In ähnlichem Tone hat er seinen letzten Willen aufgesetzt. Er will, eh' er hinfährt, sein fahrend Gut und Eigen austheilen, damit Niemand darum streite, dem er es nicht zugedacht. All sein Unglück bescheidet er Jenen, die sich dem Haß und Neid ergeben; seinen Kummer den Lügnern; seinen Unverstand denen, die mit Falschheit minnen; den Frauen: nach Herzeliebe sehnendes Leid (I 115b).
Eben die Ungunst des Geschickes, womit er vielfältig zu kämpfen hatte, konnte frühzeitig seinen Sinn auf das Höhere lenken. Die manigfachen Erfahrungen einer langen Lebensbahn waren geeignet, ihm die Nichtigkeit der irdischen Dinge aufzudecken. Mit dem vorrückenden Alter sehen wir ihn auch immermehr in das Gebiet ernster und frommer Betrachtung hingezogen. Wenn wir an einem Theile seiner Minnelieder die Wärme der Empfindung vermißten, so finden wir die Heimath seiner tieferen Begeisterung da, wo es von Sachen des Vaterlandes und der Religion sich handelt. Sein Zeitgenosse Reinmar der Alte ist so sehr Minnesänger, daß er auch noch als Pilgrim seiner Gedanken nicht Meister wird: den Gott, dem er dienen soll, helfen sie ihm nicht so loben, wie er es bedürfte (I 72a)[85]. Unser Dichter dagegen hat mit dem ungetheiltesten Eifer die Sache des Kreuzes ergriffen.
Jetzt, da er sich am Abend seines Lebens befindet, wird es angemessen seyn, eben die religiöse Seite seiner Dichtungen völlig hervorzuheben. Das Irdische schwindet ihm, so wie beim Sinken der Sonne die Thäler sich in Schatten hüllen und bald nur noch die höchsten Gipfel beleuchtet stehen.
Den Vorzug der wahren und daurenden Freuden von den eiteln und flüchtigen bezeichnen nachstehende Lieder:
Ich bin Einer, der nie halben Tag
Mit ganzen Freuden hat vertrieben.
Was ich je daher der Freuden pflag,
Der bin ich hier entblöst geblieben.
Niemand kann hie Freude finden, sie zergeh',
Wie der lichten Blumen Schein.
Darum soll das Herze mein
Trachten nach falschen Freuden nimmermeh.
(I 114a)
sie zergeh', sie zergehe denn.
O weh! wir müssigen Leute, wie sind wir versessen
Zwischen zwei Freuden nieder an die jämmerliche Statt!
Aller Arbeit hatten wir vergessen,
Da uns der kurze Sommer sein Gesind' zu werden bat.
Der brachte uns fahrende Blumen und Blatt,
Da trog uns der kurze Vogelsang.
Wohl ihm, der nur nach steten Freuden rang!
Weh gschehe der Weise, die wir mit den Grillen sangen!
Da wir uns sollten warnen gegen des kalten Winters Zeit.
Daß wir viel Dummen mit der Ameise nicht rangen,
Die nun viel würdiglich bei ihren Arebeiten leit!
Das war stets der Welte Streit:
Thoren schalten stets der Weisen Rath.
Man sieht wohl dort, wer hie gelogen hat.
(I 103b)
versessen, falsch gesessen. zwei Freuden, der irdischen und der ewigen. Da uns &c. Als uns der flüchtige Sommer einlud, sein Gefolge zu seyn. fahrende Blumen, vergängliche, unstete, gleich den fahrenden Leuten (Vgl. Man. I 70a 7, I 170a 7); das Bild entspricht dem obigen Gesinde. Blatt, Blätter. gegen, vor. leit, liegt.