„Nein, aber jetzt benutzt man den Flußweg. Es gibt Dampfboote, die den Verkehr zwischen Werchne-Udinsk und Ust-Kiachta auf der Selenga vermitteln, und von hier bis Ust-Kiachta ist die Straße für Telegas noch gangbar.“
Die Auskünfte über die Straßen, die wir von allen Seiten erhielten, konnten nicht entmutigender lauten.
„Über die Maßen schlecht, schauderhaft, unwegsam!“ hatte uns der Polizeikommissar mit seiner dröhnenden Stimme gesagt. „Haben Sie Sümpfe in der Mongolei angetroffen? Sie werden noch schlimmere finden. Wissen Sie, welche Art von Sümpfen die Engländer mit ‚Bog‘ bezeichnen? Nun, Sie werden auf ‚Bogs‘ stoßen, wie Sie in Ihrem Leben noch nicht gesehen haben! Und Abhänge, daß Sie sich den Hals brechen können! Anhöhen, auf die Sie das Automobil nur mit Seilen hinaufziehen können! Und Sand, einen Meter hoch! Wollen Sie noch mehr wissen? Noch heute will ich durch meine Agenten die einzigen Leute befragen lassen, die jene Straße benutzen, die Telegraphenarbeiter, die die Linie auszubessern haben. Sie sollen alle Einzelheiten erfahren. Ich für meine Person bin unerschütterlich fest davon überzeugt, daß Ihr Automobil nicht durchkommt.“
„Ist es möglich?“ riefen wir mit schmerzlichstem Erstaunen aus und dachten dabei an jene hübschen Doppellinien der Landkarte. „Wir haben doch alle Schwierigkeiten der Straße zwischen Urga und Kiachta überwunden.“
Unsere Unfälle in der Mongolei interessierten alle Teemillionäre. Die Nachricht von der Fahrt Peking–Paris hatte in Kiachta ein Publikum gefunden, das darüber in Aufregung geriet. Neue Hoffnungen erwachten. Man erwartete mit Spannung die Erprobung des Automobils auf mongolischem Boden. Sollte es nicht möglich sein, das Kamel durch das Automobil zu ersetzen und die Konkurrenz der Eisenbahn bei der Teebeförderung zu besiegen? Unsere Ankunft versetzte die alten Teekaufleute in hochgradige Erregung. Wir hatten die Strecke von Kalgan bis Kiachta in 7 Tagen zurückgelegt, während die Karawanen 20 brauchten. Sie fragten uns nach tausenderlei Dingen, über die Kosten des Benzins, über die Möglichkeit, schwere Lasten zu befördern, über den Preis der Maschine. Sie diskutierten eifrig untereinander. Aus ihren Reden ersahen wir, welches der Hauptgrund gewesen war, der sie in Kiachta zurückgehalten hatte: sie erwarteten, daß die russische oder die chinesische Regierung die mongolische Bahn bauen würde, eine Bahn, die von der Logik der Dinge gefordert und daher unausbleiblich war.
Es kann noch viel Zeit vergehen, aber kommen wird die Bahn. Dann würde Kiachta, durch den Schienenstrang mit Hankou verbunden, allen chinesischen Tee direkt aus den Produktionsorten an sich ziehen. In die ruhige und geduldige Erwartung der mongolischen Linie warf das Automobil ein Fieber neuer Ideen und neuer Pläne hinein. Augenblicklich jedoch ist das Automobil, wenn es sich auch selbst in der Wüste als schnelles Verkehrsmittel bewährt hat, noch kein praktisches Beförderungsmittel. Die „Itala“ hätte nach Kiachta nicht mehr als 200 Kilogramm Tee bringen können, und zwar mit einem Kostenaufwand von ℳ 1,20 bis 1,60 für das Kilogramm.
Wie das dem Fürsten in Peking zugegangene Telegramm in Aussicht gestellt hatte, erhielten wir in Kiachta eine ausführliche Liste unserer Ersatzvorräte mit Angabe der Menge der einzelnen Gegenstände und der Entfernungen von einem Depot zum andern in Werst. An der Spitze der Liste stand Kiachta. Aber in Kiachta war auch nicht ein Tropfen unseres Benzins angekommen! Das Brennmaterial, das wir noch in den Behältern hatten, hätte vielleicht hingereicht, uns bis zum Baikalsee zu bringen, aber wir waren nicht sicher. Die sehr schwierige Straße von Urga hierher hatte den Motor oft zu angestrengter Tätigkeit gezwungen und den Benzinverbrauch erhöht. Wenn der künftige Weg ebenso schlecht war, so würde unser gesamter Reservevorrat aufgebraucht werden, bevor wir das nächste Depot erreichten! Hätten wir es dann in Wirklichkeit und nicht nur auf der Karte auffinden können? Würden wir nicht gezwungen sein, vielleicht auf Wochen hinaus festzuliegen?
Das Glück war uns günstig. Einer der reichsten Kaufleute von Kiachta hatte vor Jahren den Einfall gehabt, sich ein Automobilwägelchen und mit ihm eine große Menge Benzin kommen zu lassen. Das kleine Automobil hatte den guten Gedanken gehabt, infolge eines Schadens, dem der Schmied des Ortes bisher nicht hatte beikommen können, die Arbeit einzustellen; das Benzin war im Keller eines Magazins liegengeblieben und wartete sozusagen auf die unwahrscheinliche Gelegenheit, daß ein Automobil durchkäme. Herr Sinitzin, der als Agent der Russisch-Chinesischen Bank unser Depot hätte in Empfang nehmen sollen, erinnerte sich des Wägelchens seines Freundes und verschaffte uns das wertvolle Brennmaterial, nachdem wir das halbe Russische Reich vergebens mit dringenden Telegrammen bestürmt und uns schon entschlossen hatten, unser Glück zu versuchen. So vervollständigten wir unsere Vorräte.