuren der Nachwirkung vorhanden. Ottokar von Horneck, der steirische Chronikschreiber am Anfang des vierzehnten Jahrhunderts, der manch hellen Blick in seine Zeit wirft, verräth deutlich seine Vertrautheit mit Walthers Aussprüchen über die Geistlichkeit und ihr Verhältniß zur weltlichen Gewalt[78].
Bei der Abreise nach Italien im Jahr 1220 hatte Friedrich seinen jungen Sohn Heinrich unter Vormundschaft zurückgelassen und die Verwaltung des Reichs dem Erzbischof Engelbert von Köln, aus dem Geschlechte der Grafen von Berg, übertragen. Im Wintermond 1225 wurde dieser auf dem Rückwege von Soest nach Köln von seinem Anverwandten, dem Grafen Friedrich von Isenburg, der als Kirchenvogt von Essen mit dem Erzbischof in Streit gerathen war, überfallen und meuchelmörderisch erschlagen. Die Klosterbrüder zu Berg, welche bei dem Leichnam wachten und Psalmen sangen, behaupteten, zwischen dem Gesang Engelstimmen gehört zu haben. Einem derselben erschien Engelbert als Märtyrer im Traume. An seinem Grabe zu Köln geschahen viele Wunder und in der Folge ward er unter die Heiligen versetzt. Der Mörder hatte sich nach Rom begeben, wo er sich vom Pabste Honorius III. Busse auflegen ließ. Nach seiner Zurückkunft aber wurde er aufgegriffen und ein Jahr nach vollbrachter That zu Köln mit dem Rade hingerichtet[79].
Zwei Gedichte Walthers handeln von dem werthen Bischof von Köln. In dem einen, noch bei Lebzeiten dieses Fürsten verfaßt und an ihn gerichtet, werden dessen Verdienste um das Reich gerühmt, er wird als Fürstenmeister aufgeführt, als Ehrentrost eines gepriesenen Kaisers, besser denn je ein Kanzler es war, und zum Schlusse noch, in Beziehung auf die Heiligen von Köln, als Kämmerer von drei Königen und eilftausend Jungfrauen (I 106a). Das andre, ein Seitenstück zu dem vorigen, ist nach der Ermordung des Erzbischofs, aber noch vor bekannt gewordener Hinrichtung des Thäters, abgefaßt und lautet also:
Wes Leben ich lobe, des Tod, den will ich immer klagen.
So weh' ihm, der den werthen Fürsten habe erschlagen
Von Kölne! o weh', daß ihn die Erde mag noch tragen!
Ich kann ihm nach seiner Schulde keine Marter finden;
Ihm wäre allzu sanft ein eichner Strang um seinen Kragen,
Ich will ihn auch nicht brennen, noch zerglieden, noch
schinden,
Noch mit dem Rade zerbrechen, noch auch darauf binden:
Ich warte alles, ob die Hölle ihn lebend wolle schlinden.
(Ebd.)[80]
zerglieden, zerreissen, viertheilen. alles, gänzlich, jediglich. schlinden, verschlingen.
Wir haben uns dem Zeitpunkte genähert, wo Friedrich der Anmuthungen des Pabstes, den längst gelobten Kreuzzug wirklich vorzunehmen, sich nicht länger erwehren konnte. Schon im Jahr 1223 hatte Honorius den Glaubigen verkündigt, daß sie sich rüsten sollten, nach zwei Jahren mit dem ruhmreichen Kaiser Friedrich über Meer zu fahren. Wunderbare Naturerscheinungen hatten von jeher die Prediger des Kreuzes unterstützt. Vorstellungen von dem nahenden Weltende, vom tausendjährigen Reiche, dessen Hauptsitz Jerusalem seyn würde, erregten die Geister. Auch unser Dichter hat die Vorboten des heranrückenden Weltgerichtes erkannt, nicht bloß in den Zeichen des Himmels, weit mehr noch in der Verderbniß der Menschen. Es ist höchste Zeit, daß die Christenheit sich aufraffe, die allzu lang im Schlafe lag:
Nun wachet! uns geht zu der Tag,
Vor dem wohl Angst verspüren mag
Ein Jeglichs: Christen, Juden und auch Heiden.
Wir haben der Zeichen viel gesehen,
Daran wir seine Kunst wohl spähen,
Wie uns die Schrift mit Wahrheit kann bescheiden.
Die Sonne hat ihren Schein verkehret,
Untreu' ihren Samen ausgeleeret
Allenthalben an den Wegen.
Der Vater bei dem Kind Untreue findet,
Der Bruder seinem Bruder lüget,
Geistlicher Orden in Kutten trüget,
Der uns zum Himmel sollte stegen.
Gewalt geht aufrecht, gut Gerichte schwindet.
Wohlauf! hier ist zu viel gelegen.
(I 128a)[81]
stegen, den Weg weisen oder bahnen. Wohlauf! die Pf. Hds. 357 hat: wol hin! was die Beziehung auf den Kreuzzug noch näher legt.
Gewaltiger noch ertönt die mahnende Stimme in nachfolgendem Aufruf: