letzen, endigen. Longinus, der h. Longinus ist, nach der Legende, der Kriegsknecht, welcher die Seite Jesu mit dem Speer öffnete. Von dem niederströmenden Blute soll ein Blinder geheilt worden seyn.
Niemand wird sich wundern, den Dichter in den Vorstellungen seiner Zeit befangen zu finden. Aber auch in freier Bewegung zeigt sich uns derselbe.
Von eigener Aufrichtigkeit ist nachfolgende Beichte:
Viel hochgelobter Gott! wie selten ich dich preise!
Da ich von dir doch beides habe, Wort und Weise,
Wie wag' ich so zu freveln unter deinem Reise!
Ich thu' nicht rechte Werke, noch hab' ich wahre Minne
Zu meinem Nebenchristen, Herre, noch zu dir.
So hold noch ward ich ihrer keinem je, als mir.
Gott Vater und Gott Sohn, dein Geist berichte meine Sinne!
Wie sollt' ich den wohl minnen, der mir übel thut?
Mir muß der immer lieber seyn, der mir ist gut.
Vergieb mir andre meine Schuld! ich will noch haben den
Muth. (I 131a)
Von Walthers freimüthigen Aeußerungen gegen die Priesterherrschaft ist umständlich gehandelt worden. Wenn er zum Kampfe für die Erlösung des heiligen Grabes eifrig ermuntert, so ist er darum nicht eben von blindem Hasse gegen nichtchristliche Mitmenschen beherrscht. »Räche, Herr! -- betet er -- dich und deine Mutter an denen, die eures Erblandes Feinde sind! Laß dir den Christen gleich wenig gelten, als den Heiden! Du weißt wohl, daß nicht die Heiden allein dich irren, die sind wider dich doch öffentlich unrein; zeige die in ihrer Unreine, die es mit jenen heimlich gemein haben.« (I 103a)[89]. Als den Vater aller Menschen erkennt er den Herrn, wenn er ausruft: »Ihm dienen Christen, Juden und Heiden, der alle lebende Wunder nährt.« (I 128b) Um Vieles duldsamer und freidenkender, als der Freigedank (V. 481-84), den es gewaltig verdrießt, daß Gott Christen, Juden und Heiden gleiches Wetter giebt.
Am reinsten aber und über allen Wahn der Zeit erhaben erscheint seine Anbetung da, wo er vor Gott sich niederwirft, als dem Unbegreiflichen, den zu erforschen alle Mühe bei Tag und bei Nacht verloren ist, den keine Predigt und keine Glaubenssatzung erklärt:
Mächtiger Gott! du bist so lang und bist so breit.
Gedächten wir daran, daß wir unsre Arebeit
Nicht verlören! Dir sind beide ungemessen: Macht und
Ewigkeit.
Ich weiß an mir wohl, was ein Andrer auch drum trachtet,
Doch ist es, wie es stets war, unsern Sinnen unbereit.
Du bist zu groß, du bist zu klein; es ist ungeachtet.
Dummer Gauch, der daran betaget oder benachtet!
Will er wissen, was nie ward geprediget noch gepfachtet?
(I 102b)
unbereit, unzugänglich. ungeachtet, unermessen, ungeschätzt. daran betaget oder benachtet, Tag oder Nacht darauf wendet, damit hinbringt (Vgl. II 112a). gepfachtet, in Satzungen gefaßt, von Pfacht, Satzung, Gesetz.
Unsre Blicke sind dem Dichter in das Gebiet des Unendlichen gefolgt und hier mag er uns verschwinden. Es ist uns keine Nachricht von den äußeren Umständen seiner letzten Zeit geblieben, gleich als sollten wir ihn nicht mehr mit der Erde befaßt sehen, von der er sich losgesagt, und von seinem Tode nichts erkennen, als das allmählige Hinüberschweben des Geistes in das Reich der Geister.
Davon jedoch ist Kunde vorhanden, wo seine irdische Hülle bestattet worden. In der Würzburger Liederhandschrift, aus der ersten Hälfte des vierzehnten Jahrhunderts[90], findet sich die Nachricht, daß Herr Walther von der Vogelweide zu Würzburg zu dem Neuenmünster in dem Grasehofe begraben liege. In einer handschriftlichen Chronik aber ist eine liebliche Sage mit Folgendem aufbewahrt: im Gange des Neuenmünsters, gewöhnlich Lorenzgarten genannt, sey Walther begraben unter einem Baume. Dieser habe in seinem Testament verordnet, daß man auf seinem Grabsteine den Vögeln Waizenkörner und Trinken gebe; und, wie noch jetzt zu sehen sey, hab' er in den Stein, unter dem er begraben liege, vier Löcher machen lassen zum täglichen Füttern der Vögel. Das Kapitel des Neuenmünsters aber habe dieses Vermächtniß für die Vögel in Semmeln verwandelt, welche an Walthers Jahrestage den Chorherrn gegeben werden sollten, und nicht mehr den Vögeln. Im Gange des vorbesagten Gartens, gewöhnlich im Kreuzgang, sey von diesem Walther noch Folgendes, in lateinischen Versen, in Stein gehauen, zu lesen: »Der du bei Leben, o Walther, der Vögel Weide gewesen bist, Blume der Wohlredenheit! Mund der Pallas! du starbest. Damit nun deine Frömmigkeit den himmlischen Kranz erlangen möge, so spreche, wer Dieses liest: sey Gott seiner Seele gnädig!«[91]