Das zuletzt ausgehobene Gedicht benennt uns den Kampf unter der Fahne des Kreuzes. Es ist bemerkenswerth, wie der Dichter, der sonst um das Gold der Fürsten geworben, jetzt, dieses verschmähend, selbst eine Krone, die himmlische, erwerben möchte. Das heilige Land ist ihm die durch Gottes irdischen Wandel verklärte Erde; der Kampf um dieses Land eine höhere Weihe, ein Uebertritt vom Dienste der Welt in den des Himmels; der Tod in diesem Kampfe der geradeste Pfad nach dem Reiche Gottes.
Große Verehrung widmet Walther der Königin der Engel, deren keuscher Leib den umfieng, den Höhe, Breite, Tiefe, Länge nie umgreifen mochte (I 133a).[86]
Er theilt diese besondre Verehrung der heiligen Jungfrau mit den andern Dichtern seiner Zeit. Sie hieng selbst mit dem Minnesange zusammen. »Der Welt Hort -- sagt Reinmar von Zweter (II 143a) -- liegt gar an reinen Weiben, ihr Lob, das soll man höhen und treiben; was Gott je erschuf, das übergelten sie, es ward geboren sein selbes Leib von einer Magd, das gab er ihnen zu Steuer.« Und es geht wohl aus dieser Ansicht von der höheren Weihe der Frauen hervor, wenn derselbe Dichter meint: »flüchtete sich ein Wolf zu Frauen, man sollte ihn um ihretwillen leben lassen.« (II 152b)
Auch über den Kriegsheeren schwebte die heilige Jungfrau. In seinem Kreuzgesange (I 125b) ruft Walther die Königin ob allen Frauen an[87]. »St. Marie, Mutter und Magd, unsre Noth sey dir geklagt!« sangen die Heere, wenn sie in die Schlacht zogen (Horneck, Cap. 440 682 83).
Ein vorzüglicher Grund des Mariendienstes im Mittelalter lag in dem Glauben, daß Gott keine Fürbitte seiner Mutter unerhört lasse. Walther singt: »Nun loben wir die süße Magd, der ihr Sohn nimmer nichts versagt! Sie ist des Mutter, der von Hölle uns löste. Das ist uns ein Trost vor allem Troste, daß man da zu Himmel ihren Willen thut.« (I 126a). Aus andern Dichtern könnten ähnliche Stellen angeführt werden. So wie aber der Sohn die Mutter erhört, so wird hinwider die Mutter bei dem Namen des Sohnes gemahnt. »Hilf mir durch deines Kindes Ehre, daß ich meine Sünde büsse!« ruft Walther zu ihr (I 133a)[88].
Es war sonst schon Anlaß, seine Gedichte mit Gemälden zu vergleichen. Wie zuvor den Kirchenzug des Königs oder den Ausgang einer herrlichen Frau, so stellt er uns jetzt geistliche Bilder auf aus der Geschichte Mariens und ihres göttlichen Sohnes. Besonders schön sind zwei derselben, die Kreuzigung und der Tod Jesu, rührend durch die bloße Darstellung, ohne allen Erguß der Empfindung:
Sünder! du sollt an die große Noth gedenken,
Die Gott um uns litt, und sollt dein Herz in Reue senken!
Sein Leib war mit scharfen Dornen gar versehret,
Und noch ward manigfalt sein' Marter an dem Kreuze gemehret.
Man schlug ihm dreie Nägel durch Hände und auch durch Füsse.
Jammerlichen weinte Maria, die Süsse,
Da sie ihrem Kinde das Blut aus beiden Seiten fließen sach.
Traurigliche Jesus von dem Kreuze sprach:
»Mutter! ist doch euer Ungemach
Mein zweiter Tod. Johann! du sollt der Lieben Schwere
büssen!«
(I 133a)
sach, sah. Schwere büssen, Kummer stillen.
Der Blinde sprach zu seinem Knechte: »Du sollt setzen
Den Speer an sein Herze! so will ich die Marter letzen.«
Der Speer gegen all der Welte Herren ward geneiget.
Maria vor dem Kreuze trauriglichen Klage erzeiget;
Sie verlor ihr' Farbe, ihr' Kraft, in bitterlichen Nöthen,
Da sie jämmerlich ihr liebes Kind sah tödten
Und Longinus den Speer ihm in sein' reine Seite stach.
Sie sank unmächtig nieder, daß sie nicht hörte und nicht
sprach.
In dem Jammer Christe sein Herz brach.
Das Kreuz begunnte sich mit seinem süßen Blute röthen.
(Ebd.)