Wenn wir Walthers Liedern glauben dürfen, so hat er selbst eine Heerfahrt nach dem heiligen Lande mitgemacht. Entsteht aber die Frage: welchem der verschiedenen Kreuzzüge, die in seine Zeit fallen, er gefolgt sey? so spricht die meiste Wahrscheinlichkeit für den von Friedrich II. im Jahr 1228 unternommenen, von welchem zunächst die Rede war. Daß er nicht im Gefolge Leopolds von Oesterreich in Palästina gewesen, ergiebt sich aus dem Liede, womit er die Rückkehr dieses Fürsten feiert. Auch ist die Kreuzfahrt darum in seine spätere Lebenszeit zu setzen, weil er noch in einem Gedichte, das offenbar den vorgerückten Jahren angehört, seine Sehnsucht nach der frommen Reise ausspricht (I 142a).

Ein Kriegsgesang in schöner, volltönender Weise erhebt sich schon wie aus den Reihen des Kreuzheeres, das begeistert nach dem wogenden Meere hinzieht (I 125b). Aber wirklich auf heiligem Boden stehend zeigt sich uns der Dichter in einem andern Liede. Jetzt erst ist sein Leben ihm werth, seit sein sündig Auge das reine Land sieht und die Erde, der man so viel Ehre zuerkennt. Es ist geschehn, was er stets gebeten, er ist an die Stätte gekommen, wo Gott menschlich wandelte. Was er noch von Ländern gesehen, schönen, hehren und reichen, die Ehre aller ist dieses, wo der göttlichen Wunder so viele geschehen sind. In dieses Land hat auch der Herr jenen angstvollen Tag gesprochen, wo der Waise gerächet wird und die Wittwe klagen mag. Christen, Juden und Heiden sagen, daß dieß ihr Erbe sey. Gott mög' es zu Recht entscheiden, alle Welt streitet darum, aber recht ist, daß er uns gewähre! (I 104 f.)

Den Christen wurde damals gewährt und groß mag Walthers Freude gewesen seyn, wenn ihm vergönnt war, seinen geliebten Kaiser Friedrich im Tempel des heiligen Grabes mit der Krone von Jerusalem gekrönt zu sehen.


Neunter Abschnitt.
Des Dichters Alter. Seine Religionsansichten.
Sein Tod.


Es ist eine Reihe von mehr als dreißig Jahren, durch die wir unsrem Dichter seit den ersten Liedern, denen sich die Zeit ihrer Entstehung nachweisen läßt, d. h. vom Jahr 1198 an, unter dem Fingerzeig der Geschichte gefolgt sind, und schon jene Lieder tragen den Ausdruck männlicher Reife. Wir haben ihn sagen gehört, daß er vierzig Jahre und drüber von Minne gesungen. Sonach ist nicht zu zweifeln, daß er ein ansehnliches Alter erreicht habe.

Wie wenig sein Leben durch äussere Glücksumstände begünstigt war, darüber läßt er sich bald schmerzlich, bald launig vernehmen. Auf letztere Weise in Folgendem:

Frau Sälde theilet rings um mich
Und kehret mir den Rücken zu,
Da kann sie nicht erbarmen sich;
Nun rathet, Freunde, was ich thu'!
Sie steht ungerne gegen mir,
Geh' ich hinfür, ich bin doch immer hinter ihr,
Sie geruhet nicht mich anzusehen;
Ich wollte, daß ihr Aug' an ihrem Nacken stünde,
So müßt' es ohn' ihren Dank geschehen.
(I 119a)

Frau Sälde, Frau Glück, die Segensgöttin. gegen mir, mir zugewendet, ohn' ihren Dank, gegen ihren Willen.