Seit dem vorigen Abend hatten wir Zeichen bemerkt, die unser Interesse erregten. Es waren die Fußspuren zweier Europäer und eine Wagenspur. Wenn man auf einer Strecke von Tausenden von Kilometern nur die Spuren chinesischer Schuhe und mongolischer Stiefel gesehen hat, so macht der Abdruck einer europäischen Sohle den Eindruck, als habe man das Porträt eines Bekannten vor sich.

Die Spuren liefen in derselben Richtung, die wir einschlugen, und sie waren frisch. Sie verschwanden bisweilen; in der Ebene hatten wir sie verloren, dann entdeckten wir sie wieder und fanden ein eigenartiges Vergnügen daran. Wir sprachen von ihnen. Wann waren sie dem Boden eingedrückt worden? Vor einer Stunde, vielleicht auch vor kürzerer Zeit? Sie deuteten auf den sicheren und weit ausgreifenden Schritt zweier junger Männer. Es waren keine Wagenführer, weil ein sibirischer Wagenführer viele Telegas in einer Reihe leitet, während hier zwei Männer einen einzigen Wagen begleiteten. Der Wagen schien nicht schwer beladen gewesen zu sein, denn die Furchen waren leicht; er mußte irgendeine wertvolle Ware mit sich führen, die wenig wog und doch einen sicheren Schutz erforderte. Man glaubt nicht, wie sehr diese Kleinigkeiten in der endlosen Eintönigkeit einer Reise wie der unseren imstande sind, die Neugier zu erregen und unerschöpflichen Unterhaltungsstoff zu liefern. Ein Zeichen, eine Spur, ein Geräusch tragen die Phantasie in die schöne, unerforschte Welt der Vermutungen hinüber. Es ist die einzige Unterhaltung.

An einem Abhange holten wir unsere Europäer endlich ein. Es waren zwei junge blonde und kräftige Russen, dem Anscheine nach Arbeiter. In dem von einer Plane überdeckten Wagen wurde eine ebenfalls junge Frau mit einem Kinde an der Brust sichtbar. Wir wechselten einen Gruß: „Do svidania!“, unseren ersten russischen Gruß.

Jetzt kam der Orchon in Sicht, eingesäumt von einer durstigen Menge üppigwachsender Pflanzen. In Schlangenwindungen floß er durch sein unermeßliches grünes Tal, in dem Rinder weideten. Wir sahen den Fluß von der hohen Uferböschung aus. Einen Augenblick hielten wir ihn für den Iro. Dann wandte sich der Pfad nach Norden, stieg bergab und führte uns durch andere Ebenen, wo wir genötigt waren, unsere Untersuchungen von neuem zu beginnen. Wir überschritten kleine Wasserläufe, Nebenflüsse des Iro, in die wir erst hineinwateten, um den Grund zu untersuchen und die für den Übergang des Automobils geeignetsten Stellen ausfindig zu machen. Mächtige und schwer zu passierende Sanddünen kündigten die Nähe eines großen Flusses an. Endlich erblickten wir den Iro; klar und breit strömte er rasch dahin.

Wie ohne Brücke und Fähre über den Iro kommen?

So hatten wir ihn denn erreicht! Wie aber hinüberkommen? War es möglich, ihn mit Hilfe des Motors zu durchfahren? Ettore watete in das Wasser hinein; er hatte aber noch nicht hundert Schritte gemacht, als wir es ihm schon bis an die Hüften reichen sahen. Er berichtete:

„Wir müssen eine andere Art ausfindig machen. Der Grund ist gut, aber das Wasser würde den Magneten bedecken. Die Zündung würde nicht mehr funktionieren, und wir würden plötzlich, mitten im Strom, stillstehen. Die Strömung ist sehr stark; zuweilen drohte sie mich mit fortzureißen.“

Wir dachten an den Bau einer Fähre. Um das Gewicht des Automobils zu tragen, wäre eine sehr große Fähre erforderlich gewesen und mindestens zwei Lagen Balken; wo sollten wir aber so viel Holz hernehmen? Als wir uns umsahen, entdeckten wir neben einem kleinen Gebüsch eine alte Hütte, die einer sibirischen Isba ähnelte, umgeben von einer niedrigen Palissadenwand.

„Kaufen wir die Hütte,“ schlug ich vor, „reißen wir sie ein, und wir haben genug Holz zum Bau einer Fähre.“