Wie der Dichter dem Minnesang absagt, den er so lange Zeit geübt, wie er von der vergänglichen Minne sich zu der ewigen wendet, ist schon oben gezeigt worden.
In einem Zweigespräche mit Frau Welt (I 111b) nimmt er von dieser seiner bisherigen Pflegerin feierlich Abschied. Sie spricht ihm zu, bei ihr zu bleiben; er soll gedenken, was sie ihm Ehren bot und wie sie ihm seinen Willen ließ. Frau Welt! erwidert er, ich habe zu viel gesogen, ich will entwohnen, es ist Zeit. Gott gebe dir, Frau, gute Nacht! Ich will zur Herberge fahren.
Welt! ich habe deinen Lohn ersehen, -- sagt er in einem ähnlichen Gedichte (I 122b) -- was du mir giebst, das nimmst du mir. Wir scheiden alle nackt und bloß von dir. Ich hatte Leib und Seele tausendmal gewagt um dich, nun bin ich alt und hast mit mir dein Spiel, und zürn' ich des, so lachest du. Lach' uns noch eine Weile so! dein Jammertag wird bald auch kommen.
Traum und Spiegelglas -- heißt es anderswo -- gelten bei der Stete dem Winde gleich. Laub und Gras, das stets meine Freude war, dazu Blumen manigfalt, die rothe Heide, der grüne Wald, der Vögelein Sang, der Linde Süssigkeit, haben ein traurig Ende. Den thörichten Wunsch zur Welt, ich sollt' ihn lassen, damit er nicht meiner Seele große Noth bringe. Der Busse wäre hohe Zeit. Nun fürchte ich siecher Mann den grimmen Tod, daß er kläglich über mich komme. Vor Furcht bleichen mir die Wangen. Wie soll ein Mann, der nichts denn sündigen kann, hohen Muth gewinnen? Seit ich an weltlichen Dingen Uebel und Gut zu erkennen begann, griff ich, wie ein Thor, zur linken Hand recht in die Glut und mehrte stets dem Teufel seinen Sieg. Ich war mit sehenden Augen blind und aller guten Dinge ein Kind, wie ich auch meine Missethat der Welt hehlte. Heiliger Christ! mache du mich rein, eh' meine Seele versinke in das verlorne Thal! (I 141b)
Mit tiefschmerzlicher Empfindung ist die Nichtigkeit des Irdischen besonders in dem großen Klaggesange dargelegt, den der Dichter anstimmt, nachdem er in späteren Jahren in das Land seiner Geburt zurückgekommen ist. Alles findet er umgewandelt, er wird an der Wirklichkeit irre, ihm ist jetzt das Leben ein Traum. Lautes Wehe erhebt er über die Verderbniß und den Unbestand der Welt. Er will sich hinüber retten in das Heilige.
O weh! wohin verschwanden alle meine Jahr'?
Ist mein Leben mir geträumet oder ist es wahr?
Das ich stets wähnte, daß es wäre, war das icht?
Darnach hab' ich geschlafen und so weiß ich's nicht.
Nun bin ich erwachet, und ist mir unbekannt,
Was mir hievor war kundig, wie mein' andre Hand.
Leute und Land, dannen ich von Kinde bin geborn,
Die sind mir fremde worden, recht als ob es sey verlorn.
Die meine Gespielen waren, die sind träge und alt,
Bereitet ist das Feld, verhauen ist der Wald,
Nur daß das Wasser fließet, wie es weiland floß.
Fürwahr! ich wähnte, mein Ungelücke würde groß.
Mich grüßet mancher träge, der eh' mich kannte wohl;
Die Welt ist allenthalben Ungenaden voll.
Wenn ich gedenke an manchen wonniglichen Tag,
Die mir entfallen sind, wie in das Meer ein Schlag:
Immermehr o weh!
O weh! wie jämmerlich die jungen Leute thunt,
Denen nun viel traurigliche ihr Gemüthe stund!
Die können nichts, denn sorgen; o weh! wie thun sie so?
Wo ich zur Welt hinkehre, da ist Niemand froh.
Tanzen, Singen, zergeht mit Sorgen gar.
Nie Christenmann noch sah so jämmerliche Jahr'.
Nun merket, wie den Frauen ihr Gebände staht!
Die stolzen Ritter tragen dörfliche Wat.
Uns sind unsanfte Briefe her von Rome kommen,
Uns ist erlaubet Trauren und Freude gar benommen.
Das mühet mich inniglichen sehr, wir lebten sonst viel wohl,
Daß ich nun, für mein Lachen, Weinen kiesen soll.
Die wilden Vögel betrübet unsre Klage,
Was Wunder ist, wenn ich davon verzage!
Was spreche ich dummer Mann durch meinen bösen Zorn?
Wer dieser Wonne folget, der hat jene dort verlorn
Immermehr, o weh!
O weh! wie uns mit süßen Dingen ist vergeben!
Ich sehe die bittre Galle mitten in dem Honige schweben.
Die Welt ist aussen schöne weiß, grüne und roth,
Und innen schwarzer Farbe finster, wie der Tod.
Wen sie nun verleitet habe, der schaue seinen Trost!
Er wird mit schwacher Buße großer Sünde erlost.
Daran gedenket, Ritter! es ist euer Ding.
Ihr traget die lichten Helme und manchen harten Ring,
Dazu die festen Schilde und das geweihte Schwerdt.
Wollte Gott, ich wäre solches Sieges werth!
So wollte ich nothiger Mann verdienen reichen Sold,
Doch meine ich nicht die Huben, noch der Herren Gold:
Ich wollte selber Krone ewiglichen tragen,
Die möchte ein Söldener mit seinem Speer bejagen.
Möchte ich die liebe Reise fahren über See,
So wollte ich danne singen: wohl! und
nimmermehr: o weh!
(I 141b f.)
icht, irgend etwas. kundig &c. bekannt, geläufig, wie der einen Hand die andre. von Kinde, von Kindheit auf. Ungenaden, Ungunst, Mißgeschick. Immermehr, immerfort. thunt, thun. stund, geworden, beschaffen ist. zur Welt, auf der Welt. unsanfte, unerfreuliche; die Bannbriefe. mühet, betrübet, quälet. vergeben, Gift gegeben. schwacher, geringer. euer Ding, eure Sache. Ring, Panzerring. Huben, Grundstücke, Lehengüter. möchte, könnte. bejagen, erjagen, erwerben.
Es kann mit Recht gefragt werden: was, nach der Verschmähung des Irdischen, dem Dichter das Göttliche sey, das ihn entschädige und erhebe?