Es war der Abschiedsgruß der Mongolei! Wir erlebten ein in jenen Gegenden häufiges Schauspiel: einen Sandsturm. Wir befanden uns in einem Luftwirbel. Das Automobil wurde hin und her gerüttelt; wir hielten uns dicht an die Maschine, die uns als Windschutz diente. Die Richtung des Windes wechselte wirbelartig. Der Sand lief wie eine Flüssigkeit über den Boden hin; er bildete gelbe Ströme, häufte sich zusammen und erhob sich in Wirbeln. Der heftigste Anprall dauerte aber nur wenige Minuten, und nach einer halben Stunde ließ der Sturm mit derselben Schnelligkeit, mit der er gekommen war, nach. Wir sahen den Orkan sich entfernen, wie man auf der Erde den Schatten der Wolken dahinhuschen sieht.

Kiachta konnte nicht mehr weit sein. Es war 4½ Uhr nachmittags. Wir wollten rechtzeitig eintreffen, um vor Einbruch der Nacht noch die Geschäfte auf dem Zollamt zu erledigen und auf russischem Boden zu schlafen. Wir suchten daher die Fahrt zu beschleunigen, aber der Weg führte uns über Dünen, in denen die Räder einsanken. Der Sand lag lose und hoch und leistete uns einen immer größeren Widerstand. Die Laufräder begannen sich zu drehen, ohne sich fortzubewegen; sie schleiften auf dem Boden. Der Motor strengte sich an und erhitzte sich, und der Dampf strömte zischend aus dem Kühler. Es fehlte uns an Wasser, und aus Furcht, einen Teil der Maschine zum Schmelzen zu bringen, gewährten wir dem Motor lange Ruhepausen. Er verbreitete eine Hitze, die sich schon von fern bemerkbar machte, jedesmal aber warteten wir die Abkühlung ab. Während dieser Ruhepausen arbeiteten wir, ebneten den Weg vor den Rädern mittels des Spatens und schaufelten so viel Sand weg, bis wir auf eine feuchte, härtere Schicht stießen. Dann ging es wieder vorwärts; wir unterstützten die Anstrengungen der Maschine durch Schieben. Zentimeter auf Zentimeter rückten wir vor. Wir brauchten eine Stunde, um einen halben Kilometer zurückzulegen, und gelangten dann in steilem Aufstieg zum Gipfel.

Auf halber Höhe zeigte sich uns Kiachta. In der Entfernung von zwei Kilometern lag es in ein Tal eingebettet, um vor den Stürmen geschützt zu sein. Daher hatten wir es auch vorher nicht gesehen. Sie verbarg sich vor uns, die stolze Stadt!

Wir empfingen in der Tat von Kiachta den Eindruck stolzer Großartigkeit. Das Bild wuchs in unserer Phantasie ins Riesengroße, zu einem wahren Schönheitstraum. Wir sahen spitze Glockentürme, weiße Häuser mit Fenstern, Giebeldächer, Fabriken mit hohen Schornsteinen — alles wunderbare, unglaubliche Dinge! Diese Formen setzten uns in Erstaunen, weil sie uns vertraut waren. Es schien, als sei uns Europa bis zur Mongolei entgegengekommen.

So waren wir also angelangt! Wir fühlten Freude und Stolz darüber. Wir betrachteten diese Stadt, die zwischen dem Grün der Bäume weiß hervorschimmerte, als hätten wir sie erobert. Ihr Erscheinen war eine Überraschung, ihr Anblick eine Offenbarung.

Von diesem Augenblicke an prägte sich der Name Kiachta dem Geiste Ettores unauslöschlich ein und teilte sich hinfort mit Kalgan in die Ehre, alle Städte des russischen Ostens zu bezeichnen.

Vor Kiachta dehnt sich eine niedrige, regellose Menge kleiner Häuser aus: es ist Maimatschen, die letzte chinesische Stadt. Urga ist eine dreifache, Kiachta eine doppelte Stadt. Die Häuschen von Maimatschen drängen sich auf der Grenze der beiden Reiche an die slawischen Gebäude heran, als wollten sie sich deren Einmarsch entgegenstellen. Die russische und die chinesische Stadt liegen nicht wie in Urga weit voneinander entfernt, sondern berühren einander. Es sieht aus, als stießen sie sich, als suchten sie einander vom Platze zu drängen, als machten sie sich das Gelände Zoll um Zoll streitig. Die neutrale Zone ist nur wenige Meter breit — ein kleiner Rasenstreifen, auf dem sich einer Schildwache gleich der hohe Pfeiler erhebt, der die Grenze bezeichnet. Die Nachbarschaft hat kein vertrautes Verhältnis im Gefolge gehabt. Auf der einen Seite Stockchinesentum, auf der andern Stockrussentum. Eine Ansiedlung, die an der Wolga liegen könnte, ist mit einer solchen vereinigt, die sich am Jang-tse-kiang befinden könnte!

Was uns in Maimatschen in Erstaunen setzte, war der Umstand, daß sich hier die am schärfsten ausgeprägten Charakterzüge Chinas finden. Es gleicht weniger einem Orte der Provinz Tschili als einem von Hu-pe; es gehört mehr dem Süden als dem Norden des Reiches an. In der Tat stammen seine Bewohner aus der Umgebung von Hankou, aus dem eigentlichen Herzen Chinas. Sie kommen aus dem Lande des Tees und sind des Tees wegen nach Maimatschen gewandert. Kiachta und Maimatschen verdanken ihr Dasein einzig und allein dem Tee, der auf langen Reihen von Kamelen durch die Wüste kommt (oder besser kam). Kiachta nimmt ihn in Empfang, Maimatschen übergibt ihn. Dieser Ort ist Jahrhunderte hindurch der Mittelpunkt eines der größten Weltmärkte gewesen. Der Handel mit Tee hat fabelhafte Reichtümer von Hankou nach Moskau gebracht; sein Transport hat die Saat des Wohlstandes auf zwei Kontinenten zurückgelassen. Der Tee ist eine der reichsten Quellen des Gewinnes zweier Völker geworden, die in jenen Einöden ein dauerndes Kompaniegeschäft gegründet haben. Es sind China und Rußland, die miteinander im Vertragsverhältnisse stehen.

Die Bewohner von Maimatschen haben alle ihre Gewohnheiten, ihre Gebräuche, ihre Geschmacksrichtungen mitgebracht. Die Außenwände der Häuser sind roh, einförmig kahl und grau, weil der Chinese seinen Luxus nicht für die Vorübergehenden zur Schau stellt. Aber durch jede offene Tür sehen wir in das Innere großer, buntbemalter Höfe hinein und auf den Türpfosten, auf den spanischen Wänden, die die Blicke der Fremden abhalten sollen, auf den Pfeilern drehen und winden sich Drachen und andere lebhaft gefärbte Fabeltiere, gestikulieren bizarre Gestalten, fliegen Phönixe inmitten eines Gewirrs traditioneller Ornamente, erglänzen große vergoldete chinesische Schriftzeichen, die „langes Leben“ und „viel Glück“ bedeuten — die ganze ins Auge fallende Zusammenstellung von Dingen, die in China die Aufgabe haben, das Böse zu vertreiben und das Gute anzulocken. Eine derartige überströmende ornamentale und symbolische Fülle ist den echt chinesischen Ortschaften Chinas jenseit des Gelben Flusses eigen, wohin der tatarische Einfluß nicht gedrungen ist.