Zugleich mit den Ochsen und dem Automobil betraten sämtliche Mongolen das Bett des Iro; einige zu Fuß, andere zu Pferde, zu zweit und dritt auf einem Tiere reitend. Auch die Frauen bestiegen ihre Sättel, um den Schiffszug zu begleiten. Der Fürst erhielt ein Pferd zur Verfügung gestellt. Ich stand im Begriff, ebenfalls zu Pferd in aller Ruhe den Übergang zu bewerkstelligen, und war vor allem darauf bedacht, den photographischen Apparat durch Hochhalten aus dem wahrscheinlichen Bereich der Spritzer zu bringen, als jemand hinter mir auf meinen Sattel sprang. Es war ein Mongole, der dies ganz natürlich fand. Mit heiterer Vertraulichkeit hielt er sich an meinen Schultern fest, und so kamen wir selbander in brüderlicher Gemeinschaft ans andere Ufer.
Mitten im Flusse verschwanden die Räder des Automobils, und das Wasser schoß gurgelnd über den Boden der Karosserie. Die Ochsen zauderten einen Augenblick, als sie die Stärke der strudelnden Strömung spürten, die sie von ihrem Wege abdrängte; aber die Zurufe und der Stachelstock spornten sie zu neuer Kraftentfaltung an, und eine Minute später wohnten wir dem ungewöhnlichen Schauspiele bei, daß ein Automobil über und über triefend und unter Hinterlassung einer breiten nassen Spur aus dem Bade kommt. Von dem Augenblicke an, als wir an das linke Ufer gelangt waren, bis zu dem, als wir das rechte erreichten, waren zweieinhalb Stunden verflossen. Es ist dies viel Zeit zum Zurücklegen einer Wegstrecke von 300 Metern!
Eine halbe Stunde später waren wir marschfertig, um den letzten Zipfel der Mongolei zu durchqueren. Wir benachrichtigten die wackeren Mongolen von der Ankunft noch mehrerer solcher Wagen wie des unsrigen und fuhren ab. In diesem Augenblicke entbrannte unter den braven Leuten ein anscheinend wütender Streit über die Verteilung des Geldes. Man hätte sagen können, sie seien im Begriff, zu den Messern zu greifen, wenn man nicht wüßte, daß die Mongolen mit Entsetzen vor Blutvergießen zurückschrecken; ihre Religion verbietet es ihnen, und sie gehorchen ihr buchstäblich. Wenn sie sich an einem Feinde rächen wollen, so — erdrosseln sie ihn.
Wir fuhren rasch; wir hatten Eile, die russische Grenze zu überschreiten. Ich weiß nicht warum, aber wir hatten den Eindruck, als seien jenseits der russischen Grenze die Wegschwierigkeiten zu Ende. Wir gaben uns der tröstlichen Illusion hin, daß von nun an alles sich zu einer langen Reihe von Spazierfahrten gestalten werde. Auf den Karten waren von Kiachta an die Straßen mit zwei Linien statt mit einer bezeichnet. War das nicht der Beweis einer großen Veränderung? Diese beiden Linien erschienen uns köstlich. Wir schlugen alle Augenblicke die Karte nur zu dem Zwecke auf, um diese Linien mit dem Auge zu verfolgen und schon im voraus die Freude einer ununterbrochenen „60 in der Stunde“ zu kosten.
Etwa 40 Kilometer vom Iro entfernt traten wir in den Schatten majestätischer Kiefernwälder. Infolge des trockenen, glatten Geländes gab es eine rasche Fahrt im Walde. In wenigen Minuten fühlten wir uns schon unendlich weit vom chinesischen Reiche entfernt, obwohl die Räder unseres Automobils noch auf dessen Boden dahinrollten. Wir wechselten Worte der Bewunderung und Begeisterung, als seien wir unser Lebenlang nie in einem Walde gewesen. Zu Füßen der mächtigen geraden Stämme breitete sich ein weicher Rasenteppich aus. Wir atmeten Harzduft ein. Wir kamen an grünen Waldwiesen vorüber, die in uns die Lust erweckten, zu halten, uns auf einem alten gestürzten Stamme niederzulassen und uns des Schattens zu erfreuen.
„Wie schön!“ wiederholten wir. „Es ist wie in einem Parke.“
Wenn wir jetzt daran zurückdenken, so war die Schönheit gar nicht so außerordentlich, aber die Neuheit war groß. Der Bogda-ola hatte uns auch Wälder sehen lassen, aber nur von ferne, und hier nahm uns der Wald selbst auf. Der Unterschied ist ganz gewaltig, wenn man aus der Wüste kommt.
Der Weg war etwas sandig und infolge hier und da hervorstehender Wurzeln etwas holprig, aber verhältnismäßig gut. Nach einigen Stunden trat jedoch eine Veränderung ein, die uns den Wald unerträglich machte: der Himmel hatte sich mit Wolken bedeckt. Wenn der Sonnenschein fehlt, macht die Gesellschaft der Bäume traurig; sie fügt Schatten zu Schatten; die Dunkelheit wirkt beklemmend, weil sie gleichmäßig verbreitet ist, und erfüllt uns mit der ganzen Melancholie der Abenddämmerung.
Als wir aus den Kiefernwäldern herauskamen und der Horizont sich entfaltete, bemerkten wir im Norden eine schwarze Wetterwand. Unterhalb der düsteren, niedrig schwebenden, bleigrauen Wolken zog sie sich in der Form eines Nebelstreifens über die Erde. Sie verbreitete sich wie der Rauch einer sich rasch ausdehnenden Feuersbrunst. Die Luft war still.
Wir fuhren in ein sandiges Tal hinab. Eine kleine Wagenkarawane hatte sich hier gelagert. Das Benzin im Motor war zu Ende, und wir mußten aus den Behältern neues aufgießen; wir hielten daher. Mit einem Male wurde die Stille der Luft gestört, ein plötzlicher Windstoß fuhr heulend vorbei. Er war der Vorbote eines Orkans, der sich nach wenigen Minuten wütend auf die Ebene stürzte und Wolken von Staub aufwirbelte, die uns zwangen, die Augen zu schließen.