Wir fuhren über zahlreiche kleine Brücken, die so breit waren wie die Schwellen und über tiefe Gebirgsströme führten, deren Gewässer wir durch die breiten Zwischenräume zwischen den einzelnen Schwellen schäumen sahen. Diese durchlöcherten Brücken, die aus voneinander abstehenden Bohlen bestehen, die nur von den Schienen zusammengehalten zu werden scheinen, sehen zum Entsetzen leicht und gebrechlich aus. Man weiß, daß sie fest sind, aber man sieht es nicht. Das Automobil fuhr mit den linken Rädern zwischen den Schienen und mit den rechten Rädern auf den schmalen, nach außen vorspringenden Teilen der Schwellen. Auf den Brücken rollten daher die rechten Räder im wahren Sinne des Wortes am Rande des Abgrundes hin; es handelte sich nur um wenige Zentimeter. Für einen stets aufmerksamen Führer mit sicherer Hand bot diese Fahrt in technischer Hinsicht keine Schwierigkeiten. Aber es war in jenen Augenblicken unmöglich, sich einer leichten, instinktiven, geheimen Erregung zu entziehen, die uns die Fäuste ballen ließ und nicht gestattete, das Auge von dem Laufrad und seiner Bewegung auf dem schmalen Rande, auf den in den leeren Raum hinausragenden Balkenenden abzuwenden. Man konnte sich nicht vollständig von dem Gedanken freimachen, daß, alles in allem genommen, unsere Sicherheit von den Fähigkeiten eines einzelnen Mannes abhing, und daß auch der Geschickteste einen Augenblick der Schwäche, des Unglücks haben kann; er kann einer Sinnestäuschung unterliegen, der Ermüdung infolge der fortwährenden Anspannung und Aufmerksamkeit anheimfallen.

Bald sollten wir die große eiserne Brücke über die Mischika passieren, die von fern aussah wie ein riesiger roter, 20 Meter über dem Flusse aufgehängter Käfig. Zur Sicherung der Brücke waren an beiden Enden mit Gewehren bewaffnete Soldaten aufgestellt. Alle Brücken von einer gewissen Bedeutung werden auf diese Weise militärisch bewacht. Man glaubt, eine Eisenbahn in Kriegszeiten zu befahren, die in einem dem Feinde zugänglichen Landstrich einem Handstreiche ausgesetzt ist. Der Eindruck, den man erhält, ist traurig, traurig vor allem, weil in der Tat ein Feind erwartet wird, und dieser Feind Rußlands ist russischer Herkunft!

Der Fluß, der uns zwei Tage zuvor aufgehalten hatte, toste jetzt im Schatten des Urwaldes um die hohen Pfeiler. Wir empfanden Genugtuung darüber, ihn zu überschreiten; es war uns, als ob wir Revanche nähmen. Als wir die Brücke hinter uns hatten, fuhren wir einige Zeit am Ufer des Sees entlang, den die Eisenbahn begleitet und von oben beherrscht. Dann entfernte sich der See, und die Wälder begannen von neuem. Die Gleichmäßigkeit der Straße, die uns anfangs so gut gefallen hatte, wurde uns langweilig. Eine regelmäßige, ebene Straße darf nur dann auf Verzeihung für ihre Einförmigkeit hoffen, wenn sie ein schnelles Dahineilen gestattet. An einer Stelle fanden wir die Strecke in der Ausbesserung begriffen. Eine Schar Arbeiter verlegte das Niveau einer Kurve. Die Schwellen lagen offen da, und der Galopp des Automobils nahm eine unheimliche Natur an. Es war nicht möglich, die Schnelligkeit zu mäßigen, weil die Gefahr bestand, daß wir steckenblieben; die Maschine sprang daher rasch über die Schwellen, lief von einer zur andern und stieß mit den Pneumatiks, deren Bruch wir jeden Augenblick befürchteten, gegen sie an. Zum Glück kehrten wir nach einigen hundert Metern dieses teuflischen Tanzes auf normales Gelände zurück. Wir gelangten an eine Station.

Es war 9¼ Uhr.

Die Station hat keinen Namen, sie hat nur eine Nummer. Sie erhebt sich in völlig unbewohnter Gegend und ist nicht zur Bequemlichkeit der Reisenden errichtet. Sie ist eine sogenannte „Dienststation“, angelegt zur Zeit des Japanischen Krieges wie so viele andere, um die Leistungsfähigkeit der Strecke durch Vermehrung der Zahl der Kreuzungspunkte zu erhöhen. Sie heißt „Sechzehnte Rangierstation“.

Wir werden die „Sechzehnte Rangierstation“ nicht sobald aus dem Gedächtnis verlieren!

Der Stationsvorstand, ein junger, blonder, höflicher Mann, teilte uns mit, daß der Zug aus Myssowaja gleich vorbeikommen werde und daß wir daher unsere Fahrt auf der Strecke nicht fortsetzen könnten. In Wahrheit fehlte bis zur Ankunft des Zuges noch über eine halbe Stunde, aber die Benachrichtigung war verständig, und es war weise, zur Seite zu fahren, um zu warten. Der Stationsvorsteher riet uns, die Fahrt auf der alten, noch gangbaren Heerstraße fortzusetzen und ihr bis zu einem in gleicher Höhe mit dem Eisenbahndamme liegenden Übergang zu folgen, wo wir auf die Strecke zurückkehren könnten. In der Tatsache wollte er aber in Ermangelung von Anordnungen nicht gestatten, an der Station auf die Strecke zurückzukehren, und schickte uns daher in höflicher Weise weit aus seinem Dienstbereiche weg. Wir befolgten seinen Rat. Es handelte sich im Grunde genommen um wenige Kilometer, und wir hatten deren Hunderte auf dem verödeten Wege zurückgelegt. Wir folgten getreulich einem Pfade, den er uns gezeigt hatte, und eine Stunde später rollten wir auf dem Grase der vermaledeiten Straße dahin.

Auch hier war genau wie auf jenen Strecken, die wir schon kannten, kein Zeichen eines vor kurzer Zeit erfolgten Verkehrs, nicht eine Wagenspur zu entdecken. Dichte Gebüsche rahmten sie zu beiden Seiten ein. Wir verloren die Station sofort aus den Augen und befanden uns von neuem in der grünenden und blühenden Einsamkeit. Wir hatten kaum einen halben Kilometer zurückgelegt, als sich uns eine alte Holzbrücke zeigte.