Wir setzten unseren Weg fort. Für die Maschine und für uns brauchten wir Wasser; wir konnten nicht halten, bevor wir es nicht gefunden hatten. Von einem Augenblick zum andern hofften wir, den Fluß Chara-gol anzutreffen. Wir beobachteten sehnsüchtig den Weg vor uns, und bei jedem Tale, bei jedem Üppigerwerden der Vegetation sagten wir uns: „Dies muß der Fluß sein“ — aber der Fluß ließ sich nicht sehen, und wir fuhren mit neuem Vertrauen weiter, um ihn zu suchen.

Es war Mondschein. Wir hatten keine Laternen, das heißt, wir hatten sie schon, aber sie waren nicht zum Anzünden bereit. Wir befanden uns mitten zwischen Anhöhen, und der Pfad wandte sich durch enge Täler, ging bergauf, bergab, kaum erkennbar am Grase der Wegränder. Angespannt beobachteten wir die Wegspur, voll Furcht, sie zu verlieren.

Für unser müdes Auge nahm unter dem gespenstischen Lichte des Mondes alles ein furchterweckendes, unbestimmtes phantastisches Aussehen an. Die Umrisse der Hügel, die düsteren Gründe der Täler, die Gesträuche ließen uns bisweilen erschauern; sie hatten eine geheimnisvolle, unbestimmbare Form. Es schien eine leise Bewegung in den Dingen zu herrschen, schweigende, unbekannte Gestalten schienen an uns vorüberzustreichen. Wer je in der Nacht durch unbekannte, öde Gegenden gereist ist, hat diese bizarren Verwandlungen erblickt, und wenn er am Tage nach denselben Örtlichkeiten zurückgekehrt wäre, so würde er erstaunt sein, sie so ganz anders zu finden. Man möchte sagen, die Erde benutze die Dunkelheit der Nacht, um ein ihr eigenes geheimnisvolles Leben zu führen. In der Nacht tritt alles, was es Märchenhaftes, Ausschweifendes, Widersinniges in unserer Phantasie gibt, hervor und nimmt im Dunkel Platz. Es gibt nicht zwei Menschen, die eine nächtliche Landschaft auf dieselbe Weise erblicken: jeder sieht seine Landschaft.

Die „Itala“, aus dem Sumpfe befreit, bereit, die Weiterfahrt nach Kiachta anzutreten.

In der Tat bemerkte jeder von uns in dieser unvergeßlichen Nacht etwas, was die andern nicht zu sehen vermochten. Es waren Flüsse, es waren Häuser, es waren unbeweglich dastehende Menschen, alles Erscheinungen, die verschwanden, wenn wir näherkamen. Das Gelände schien zur raschen Fahrt geeignet, aber von Zeit zu Zeit hörten wir den Sand unter den einsinkenden Pneumatiks knirschen, und der Motor mußte sich anstrengen. Dann wurde die Maschine mit aller Kraft vorwärtsgetrieben, damit sie nicht steckenbliebe. Einmal sahen wir wirkliche Wesen, die sich bewegten, es waren Kamele. Wir kamen dicht an einer lagernden Karawane vorüber. Zwei Männer standen am Wege. Sie wandten sich mit einer raschen Bewegung um und rührten sich nicht mehr. Wir hätten ihren Gesichtsausdruck sehen mögen beim plötzlichen Erscheinen dieser schwarzen Masse, die unter Getöse durch die Wüste dahinraste.

„Wie spät ist es?“ fragte der Fürst, dessen Uhr zerbrochen war.

Ich zündete vorsichtig ein Streichholz an und sah auf meine Uhr.

„4 Uhr.“

Wir waren seit früh 4 Uhr unterwegs. Siebzehn Stunden beständiger Arbeit und aufreibender Nervenanspannung! Wir waren müde. Der Chara-gol zeigte sich immer noch nicht. Wir konnten ihn nicht verfehlen, denn sein Lauf mußte unsere Straße kreuzen.